Vom Minister zum späten Aktivisten

Vom Minister zum späten Aktivisten

Nie waren die Saar-Liberalen so stark wie mit ihm: Horst Rehberger war der legendäre „Mister zehn Prozent“ der Landtagswahl 1985. Später ging er als Minister nach Sachsen-Anhalt. Doch er lebt immer noch in Saarbrücken – und hat sich ein neues politisches Ziel gesetzt: Er will den „Goldenen Reis“ durchsetzen.

"Greenpeace macht blind, der Goldene Reis sehend", so steht es auf dem Plakat, das ein leger gekleideter Horst Rehberger während der Mahnwache vor der Hamburger Greenpeace-Zentrale hochhält. Am 17. Januar berichtete nicht nur das ZDF über "die Genreis-Kontroverse" und den Protestbesuch des bekanntesten Greenpeace-Gegners Patrick Moore, einst selbst dort Mitglied. Rehberger ist stolz auf das beachtliche mediale Echo. Er trägt jetzt überwiegend praktisches Aktivisten-Outfit. Die Minister-Anzüge hängen im Schrank, Am Homburg in Saarbrücken.

Dort treffen wir uns. Das ausladende Haus wirkt auf stilvolle Art altmodisch-gediegen, ganz ohne Protz. Seit 1984, seit seinem ersten Ministerjahr an der Saar, lebt Rehberger hier. Zuerst mit Frau und drei Kindern. Seit März 2012 als Witwer allein. Wobei dies nicht ganz stimmt. Denn zwei Zimmer sind untervermietet, an marokkanische Studenten. "Das haben wir immer so gehalten, Ausländer haben es schwerer, eine Bleibe zu finden." Auch in der rund sechzehnjährigen Berufs-Phase in Sachsen-Anhalt (1990-2006), in der er bis zum stellvertretenden Ministerpräsidenten aufstieg, gab Rehberger den Saarbrücker Wohnsitz nicht auf. Heute noch pendelt er wöchentlich. 600 Kilometer, auf denen ihn Brahms, Mahler oder Schumann begleiten; klassische Musik ist eine große Liebe. Die älteste Tochter wurde Geigerin.

Saarbrücken sei seine Entspannungszone, sagt Rehberger, der immer noch täglich stramm spazieren geht. Kaum zu glauben, dass sich ein solch agiler Typ den rollenden Mittagstisch vom Alterswohnstift Reppersberg kommen lässt. Rehberger mag das Unkomplizierte. Das gefällt ihm auch am Saarland. Hier gehe es weniger förmlich zu als in Magdeburg, sagt er. Dort unterhält er eine "kleine Wohnung". Denn in Gatersleben/Seeland sitzt das "Forum Grüne Vernunft", das sich für die grüne Gentechnik, vor allem für Goldenen Reis (siehe Kasten), stark macht und dessen Vorsitzender er ist. Hat man mit Rehberger diesen Punkt erreicht, sind alle Versuche, zurück- und hinzuschauen auf Karriere und Kontakte von wenig Erfolg gekrönt. Rehberger ein Selbstdarsteller? So las man es in manchem Artikel. Nein, derzeit kennt er nur ein Thema. Mit messerscharfen, jedoch erstaunlich sachlich-unaufgeregt vorgetragenen Argumenten wendet er sich gegen die "Volksverdummung", die Greenpeace angeblich betreibt, gegen unvertretbare "Verbrechen" an acht Millionen Menschen, die mit dem durchgetesteten Genreis längst hätten gerettet werden können. "Für die Bio-Lobbyisten ist der Goldene Reis ein trojanisches Pferd. Sie meinen, danach würden alle Dämme brechen. Deshalb wird so unerbittlich gekämpft."

Umso bizarrer, dass sich jemand, der es sich zu Hause mit fünf Enkeln gemütlich machen könnte, auf dieses Ideologie-Schlachtfeld begibt, ehrabschneiderische Unterstellungen inklusive. So hört man, Rehberger sei an Profit interessiert und an Biotechnologie-Firmen beteiligt, oder aber, er, der Noch-Rechtsanwalt, verteidige diese Firmen in Verleumdungsprozessen. Letzteres bestätigt Rehberger. Ist er also ein Lobbyist? Er nennt das einen "Stempel, damit man sich nicht auseinandersetzen muss. Ich ertrage diese Form übler Meinungsmache mit Gelassenheit." Tatsächlich ist Rehberger kein Eiferer, kein Fanatiker, auch kein Verführer, sondern ein Pro-und-Contra-Analysator. Vordringlich aber: ein Vernunftliberaler bis auf die Knochen. "Ich bin für den Markt der Ideen", sagt er beispielsweise. Oder: "Ich glaube an den Fortschritt und daran, dass die Menschen ihre Probleme durch Innovation in den Griff bekommen." Man muss nicht eigens erwähnen, wie sehr diesem Vernunftliberalen das, was er als Verteufelung oder Tabuisierung wahrnimmt, contre Coeur gehen. Aufklärung!, steht auf seinem Banner. Zusätzlich gibt es einen biografischen Grund, warum Rehberger zum Gentechnologie-Vorkämpfer wurde: Sachsen-Anhalt ist ein Haupt-Industrie- und Forschungs-Standort für Biotechnik, und Rehberger war als Wirtschaftsminister auch zuständig für Technologie- und Innovationsförderung.

Doch von früheren glorreichen Zeiten, auch über die als "Mister zehn Prozent" bei den Saar-Liberalen, spricht Rehberger nicht. Tempi passati. Verdrängt von seiner neuen Mission. Nur noch einen Seitenblick wert deshalb auch die Situation der hiesigen FDP - Oliver Luksic sei der Richtige - sowie deren Kamikaze-Selbstzerstörungs-Nummer. Heckenschüsse des Fraktionschefs Horst Hinschberger trafen 2010 auch ihn, Rehberger, als Vorstand der Liberalen Stiftung Saar/Villa Lessing. Herauszuhören ist, dass Rehberger all dies mit der Führungsschwäche seines immer noch geschätzten Schützlings, von Ex-Parteichef Christoph Hartmann, verknüpft. Und auf Bundesebene? Für den Absturz der FDP könne man weder Guido Westerwelle noch Philipp Rösler allein hinhängen, meint er. In der Politik zähle, dies sei seine Polit-Lebensweisheit, ausschließlich Glaubwürdigkeit - "das, was man tut, nicht das, was man ankündigt". Doch die Liberalen hätten Steuersenkungen versprochen, dann aber aufs Finanzministerium verzichtet. Die aktuelle außerparlamentarische Oppositionsrolle hält Rehberger für vorteilhaft: "Jetzt können wir wieder FDP pur machen." Während man mit ihm politisch plaudert, spürt man, dass Rehbergers Herz woanders schlägt. Kampfeslust und Kreativität kitzelt jetzt das "Forum Grüne Vernunft".

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Zur PersonDer promovierte Jurist Horst Rehberger, in Karlsruhe geboren, war dort Bürgermeister. Auf Bitte von FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher kam er als Minister für Wirtschaft, Verkehr und Landwirtschaft 1984 an die Saar. 1990 wechselte er als Wirtschaftsminister nach Sachsen-Anhalt, trat wegen einer angeblichen Gehalts-Affäre zurück, wurde voll rehabilitiert. 2002 war er wieder Minister für Wirtschaft und Arbeit (bis 2006). Rehberger ist in Saarbrücken und in Magdeburg als Rechtsanwalt tätig. Er engagiert sich für Goldenen Reis. Das ist eine genetisch veränderte Pflanze, die Beta-Carotin enthält, das Vitamin-A-Mangel behebt. Laut Weltgesundheitsorganisation erblinden und/oder sterben deshalb jährlich etwa zwei Millionen Menschen wegen dieses Mangels. Die Erfinder des Goldenen Reis verfolgen damit laut eigener Aussage humanitäre Zwecke. Gentechnologie-Gegner warnen vor unbeherrschbaren Risiken und dass die Bauern von Saatgut- oder Pestizid-Lieferanten abhängig würden. ce

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