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„Vom Feeling her ein gutes Gefühl“

„Vom Feeling her ein gutes Gefühl“

Was bringt Männer dazu, samstags mit Transistorradio und spackem buntem Leibchen durch Deutschland zu ziehen? Kleine Rasenstücke als Souvenir in die heimische Höhle zu schleppen? Kaum, dass der Mai begonnen hat, schon auf den Spätsommer hinzufiebern? Was treibt sie, immer neu mit ihrem Ehegelöbnis zu zündeln für den Streit um die TV-Rechte zur besten Sendezeit? Zu brüllen wie ein waidwunder Unpaarhufer und zu flennen wie ein Schulmädchen, das seinen allerersten Korb bekommen hat? Es ist die Fußball-Bundesliga. Und das kam so: Nach dem Krieg blieb der deutsche Vereinsfußball, anders als etwa in England, Spanien und Italien, in regionalen Oberligen organisiert – mit dem Ergebnis, dass deutsche Balltreter international nur bedingt konkurrenzfähig waren.

Also wurde im Juli 1962 aus der Taufe gehoben, was Ehefrauen landauf, landab seitdem verfluchen - oder hoch preisen als Kanalisierung niederster männlicher Instinkte. Der erste Bundesliga-Spieltag wurde am 24. August 1963, vor 50 Jahren, um 17 Uhr angepfiffen.

Bei diesem Telekolleg des Lebens haben Männer einfach "vom Feeling her ein gutes Gefühl". Sie lernen Prozentrechnen ("das Tor gehörte zu 70 Prozent mir und zu 40 Prozent dem Marc"), Bruchrechnen ("zu 50 Prozent sind wir im Viertelfinale, aber das ist noch lange nicht die halbe Miete"), Formenlehre ("Die Breite an der Spitze ist dichter geworden"), Geografie ("Madrid oder Mailand, egal, Hauptsache Italien!)" - vor allem aber eines: Fairness ("Ich hab ihn nur ganz leicht retuschiert. Ich wollte nach dem Ball treten, aber der Ball war nicht da.")

Nur einer der schönen lebenspraktischen Effekte der "Liga live" ist: Keiner weiß vor dem Spieltag, wie es ausgeht. Hinterher aber sind alle schlau und haben es gleich gewusst. Bundesliga schafft kollektive Erinnerung, abendfüllende Kneipen-, Grill- und Lagerfeuergespräche.

Neben begeisternder Athletik und atemloser Spannung haben uns 50 Jahre Bundesliga ungezählte Sprachdenkmäler und alltagsphilosophische Betrachtungen hinterlassen. "Der Jürgen und ich, wir sind ein gutes Trio . . . äh: Quartett." - "Das habe ich ihm dann auch verbal gesagt." Es gibt Worte, die nur aufgrund individueller Ballartistik überhaupt existieren: der "Fallrückzieher" des Klaus Fischer etwa oder die "Bananenflanke" des Manni Kaltz. Die Helden heißen Ungeheuer (Horst Hrubesch), Knipser (Harry Decheiver), Schwalbenkönig (Andy Möller), Kobra (Jürgen Wegmann), Ente (Willi Lippens), Irrer (Olli Kahn), Bomber (Gerd Müller), Kaiser gar. Manche wurden zur Lichtgestalt (Franz Beckenbauer), zum ewigen Experten mit Betonfrisur (Günther Netzer), zum gehassten oder geschätzten Steuerexperten (Uli Hoeneß).

Viele Spieler verbrannten ihr erkicktes Vermögen und stürzten nach der Karriere ab. Und das bei Beträgen, die jeder Gehaltsstatistik Hohn sprechen. Wo ein Star wie Uwe Seeler in den 60er Jahren noch mit 1000 Mark Lohntüte nach Hause ging und nebenbei als Sportartikelvertreter 60 000 Autokilometer jährlich für seinen Lebensunterhalt abriss, verdienen heute schon mittelmäßige Volksschulabsolventen mit Torflaute das locker 100-Fache normaler Arbeitnehmer - Prämien und Werbegelder für Nutella, Winterreifen und Rasensprenger noch nicht eingerechnet.

Weit über Gebühr bemüht wird der "Fußballgott". Egal ob er tatsächlich über Sieg oder Niederlage entscheidet; egal ob es ihn gibt: In der "Arena auf Schalke" kann man in Blauweiß heiraten. Man kann in der Stadionkapelle ein "Schalkeunser" beten, man kann sich "schalke" bestatten lassen, und längst ist es bis in die Zweite Liga abgestiegen, nach vermeintlich "historischen" Spielen den Platz zu stürmen und ein Stück Heiligen Rasens herauszuschneiden. Es gibt liturgieähnliche Zeremonien, Fahnen und Rituale, und es gibt die "Schale", die hochgehalten und in einer Prozession durch die Stadt getragen wird. Bundesliga als Ersatzreligion. Ihre Hohepriester sind Trainer wie Jürgen Klopp, Ernst Happel oder Hennes Weisweiler, ihre Krieger heute kenntlich durch Bemalung an Armen, Nacken und Schuhen. Auch fundamentalistische Gewalt ist der "Religion" Bundesliga nicht unbekannt. "Hooligans" nennt man auf Krawall gebürsteten Anhänger.

Und es gibt natürlich die "Ewigen Fragen" von Werden, Vergehen und Wiedergeburt. Rekordmeister, wohl auf ewig, ist der FC Bayern München, "Stern des Südens", mit 936 Siegen, 3510 Toren und 22 Meistertiteln. Sogenannte Fahrstuhl-Mannschaften wie den "Club" aus Nürnberg, den "FC" aus Köln oder die kaum mehr "Unabsteigbaren" aus Bochum gibt es auch. Und die eine Mannschaft, die eine einzige, die alle 1696 Bundesliga-Spieltage und 152 640 Spielminuten (plus Nachspielzeit) absolviert hat: den Hamburger SV.

Überhaupt, Statistik: toll! 898 Tore wurden in der abgelaufenen Saison geschossen, 1117 Gelbe und 31 Rote Karten gezeigt. 46 833 Tore in 50 Bundesliga-Jahren, das sind 3,05 pro Spiel. Das Internet hat sie alle, führt Elfmeter-, Chancentod- und Treter-Tabellen. Eines aber ändert sich wohl nie: Erst hast du kein Glück, und dann kommt auch noch Pech dazu. Und ganz am Ende wird das alles von den Medien hochsterilisiert.