Viel Euphorie und ein gewisses Bangen in Berlin

So mancher in der deutschen Hauptstadt holte sich gestern noch einmal die Rede heraus, die Barack Obama am 24. Juli vor der Berliner Siegessäule gehalten hatte. Außenminister Frank-Walter Steinmeier jedenfalls hatte sie präsent, als er gleich am Morgen vor die Kameras trat, um dem Wahlsieger zu gratulieren

 Angela Merkel spricht von einem "historischen Wahlsieg". Foto: dpa

Angela Merkel spricht von einem "historischen Wahlsieg". Foto: dpa

So mancher in der deutschen Hauptstadt holte sich gestern noch einmal die Rede heraus, die Barack Obama am 24. Juli vor der Berliner Siegessäule gehalten hatte. Außenminister Frank-Walter Steinmeier jedenfalls hatte sie präsent, als er gleich am Morgen vor die Kameras trat, um dem Wahlsieger zu gratulieren. Er erinnerte an die Vorschläge Obamas zum Klimaschutz, zur Energiesicherheit, zur nuklearen Abrüstung und zur Rolle der internationalen Organisationen. Die Wahl bedeute für die USA nicht nur innenpolitisch einen Wechsel, sondern auch außenpolitisch, sagte Steinmeier.

Und zwar in Richtung internationale Zusammenarbeit. Fast alle deutschen Politiker setzen darauf, dass Washington sich jetzt kooperativer verhält. Teilweise waren die Reaktionen fast euphorisch. Ein "Jahrtausend-Ereignis" nannte Links-Fraktionschef Gregor Gysi die Wahl, von einer "Sternstunde der Demokratie" sprach der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle. Der Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-amerikanischen Beziehungen, Karsten Voigt (SPD), sagte, es gebe jetzt die große Chance, liegen gebliebene Probleme wie Klimawandel und Abrüstung anzupacken. Ähnlich Jürgen Trittin von den Grünen. Die USA würden sich als multilateraler Akteur zurückmelden, "interessenbewusst, aber bereit zu mehr Kooperation". In seiner Berliner Rede hatte Obama die gemeinsame Verantwortung für die Lösung der globalen Probleme beschworen und Fehler Amerikas eingeräumt.

Viele in Berlin erwarten nun, dass die USA von den Nato-Partnern im Allgemeinen und den Deutschen im Speziellen ein stärkeres Engagement in Afghanistan fordern werden. Darauf wies auch Voigt hin. Der außenpolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Eckart von Klaeden, sagte allerdings, er halte diese Sorge für übertrieben. Außerdem entscheide über den Einsatz nicht der amerikanische Präsident, sondern der Bundestag.

Die Bundespolitiker hatten den Wahlausgang mit Spannung erwartet. Angela Merkel bekannte sogar, sie sei mitten in der Nacht aufgestanden, um kurz den Fernseher einzuschalten. Bundespräsident Horst Köhler hob in einem Glückwunschtelegramm am frühen Morgen die gemeinsamen Werte zwischen Deutschland und den USA hervor und sprach sich für eine "kooperative Weltpolitik" aus. Er warnte in Interviews aber auch davor, den neuen Präsidenten mit Erwartungen zu überfordern. Die Kanzlerin lud Obama in ihrem Telegramm zu einem baldigen Deutschland-Besuch ein. Möglicherweise eine Geste, mit der sie wieder gutmachen wollte, dass sie im Sommer einen Auftritt des Kandidaten vor dem Brandenburger Tor verhindert hatte. Merkel nannte den Wahlsieg historisch und wünschte dem Sieger "Freude im Amt, Kraft und Glück". Treffen wird sie den neuen Präsidenten am 15. November beim G-20-Finanzgipfel in Washington.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort
KunstausstellungDie Max-Slevogt-Galerie im Schloss Villa Ludwigshöhe zeigt bis zum 30. November ausgewählte Werke der Künstlergemeinschaft Münchens Secession. Einer der Künstler ist Max Slevogt, der trotz seiner vielen Aktivitäten der Pfalz stets verbunde
KunstausstellungDie Max-Slevogt-Galerie im Schloss Villa Ludwigshöhe zeigt bis zum 30. November ausgewählte Werke der Künstlergemeinschaft Münchens Secession. Einer der Künstler ist Max Slevogt, der trotz seiner vielen Aktivitäten der Pfalz stets verbunde