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Von einem, der nie erwachsen werden wollte

Von einem, der nie erwachsen werden wollte

Washington. Zum Schluss ging es nicht mehr um die Skandale, den Eigensinn, das Skurrile, Rätselhafte an Michael Jackson. Alles, was seine letzten Jahre bestimmte, war auf einmal vergessen

Washington. Zum Schluss ging es nicht mehr um die Skandale, den Eigensinn, das Skurrile, Rätselhafte an Michael Jackson. Alles, was seine letzten Jahre bestimmte, war auf einmal vergessen. Der Streit um die bleiche Haut und die kosmetischen Operationen, der Vorwurf der sexuellen Belästigung von Kindern, der umstrittene Freispruch nach einem spektakulären Verfahren, das einsame Leben auf der jüngst verkauften Ranch Neverland, die Millionenschulden - über all das wollten die meisten gar nicht mehr reden. Es ging nur noch darum, das Genie eines Künstlers zu ehren.Vorm Apollo-Theater in Harlem, der legendären Talentbühne der Schwarzen, versammelten sich die Fans, um unterm neonhellen Vordach seine Lieder anzustimmen, "Billie Jean" und "Black and White". In Los Angeles, wo Jackson starb, versuchten sie, die komplizierten Schritte aus "Thriller", seinem Meisterwerk, nachzumachen. Larry King, der Talkshow-Veteran von CNN, schob Sonderschichten. Und die Bilder, die den ganzen Abend über die Mattscheiben liefen, waren weniger die aktuellen Aufnahmen, die einen exzentrischen, einsamen 50-Jährigen gezeigt hätten. Vielmehr waren es Bilder eines Jungen mit Wuschelkopf, des Kleinsten und Besten der "Jackson Five", der Band von fünf Brüdern, die ganz am Anfang der schillernden Karriere des Sängers stand. "Haben wir wirklich geglaubt, dass er vor unseren Augen zum Greis werden würde?", fragte Sheryl Crow, die einst in Jacksons Begleitchor begann. Dies sei der Peter Pan der Popmusik gewesen. Ein kleiner Junge, der sich weigerte, erwachsen zu werden.Aus Harlem schaltete sich Al Sharpton zu, der Pfarrer und Bürgerrechtskämpfer, ein Freund des Toten. Michael Jackson, sinnierte er, habe die amerikanische Kultur Menschen dunkler Hautfarbe akzeptieren lassen, "lange vor Tiger Woods, lange vor Oprah Winfrey, lange vor Barack Obama". Liza Minnelli sprach von einem der größten Entertainer, der je lebte. Celine Dion von "meinem Idol". Madonna meldete sich: Sie könne nicht aufhören zu weinen. Brian Oxman wiederum, Sprecher der Familie Jackson, sah eine dunkle Verschwörung am Werk. Nur wegen der vielen überflüssigen Medikamente sei Michael so früh davongegangen, "die Leute, die ihn zuletzt umgaben, setzten ihn außer Gefecht". Es klingt abenteuerlich, nichtsdestotrotz brodelt es in der Gerüchteküche. Wieso muss einer, der ab Juli mit fünfzig Konzerten in der Londoner O2-Arena sein großes Comeback feiern wollte, ausgerechnet jetzt das Zeitliche segnen? Wer hatte da jetzt seine Finger im Spiel?Jenseits aller Theorien vom finsteren Komplott nannte Matt Fiddes, ein Leibwächter des King of Pop, seinen Schutzbefohlenen den am meisten missverstandenen Mann des Planeten. "Alle glaubten, ach, das ist so ein komischer Freak. Aber wenn du mit ihm zusammen warst, dann war er völlig normal." An der Themse ließ der Missverstandene Obdachlosen, die er zuvor in einem Park gesehen hatte, leckere Pizzas schicken, anonym, ohne Aufhebens. Was genau zum Tod des vereinsamten Superstars führte, wollten Gerichtsmediziner im Laufe des Freitags herausfinden. Von Herzstillstand war die Rede, so bekräftigte es jedenfalls Jermaine Jackson, einer der Brüder. Dies sei eine einzige Tragödie, sie sei sehr traurig und sehr verwirrt, erklärte Lisa Marie Presley, die Tochter von Elvis. Es war ein Zitat, das in den Stunden nach dem Schock rauf- und runterlief bei den Fernsehsendern. Nicht nur, weil Lisa Marie für kurze Zeit mit Michael verheiratet war. Auch weil das Wort von der Tragödie genau zur Stimmung passt. Vieles, was Jackson an steilem Aufstieg und späterem Fall erlebte, ruft Erinnerungen an Elvis Presley wach. Auch der war, als er starb, bereits ziemlich in Vergessenheit geraten, isoliert, ausgenutzt von falschen Freunden, ein gebrochener Mann. Schon jetzt wird spekuliert, wann sich wohl die erste Kultgemeinde formiert, die - wie bei Elvis - fest daran glaubt, dass Michael Jackson noch lebt. "Für mich persönlich war er ein armer Mensch, aber ein riesiger Künstler." Jackson-Biograf Christian Marks