1. Nachrichten
  2. Politik
  3. Topthemen

Ein fingierter Putschversuch?: Viele offene Fragen: Ein Jahr danach gerät Erdogan in Defensive

Ein fingierter Putschversuch? : Viele offene Fragen: Ein Jahr danach gerät Erdogan in Defensive

(gü) Als die Panzer rollten, die Kampfflugzeuge im Tiefflug über die Dächer Istanbuls donnerten, schien die Sache klar zu sein. Am Abend des 15. Juli 2016 griff eine Junta türkischer Militärs nach der Macht im Land, scheiterte aber am Widerstand vieler türkischer Normalbürger und von Präsident Recep Tayyip Erdogan, der einem Mordkomplott entging. Das sagt die Regierung. Doch ein Jahr nach dem Umsturzversuch gibt es mehr Fragen als Antworten. Und Erdogan gerät zunehmend in die Defensive.

Der Präsident ließ wenige Tage nach dem 15. Juli den Ausnahmezustand über das Land verhängen, der bis heute in Kraft ist. Schon bald wurde deutlich, dass die Behörden bei der Verfolgung der Putschisten auf alle möglichen Regierungsgegner zielten. Mehrere hundert Zeitungen und Fernsehsender wurden verboten, mehr als ein Dutzend Universitäten und über tausend Privatschulen geschlossen. Rund 150 000 Beamte, Polizisten, Soldaten, Richter, Staatsanwälte, Lehrer und Universitätsdozenten sind bis heute entlassen worden. Mehr als 50 000 Menschen sitzen in Haft, darunter fast 200 Journalisten.

Die Opposition spricht von einem antidemokratischen Gegen-Putsch. Dagegen rechtfertigt Ankara die Maßnahmen damit, dass die einst mit Erdogan verbündete Gülen-Bewegung völlig zerschlagen werden müsse. Doch schon bald wurden Zweifel an der offiziellen Darstellung laut. In Medienberichten war von Verhaftungslisten die Rede, die längst vor dem Putschversuch fertig in den Schubladen lagen. Manche Kritiker stellen die Frage, wie es die Stadtverwaltungen etwa in Istanbul schaffen konnten, aus dem Stand heraus Hunderte Busse zu organisieren, mit Demonstranten zu füllen und zu den Brennpunkten des Umsturzversuches zu transportieren.

Mit dem Beginn der ersten Prozesse gegen mutmaßliche Putschisten werden neue Fragen laut. Angeklagte Offiziere sagten vor Gericht aus, die Armee habe den Putschversuch fingiert. Viele Details in der regierungsamtlichen Version passen nicht so recht zusammen. So wundern sich Kritiker über die Darstellung, wonach eine Kommandoeinheit der Aufrührer in der Putschnacht per Hubschrauber in den Urlaubsort Marmaris flog, um Erdogan festzunehmen. Die Behörden hätten den Hubschrauber merkwürdigerweise fliegen lassen, obwohl zu dieser Zeit längst ein Flugverbot bestand, merkt Michael Rubin von der Denkfabrik AEI in Washington an. Zu den möglichen Szenarien gehört, dass sich eine Gruppe türkischer Militärs zu einem Staatsstreich entschloss und dass die Regierung den vorzeitig bekannt gewordenen Plan für den Umsturzversuch als Gelegenheit nutzte, um gegen Erdogan-Gegner  vorzugehen. Verbürgt ist jedenfalls, dass Erdogan den Staatsstreich noch in der Putschnacht als „große Güte Gottes“ bezeichnete.