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Von 16 000 Menschen im Foltergefängnis haben sieben überlebt

Von 16 000 Menschen im Foltergefängnis haben sieben überlebt

Angkor. Es klingt wie Sirenen. Das Surren dröhnt aus den Bäumen, die überall zwischen den weltberühmten Tempel-Ruinen von Angkor im Norden Kambodschas wachsen. "Es sind Grillen", sagt Pha Sok und lächelt. Der junge Mann kommt aus dem Südwesten seines Landes, aber hier in Siem Reap, wo einst die Khmer-Könige lebten, lässt sich Geld verdienen. Als inoffizieller Touristenführer

Angkor. Es klingt wie Sirenen. Das Surren dröhnt aus den Bäumen, die überall zwischen den weltberühmten Tempel-Ruinen von Angkor im Norden Kambodschas wachsen. "Es sind Grillen", sagt Pha Sok und lächelt. Der junge Mann kommt aus dem Südwesten seines Landes, aber hier in Siem Reap, wo einst die Khmer-Könige lebten, lässt sich Geld verdienen. Als inoffizieller Touristenführer. "Die Sage sagt, dass die Ameisen und die Grillen einst zusammen auf der Erde lebten", erzählt Pah: "Aber die Grillen haben immer nur Musik gemacht und die Ameisen die Arbeit. Deshalb haben sie die Grillen auf die Bäume verbannt."

Pah ist 29 Jahre alt. "80 Prozent meines Volkes sind noch keine 30 Jahre alt", sagt er und scharrt mit dem Fuß im staubigen Sand vor den Tempelruinen. Das Durchschnittsalter der heute 14 Millionen Menschen zählenden Bevölkerung liegt bei unglaublichen 21 Jahren. Pah kennt die grausamen Gründe dafür, er redet nur nicht gerne darüber: "Vor 30 Jahren gab es nur noch knapp vier Millionen Kambodschaner." Mehr als zwei Millionen waren in nur drei Jahren zuvor brutal abgeschlachtet worden. Von den eigenen Landsleuten. Von den Roten Khmer unter ihrem Führer Pol Pot.

Der so genannte "Bruder Nr. 1" hatte die Vision eines maoistischen Bauernstaates. Doch das "Experiment", wie er es nannte, misslang gründlich: Pol Pot und seine Schergen errichteten eine Schreckensherrschaft, die auf Geheimhaltung, Misstrauen und Folter basierte. Wer dem System nicht passte, wurde umgebracht. Ohne Gnade, ohne Grund. "Lebend kein Gewinn, tot kein Verlust", pflegte Pol Pot zu sagen. Er starb im April 1998, wurde nie angeklagt. Das Land tut sich schwer mit seiner Geschichte. Heute noch, 30 Jahre nach dem Massenmord. Am 25. Dezember 1978 marschierte die vietnamesische Armee in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh ein. Damit begann das Ende der Roten Khmer.

Doch es dauerte 20 Jahre, bis am 6. Dezember 1998 die letzten Kampfverbände in den unzugänglichen Dschungel-Gebieten aufgaben. 500 von ihnen wurden in die kambodschanische Armee übernommen. So lautete der Deal. Pah zuckt mit den Schultern und schaut über die 1200 Jahre alten Tempelruinen: "Soll man ein ganzes Volk vor Gericht stellen? Alle waren doch irgendwie dabei - die meisten aus Angst. Wer nicht dabei war, ist tot."

Am 25. Dezember 1998 stellten sich mit Ex-Staatschef Khieu Samphan (77) und Chefideologe Nuon Chea (82) zwei der letzten hochrangigen Führer der Roten Khmer, die "Brüder Nr. 2 und 3". Kurz darauf wurde Kang Kek Leu (66) verhaftet, der ehemalige Leiter des berüchtigten Foltergefängnisses Toul Sleng. Falsche Geständnisse über Verrat und Spionage, wurden den Gefangenen dort mit mittelalterlichen Instrumenten, Skorpionen oder Wasser-Folter abgepresst. Anschließend wurden sie auf den so genannten Killing Fields am Rand von Massengräbern mit Spaten erschlagen. Kugeln waren zu teuer. Babys wurden an den Füßen gepackt und gegen Bäume geschleudert. Fast 16 000 Menschen waren in Toul Sleng inhaftiert. Sieben haben überlebt.

Kang Kek Leu ist der erste Mensch, gegen den das dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag nachempfundene Rote-Khmer-Tribunal in Phnom Penh den Prozess eröffnen wird. Im Juli 2007 wurden die Richter vereidigt. Im August 2008 wurde Anklage gegen Kank Ke Lei erhoben. Seit Anfang Dezember steht fest: 2009 wird der Prozess beginnen.

In der Bevölkerung ist der umstritten. "Wir brauchen Versöhnung", sagt Pah und spricht jetzt so leise, dass die Grillen seine Stimme fast übertönen: "Niemand hat etwas davon, in seinem Nachbarn den Mörder von einst zu erkennen." Premierminister Hun Sen von der Kambodschanischen Volkspartei dürften diese Worte freuen. Seit 1985 regiert er das Land. Es heißt, er habe das Tribunal selbst immer wieder verzögert, damit seine Rolle bei den Roten Khmer nicht behandelt wird. Hun Sen war von 1975 an Kommandeur eines Rote-Khmer-Regiments, bis er 1977 nach Vietnam floh. Pah mag ihn nicht: "Er redet nur und nichts passiert. Und er und die Regierung bereichern sich selbst."

In der Tat: Viele Politiker in Kambodscha sind mehr als wohlhabend, während die Bevölkerung so arm ist, dass sich Obdachlose in der Hauptstadt am helllichten Tag gegenseitig lausen. Moped-Fahrer bieten Touristen in Phnom Penh auf offener Straße Drogen und Kinderprostituierte an, obwohl beides mit drakonischen Strafen belegt ist. "Um was zu ändern, musst Du Geld über den Tisch schieben", sagt Pah und schaut illusionslos: "Die Politik ist korrupt und ein Großteil der Regierung mischt im illegalen Holzhandel mit." Auch das stimmt: Obwohl der Handel mit Tropenhölzern verboten ist, hat Kambodscha in den vergangenen fünf Jahren ein Drittel seiner 100 000 Quadratkilometer Urwald verloren.

"Das Geld wandert in die Taschen der Reichen", klagt Pah und erzählt weiter: "Nimm die Nationalstraße 6, die von der thailändischen Grenze nach Siem Reap führt . . ." Die vermeintlich Straße ist eine 25 Meter breite rote Staubpiste mit Schlaglöchern so tief wie Brunnenlöcher. Sie bietet die einzige Möglichkeit für Touristen, auf dem Landweg von Thailand zum Weltkulturerbe Angkor Wat zu kommen. Der Bus braucht für die 150 Kilometer sechs Stunden! Fliegen ist die einzige Alternative. Vor ein paar Jahren hat Kambodscha die Straße verpachtet oder verkauft, so genau weiß Pah das nicht: "Der neue Besitzer ist die Fluggesellschaft 'Bangkok Airways', die auch Flüge nach Siem Reap anbietet. Rat mal, wann die die Straße asphaltieren werden . . ."

Korruption, Armut, Kriegserbe - Kambodscha hat es nicht leicht. "Umso wichtiger ist es, dass viele Touristen kommen", sagt Pah und schaut stolz auf die Tempelruinen: "Wir haben ja auch was zu bieten." Eine junge Rucksack-Reisende aus den USA hat ihm neulich gesagt, sie kenne die Geschichte mit den Grillen und Ameisen auch. Doch sie kenne das Ende anders: Die Ameisen bitten die Grillen höflich, auf die Bäume zu klettern, damit alle die schönen Klänge hören können. Das würde die Arbeit erleichtern. Pah hat gelacht. "Ein schönes Ende ist das", hat er gesagt: "Aber ein amerikanisches, kein kambodschanisches." "Wer nicht dabei war,

ist tot."

Pha Sok, Touristenführer in Kambodscha über die Herrschaft der

Roten Khmer

 Kalt, kahl - und tödlich. Ein Raum im ehemaligen kambodschanischen Foltergefängnis Toul Sleng. Fotos: Mark Diening
Kalt, kahl - und tödlich. Ein Raum im ehemaligen kambodschanischen Foltergefängnis Toul Sleng. Fotos: Mark Diening