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Warum Altmaier das Klima nicht retten kann Welche Folgen der Klimawandel im Saarland haben soll

Warum Altmaier das Klima nicht retten kann Welche Folgen der Klimawandel im Saarland haben soll

Peter Altmaier nestelt an seinem grünen Band, löst den Knoten und lässt es schließlich in der Hemdtasche verschwinden. Stunden zuvor hatte ihm die 18-jährige Judith Gebbe von der Bewegung "youthinkgreen" das Band angelegt, als Zeichen des gemeinsamen Einsatzes gegen das globale Problem Erderwärmung. Nun ist das Bändchen bei Altmaier am Ende eines langen Tages wieder ab

Peter Altmaier nestelt an seinem grünen Band, löst den Knoten und lässt es schließlich in der Hemdtasche verschwinden. Stunden zuvor hatte ihm die 18-jährige Judith Gebbe von der Bewegung "youthinkgreen" das Band angelegt, als Zeichen des gemeinsamen Einsatzes gegen das globale Problem Erderwärmung. Nun ist das Bändchen bei Altmaier am Ende eines langen Tages wieder ab. Seine Kritiker beim UN-Klimagipfel in Doha könnten darin ein symbolhaftes Bild sehen, dass er sich der Sache hier nicht so recht verschreiben will, aber das wäre wohl unfair.

Für Altmaier ist Doha auf der einen Seite ein Kampf mit den Mühen der Ebene. EU-Koordinierungen, komplexe Details, stundenlange Meetings - bei wenig Ertrag. Für Außenstehende mag es absurd sein, dass nach zwei Wochen meist so wenig herauskommt. Das Problem ist stets, alles Besprochene und zwischen 194 Staaten Verhandelte so in konsensfähige Abschlusspapiere zu komprimieren, dass die Minister dies noch verstehen.

Altmaier fragt sich bei seinem ersten UN-Klimagipfel gleich nach wenigen Stunden Präsenz, ob diese Mammutkonferenzen noch was taugen. "Sie haben den Nachteil, dass manchmal der Langsamste im Geleitzug das Tempo bestimmt." Lieber redet er in Doha über seinen Club der Energiewendestaaten, den er aus der Taufe heben will.

Doch mit mehr Wind- und Solarparks allein lässt sich das Klima nicht retten, zumal wenn die anderen weiter munter Kohlendioxid in die Luft pusten. Einer aus seiner Entourage fragt, ob sich Altmaier mit seiner Kritik an solchen UN-Gipfeln einen schlanken Fuß machen wolle, weil es hier für ihn ohnehin recht unglücklich laufe. Denn Doha ist für Altmaier auch ein Kampf in eigener Sache.

Angefangen hat alles damit, dass sich in Deutschland keiner so recht für den UN-Klimagipfel interessierte, eine Bundestagsdebatte zu Doha fand am 29. November vor fast leerem Plenum ab 19.30 Uhr statt. Der SPD-Abgeordnete Frank Schwabe sagte da mit Blick auf einen eher unambitionierten Antrag von Schwarz-Gelb: "Es ist eine absurde Situation: Wir beraten hier im Deutschen Bundestag Anträge zur Klimakonferenz in Doha. Eigentlich müssten Sie von der Koalition Herrn Altmaier den Rücken für die Reise nach Doha stärken." Schwarz-Gelb schicke Altmaier rückgratlos nach Doha, worauf der CSU-Politiker Georg Nüßlein einwarf: "Er hat selber Rückgrat."

Da die FDP und ihr Wirtschaftsminister Philipp Rösler sich mit Macht dagegen stemmen, dass die EU ihr Ziel bei der Minderung von CO2-Emissionen bis 2020 von 20 auf 30 Prozent hochschraubt, bekam Altmaier kein starkes Mandat der Koalition. Die FDP fürchtet sonst um die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Und auch Kanzlerin Angela Merkel, die 1997 das Kyoto-Protokoll als Umweltministerin mitausgehandelt hatte und mal als "Klimakanzlerin" galt, schwieg vor Doha.

Um aber das Thema zu pushen, gab Altmaier in Deutschland vor der Abreise ein Interview nach dem anderen. Und erweckte den Eindruck, die 30-Prozent-Marke in Doha notfalls im Alleingang durchsetzen zu wollen - trotz des FDP-Vetos und gegen den Widerstand Polens. Das wäre wohl schon aus historischen Gründen keine so gute Idee. Polen möchte mit mehr Kohlekraft unabhängiger von russischem Gas werden. Altmaier versucht seit Monaten, mit seinem Amtskollegen Marcin Korolec eine Einigung zu finden.

Von Umweltschützern war die 30-Prozent-Marke als Signal gesehen worden, um die schwierigen Verhandlungen nach vorn zu bringen und um die großen Blockierer aus den USA und China auch zu mehr zu bewegen. Denn erst ab 2020 soll es den Weltklimavertrag geben. Wenn alle bis dahin nur das gegen die immer weiter steigenden Emissionen tun, was sie bisher schon tun, könnte das Klimaproblem aus dem Ruder laufen. Die EU will sich zumindest mit einigen anderen Staaten über eine Verlängerung des Kyoto-Protokolls weiter binden. Aber ohne höhere EU-Ambitionen wäre dies mehr heiße Luft als mehr Klimaschutz.

Doch direkt nach der Ankunft in Katars Hauptstadt stellte Altmaier klar, dass er vorerst keine Chance für eine Erhöhung des EU-Ziels auf 30 Prozent in Doha sehe. Generell sehe es international ziemlich schlecht aus, was mehr Klimaschutz betreffe.

Jennifer Morgan, Direktorin des Klimaprogramms des Washingtoner World Resources Institute, hat alle 18. Klimakonferenzen mitgemacht. "Töpfer, Trittin und Gabriel waren treibende Kräfte, um Dinge zu bewegen", sagt sie mit Blick auf Altmaiers Vorgänger. Auch Norbert Röttgen habe 2011 in Durban viel Druck gemacht. In Meetings hat sie Altmaier erlebt, ihr Urteil: "Ich habe noch nie einen so wenig kämpferischen deutschen Minister gesehen." Sein Umfeld betont, er sei mit vollem Einsatz dabei. Aber die Lage sei eben verfahren.

Das etwas unglückliche Bild der deutschen Delegation rundete dann noch die Parlamentarische Staatssekretärin Katherina Reiche (CDU) ab, die vor Altmaiers Ankunft EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard verärgerte, weil Reiche den Eindruck erweckt hatte, Hedegaard bremse das 30-Prozent-Ziel aus. Umweltschützer und die Grünen kritisieren, Altmaier habe Erwartungen erweckt, die er nun nicht halten könne.

Temperaturen: Im vergangenen Jahrzehnt lag die mittlere Temperatur im Saarland bei 10,1 Grad. In 100 Jahren ist sie damit um 1,6 Grad gestiegen. Bis zum Jahr 2100 soll es noch deutlich wärmer werden - um weitere 2,4 auf durchschnittlich 13,5 Grad. Besonders warm soll es mit 15,5 Grad im Kreis Saarlouis werden.

Niederschlag: Es wird insgesamt feuchter im Saarland, sagen die Experten. Die jährliche Niederschlagsmenge soll sich bis Ende des Jahrhunderts von derzeit 870 Litern pro Quadratmeter auf rund 882 erhöhen. Doch es soll große Unterschiede geben. Während der Kreis Saarlouis mit weniger Regen rechnen kann (759), sind für St. Wendel 937 Liter pro Quadratmeter vorausgesagt.

Sonnenscheindauer: Pro Tag scheint derzeit im Jahresmittel die Sonne 4,7 Stunden lang über dem Saarland. Vor 100 Jahren lag dieser Wert bei 4,4. Die Aussichten für alle Sonnenanbeter sind gut: Im Jahr 2100 sollen es 5,7 Stunden sein.

Schneetage: Weniger gut sind die Voraussagen für alle Winterfreunde. Tage mit erkennbarem Schneefall werden im Saarland offensichtlich Mangelware. Derzeit gibt es im Schnitt noch 6,1 Tage mit einer Schneedecke von mindestens zehn Zentimetern. Vor 100 Jahren waren es fast acht. Im Jahr 2100 soll es nur noch ein Tag sein (0,9), in St. Wendel immerhin 1,3 Tage.

Waldbrandgefahr: Der Waldbrandindex (mit einem Wert von 1 bis 5) gibt die mittlere Waldbrandgefährdung an. Er liegt derzeit bei 2,0, bis Ende des Jahrhunderts soll er auf 2,6 steigen.

Pflanzen: Die Vegetationsperiode vieler Pflanzen dürfte früher einsetzen. Am Beispiel der Stieleiche haben die PIK-Forscher errechnet: Sie wird ihre ersten Blätter nicht mehr wie heute rund um den 8. Mai zeigen, sondern bereits am 18. April eines Jahres.

Weinanbau: Die saarländischen Winzer dürften sich freuen. Weil der sogenannte Huglin-Index steigt, steigt die Auswahl an Rebsorten, die hierzulande angebaut werden können. 2100 soll der Huglin-Index rund 2150 betragen - damit wäre nahezu jeder Wein denkbar.

Badetage: Seit dem Jahr 1900 hat sich die Zahl der potenziellen Freibadtage im Saarland auf heute 24 nahezu verdoppelt. Das Gleiche soll bis Ende des Jahrhunderts erneut geschehen: Saarlandweit sind 49 Badetage prognostiziert, im Kreis Neunkirchen sogar noch drei weitere.

Schwüle Tage: Die Zahl der Tage, an denen im Saarland schwüles Wetter herrscht, soll deutlich steigen. Von derzeit 5,6 auf 12,2 im Jahr 2100.

Photovoltaik: Nach Berechnungen der Klimaforscher lag das Photovoltaik-Potenzial im vergangenen Jahrzehnt im Saarland bei knapp 1126 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Der Wert der potenziell nutzbaren Sonneneinstrahlung soll bis 2100 auf etwa 1357 steigen. "Ich werde bis zur letzten Minute kämpfen."

Bundesminister in schwieriger Mission: Peter Altmaier am Freitag am Rande des Klimagipfels in Doha. Foto: Georg Ismar/dpa

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