Voller Einsatz gegen die strahlende Fracht

Gorleben. Mehr als tausend Demonstranten wollen den Atommüll-Transport nach Gorleben gestern noch auf den letzten Kilometern aufhalten. Ihre Chancen, die Tieflader mit den elf Atombehältern tatsächlich längerfristig zu stoppen, sind schlecht - aber so schnell wollen sich die Demonstranten nicht mürbe machen lassen. Die Polizei hat Mühe, die Strecke zügig frei zu räumen

 Die mit einer wärmeempfindlichen Infrarot-Kamera gemachte Aufnahme der Umweltschutzorganisation Greenpeace stellt unterschiedliche Temperaturen auf den Atommüllbehältern für Gorleben in verschiedenen Farben dar. Rot steht für besonders heiß. Foto: dpa

Die mit einer wärmeempfindlichen Infrarot-Kamera gemachte Aufnahme der Umweltschutzorganisation Greenpeace stellt unterschiedliche Temperaturen auf den Atommüllbehältern für Gorleben in verschiedenen Farben dar. Rot steht für besonders heiß. Foto: dpa

Gorleben. Mehr als tausend Demonstranten wollen den Atommüll-Transport nach Gorleben gestern noch auf den letzten Kilometern aufhalten. Ihre Chancen, die Tieflader mit den elf Atombehältern tatsächlich längerfristig zu stoppen, sind schlecht - aber so schnell wollen sich die Demonstranten nicht mürbe machen lassen. Die Polizei hat Mühe, die Strecke zügig frei zu räumen. Manche Atomkraftgegner gehen mit ihrem Protest auch bis an Grenzen. Einige ketten sich an Betonpyramiden fest - so kompliziert, dass die Polizei trotz technischer Spezialausrüstung große Probleme hat, sie loszubekommen. Seelsorger und Rettungsfahrzeuge rücken an.

Strohsäcke und Wärmefolien liegen auf der Straße, dazwischen stehen vom böigen Herbstwind gebeutelte Zelte. Junge und alte Atomkraftgegner lagern auf einer Länge von rund 400 Metern direkt vor der Einfahrt zum Atommüll-Zwischenlager. Die Polizei zählt vor Beginn der Räumung am Nachmittag knapp 1000 Menschen bei der Sitzblockade.

Der 70-jährige Pit Loëf mit grauem Bart und Nordic-Walking-Stock sagt: "Wir sind darauf vorbereitet, bis zum Abend auszuharren." Mit seiner Frau kommt er aus Schleswig-Holstein. Seit 1996 sind beide engagierte Atomkraftgegner. Im ganzen Wendland herrscht schon seit Freitagabend, als der Atom-Zug aus Frankreich losrollte, Ausnahmezustand. Wasserwerfer sind postiert, Straßen abgeriegelt. Überall auf den Feldwegen patrouillieren Polizisten. Gerade auf der letzten 20 Kilometer langen Straßenetappe der hoch radioaktiven Fracht versuchen die Demonstranten, die Strecke zu blockieren.

In dem Örtchen Quickborn, einem idyllischen Fachwerkdorf, versperren Landwirte mit ihren Traktoren die Straße. Die Trecker stehen ineinander verkeilt, bei einigen sind Räder abmontiert, um zu verhindern, dass die Polizei sie wegfährt. Die Demonstranten sind müde und verunsichert. Der Transport hat nun schon mehr als zwölf Stunden Verspätung, aber die Polizei scheint es nicht eilig zu haben.

Am frühen Abend ist die Zufahrt vor dem Zwischenlager dann frei, nachdem die Protestierer dort einzeln von der Straße weggetragen wurden. Die acht angeketteten Demonstranten blockieren die letzte Etappe aber immer noch. Die vorwiegend jüngeren Leute liegen unter Wärmefolien und verlangen, mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu sprechen. Die Polizei nimmt Trennschneider, Presslufthammer und Schweißgeräte zur Hilfe. "Wir lassen uns Zeit, damit niemand zu Schaden kommt", sagt ein Sprecher.

Insgesamt gibt es in diesem Jahr mehr Protestaktionen als beim vorangegangenen Transport 2006, auch die Blockaden im Wendland sind massiver. Das liegt nicht zuletzt daran, dass immer noch unklar ist, wie es mit Gorleben als möglichem Standort für ein bundesweites atomares Endlager weiter geht. Die Entscheidung, ob und wann der Salzstock dort als Endlager weiter erkundet wird, ist von der Bundesregierung zunächst auf unbestimmte Zeit vertagt worden. Dies hat den Protest zusätzlich angeheizt.

Der Einsatz ist übrigens nach Ansicht der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) "grandios gescheitert". Die Deeskalations-Strategie sei fehlgeschlagen, der Staat habe sich von den Atomkraftgegnern "peinlich vorführen lassen", sagte DPolG-Chef Rainer Wendt. "Wir lassen uns Zeit, damit niemand zu Schaden kommt."

Ein Sprecher der Polizei

Hintergrund

Aus den beim aktuellen Atommülltransport ins niedersächsische Zwischenlager Gorleben eingesetzten neuen französischen Behältern kommt offenbar stärkere Strahlung als aus den alten Castoren. Die von den neuen Behältern mit dem hoch radioaktiven Atommüll ausgehende Neutronenstrahlung sei noch in 14 Meter Entfernung mit 4,8 Mikrosievert pro Stunde mehr als 500-mal höher als die zuvor gemessene Hintergrundstrahlung durch Neutronen, sagte gestern ein Sprecher der Umweltschutzorganisation Greenpeace. Die natürliche Hintergrundstrahlung der Neutronen laut Greenpeace zufolge am gleichen Ort wenige Stunden vorher bei etwa 0,009 Mikrosievert pro Stunde.

Damit sei die Strahlung noch einmal um 40 Prozent höher als beim Castortransport 2005, hieß es. Zwar liege die Strahlung vermutlich innerhalb der Grenzwerte. Dennoch würde man in direkter Nähe der Behälter innerhalb von wenigen Stunden die zulässige Jahresdosis erreichen. "Die Belastung des Begleitpersonals, der Anwohner und der Demonstranten ist unverantwortlich", sagt Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital. "Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über negative Wirkung auch von Niedrigstrahlung auf den Menschen wird immer eindeutiger." Da das künftig aus der Wiederaufbereitungsanlage La Hague zurückkehrende strahlende Material radioaktiver sein wird, sind neue Behälter erforderlich. Diese müssen vom Strahlenschutzamt genehmigt werden. ddp

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