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Verwöhn-Programm für Gewerkschafter?

Verwöhn-Programm für Gewerkschafter?

Ärger am laufenden Band beim schwer angeschlagenen Stahlriesen Thyssen-Krupp. Nachdem der Konzern über Wochen hinweg mit Milliardenabschreibungen beim Bau von Stahlwerken und Verwicklungen in unsaubere Geschäfte für Aufsehen gesorgt hatte, bringt nun ein Bericht des "Handelsblatts" über Luxusreisen für Gewerkschafter neue Schlagzeilen

Ärger am laufenden Band beim schwer angeschlagenen Stahlriesen Thyssen-Krupp. Nachdem der Konzern über Wochen hinweg mit Milliardenabschreibungen beim Bau von Stahlwerken und Verwicklungen in unsaubere Geschäfte für Aufsehen gesorgt hatte, bringt nun ein Bericht des "Handelsblatts" über Luxusreisen für Gewerkschafter neue Schlagzeilen. Für Diskussionsstoff beim bevorstehenden Aktionärstreffen dürfte damit reichlich gesorgt sein.

So hat IG-Metall-Vorstandsmitglied Bertin Eichler als Mitglied des Thyssen-Krupp-Aufsichtsrats nach seinen Worten an fünf Fernreisen mit Flügen in der luxuriösen ersten Klasse teilgenommen. Er wolle die Kosten nachträglich erstatten, und zwar die Differenz zur Business-Klasse - sie wird meist von Geschäftsreisenden genutzt -, teilte der Gewerkschafter mit. Eichler kündigte an, nicht mehr für den Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp kandidieren zu wollen.

Die Reisen etwa nach Kuba, Thailand, China und die USA seien immer mit geschäftlichen Aktivitäten von Thyssen-Krupp verbunden gewesen, verteidigte er sich. Eine Sprecherin der IG Metall betonte, dass es sich aus Sicht der Gewerkschaft nicht um Luxusreisen gehandelt habe. Eichler gab indes zu: "Dennoch ist nicht alles richtig, was zulässig ist und üblich war."

Nach Recherchen des "Handelsblatts" soll es aber auch touristische Aktivitäten wie die Einladung zum Besuch eines Formel-1-Rennens in Schanghai gegeben haben. Dort sollen die Thyssen-Krupp-Gäste das Rennen in einer eigens angemieteten Loge live verfolgt haben.

Eichler sei im Thyssen-Krupp-Aufsichtsrat vor allem durch "unkritische Fragen" aufgefallen, schreibt die Zeitung. Das IG Metall-Vorstandsmitglied habe zudem "in Treue fest" zu Thyssen-Krupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme gestanden.

Der Chef des Kontrollgremiums, Gerhard Cromme, ist wegen der Milliardenverluste bei Thyssen-Krupp-Stahlwerken in Brasilien und den USA in die Kritik geraten. Im zurückliegenden Geschäftsjahr war der Konzern mit einem Verlust von fünf Milliarden Euro tief in die Verlustzone gerutscht. Eichler habe das desaströse "Brasilien-Abenteuer" des damaligen Thyssen-Krupp-Chefs Ekkehard Schulz immer unterstützt, schreibt die Zeitung unter Berufung auf Protokolle von Aufsichtsratssitzungen. Der Gewerkschafter sitzt seit 2004 im Aufsichtsgremium von ThyssenKrupp.

In einem Interview mit der "Heilbronner Stimme" wies das Thyssen-Krupp-Aufsichtratsmitglied Martin Dreher die Vorwürfe gegen Eichler als "stillos und völlig aus dem Zusammenhang gerissen" zurück. Dreher gehört dem Kontrollgremium ebenso wie Eichler auf der Arbeitnehmerseite an. Eichler habe sich "sehr wohl kritisch und sehr häufig zu den Vorfällen im Konzern geäußert" , sagte Dreher.

Vor dem in der kommenden Woche anstehenden Aktionärstreffen in Bochum häufen sich mittlerweile die Probleme in dem Stahl- und Industriegüterkonzern. Mehrere Aktionäre reichten Gegenanträge ein und fordern, drei zuvor entlassenen Vorständen und dem Aufsichtsrat unter Vorsitz von Gerhard Cromme die Entlastung zu versagen.

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Marc Tüngler, wünschte sich von Aufsichtsratschef Cromme die "notwendige Bissfreudigkeit" bei den anstehenden Aufräumarbeiten.

Bis Dezember vergangenen Jahres hatte auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück für die Krupp-Stiftung im Aufsichtsrat des Konzerns gesessen. Der SPD- Mann hat sein Mandat im vergangen Dezember allerdings niedergelegt.Foto: Anspach/dpa

Meinung

Gleiches Recht für alle

Von SZ-Redakteur

Lothar Warscheid

Beim Stahlkonzern Thyssen-Krupp hat man sich auf Reisen wohl einen gepflegten Luxus gegönnt. Diese netten Annehmlichkeiten soll auch das IG-Metall-Vorstandsmitglied Bertin Eichler genossen haben, auch wenn geschäftliche Termine auf der Tagesordnung standen. Den moralischen Zeigefinger sollte man hier allerdings nicht erheben. Wenn sich Aufsichtsrats-Mitglieder der Kapitalseite solche netten Reisen gönnen, kräht kein Hahn danach, wenn das der Gewerkschafter macht, gilt das als unschicklich. Hier sollte gleiches Recht für alle gelten. Bei einem international tätigen Konzern können sich auch Aufsichtsratsmitglieder die "Außenposten" ansehen, um sich ein Bild zu machen. Es müssen auch nicht die Sitze der "Holzklasse" sein, in die sie sich bei langen Interkontinental-Flügen zwängen. Doch das Geschäftliche sollte im Vordergrund stehen und nicht das Angenehme. Dienstreisen sind kein Urlaub.

Hintergrund

Die Affäre bei ThyssenKrupp erinnert an andere Aufsehen erregende Fälle. VW: Eine Affäre um Schmiergelder und Lustreisen auf Unternehmenskosten erschütterte den Konzern 2005. Neben Schmiergeldzahlungen wurden auch Vergnügungsreisen, teure Geschenke und Partys bekannt, die meist über Eigenbelege als "Vertrauensspesen" bei VW abgerechnet wurden. Siemens: Im Siemens-AUB-Prozess ging es um die Frage, ob Siemens mit millionenschweren verdeckten Zahlungen die Arbeitnehmerorganisation AUB unterstützt hatte, um die aufmüpfige Gewerkschaft IG Metall im Konzern zu schwächen. dpa