Warum der Bürgermeister von Luzzara seine Bürger zum Filmschauen verdonnert

Interview Andrea Costa : „Verstöße können auch mit ‚Citizen Kane’ geahndet werden“

Wie der Bürgermeister einer italienischen Gemeinde mit Strafen wie dem Schauen von Filmen gegen den Niedergang der Gesellschaft angeht.

Andrea Costa, Bürgermeister von Luzzara in der italienischen Emilia-Romagna, hat zu Jahresbeginn ein „Boshaftigkeitsverbot“ in seiner Gemeinde erlassen. Jede Äußerung von „Boshaftigkeit, Groll oder Wut“ sei sowohl im öffentlichen Raum als auch in den sozialen Netzwerken untersagt. Der 41-Jährige, seit 2015 im Amt, will damit die Verrohung des Zusammenlebens aufhalten.

Herr Costa, meinen Sie Ihr Verbot ernst?

COSTA Natürlich, mir ist es absolut ernst mit dieser Sache. Die Verordnung ist ein legitimer Verwaltungsakt. Ich stelle seit einiger Zeit fest, dass im Hinblick auf den Umgang miteinander alle Dämme gebrochen sind. Jeder Art von verbaler, aber oft auch physischer Aggression sind Tür und Tor geöffnet. Während die meisten Menschen bis vor einiger Zeit noch eine innere Schranke hatten, die nicht übertreten wurde, drischt man heute einfach verbal auf die Mitmenschen ein.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dazu eine Verordnung zu erlassen?

COSTA Ich denke schon einige Zeit darüber nach, weil ich gemerkt habe, dass in Italien der Umgang miteinander immer rücksichtsloser wird. Da spielen auch die sozialen Netzwerke eine Rolle, wo man kein echtes Gegenüber mehr hat, dem man die Dinge ins Gesicht sagt, sondern quasi ano­nym agieren kann.

Was war der Auslöser für das Gesetz?

COSTA Die Neujahrsansprache von Staatspräsident Sergio Mattarella, in der er über die trennende Kraft der Angst spricht und den notwendigen Zusammenhalt in einer Gesellschaft anmahnt, hat mich tief bewegt. Auch die Worte von Papst Franziskus rütteln mich auf. Ich selbst war ja auch nicht frei von dieser ansteckenden Krankheit.

Was meinen Sie damit?

COSTA Ich habe Innenminister Matteo Salvini auf Twitter als „Clown“ und „gefährlichen Idioten“ bezeichnet. Das war ein Fehler, für den ich mich entschuldige. Aber dieser Fehltritt hat mir gezeigt: Wenn schon so jemand wie ich sich anstecken lässt, wie muss es da anderen ergehen?

Besonders Aufsehen erregend sind die Strafen, die Sie für Verstöße gegen die Anti-Boshaftigkeits-Verordnung vorsehen: Bücher lesen, Filme ansehen, Museen besuchen...

COSTA Ein Verstoß soll ja keine Bestrafung zur Folge haben, sondern einen Weckruf. Wer verbal aggressiv wird, ist eigentlich ein Opfer, dem geholfen werden muss. Also haben wir unter anderem „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee, „Papa, was ist ein Fremder?“ von Tahar Ben Jelloun, „Ich zähmte die Wölfin“ von Marguerite Yourcenar, „Ist das ein Mensch?“ von Primo Levi oder „Die Einsamkeit der Primzahlen“ von Paolo Giordano gewählt.

Sie sehen auch Filme als Sanktionen vor?

COSTA Ja, Verstöße können auch mit dem Schauen der Filme „Das Leben ist schön“ von Roberto Benigni, mit „Philadelphia“ mit Tom Hanks und Denzel Washington, dem Animationsfilm „Alles steht Kopf“ oder „Citizen Kane“ von Orson Welles geahndet werden. 

Unter den Strafen ist auch die Besichtigung ausgewählter Kunstwerke vorgesehen, warum?

COSTA Wer die Laokoon-Gruppe in den Vatikanischen Museen, Michelangelos Pietà Rondanini in Mailand oder die Giotto-Fresken in Padua ansieht, wird Zeuge großer Schönheit. Sie gehört zum Menschen und ist einer der Schlüssel dafür, ins Gleichgewicht zu kommen. Wer die Schönheit in sein Leben lässt, für den ist es schwieriger, ein boshafter Mensch zu sein.

Sie sprechen eher wie ein Philosoph und nicht wie ein Politiker!

COSTA Wahrscheinlich haben wir alle ein degeneriertes Bild von Politik im Kopf. Politik ist hingegen dafür da, Ideale hochzuhalten. Meine Gemeinde hat mir ein zeitlich begrenztes Mandat erteilt, das ich auch in diesem Sinne nutzen möchte. Es geht nicht nur darum, Löcher im Asphalt zu stopfen oder die Straßenbeleuchtung in Stand zu halten, sondern auch den zivilen und moralischen Niedergang aufzuhalten. Meine Aufgabe ist, mich um die Seelen meiner Gemeinde zu kümmern!

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