Versöhnliches per Twitter

Neue Töne aus dem Iran: Außenminister Mohammed Dschawad Sarif distanziert sich von Holocaust-Leugner Ahmadinedschad. Im Atomstreit ist jedoch keine Änderung des bisherigen Kurses Teherans in Sicht.

Die Sünde kann in der islamischen Republik Iran viele Gesichter haben. Nach Ansicht der Erzkonservativen gehören Facebook und Twitter zu den Dingen, von denen ein frommer Moslem die Finger lassen sollte. Im Iran sind diese Internetseiten deshalb gesperrt und nur über Umwege zu erreichen. Da kommt es schon einer kleinen Revolution gleich, dass der neue iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif sich ausgerechnet auf Twitter gegenüber den Amerikanern versöhnlich gibt. Auf Sarifs Twitter-Gruß zum jüdischen Neujahr diese Woche schrieb Christine Pelosi, Tochter von Nancy Pelosi, der obersten Demokratin im US-Repräsentantenhaus: "Das neue Jahr wäre noch viel süßer, wenn Sie Irans Holocaust-Leugnung beenden würden, Sir." Sarif antwortete darauf, dass der Iran nie den Holocaust geleugnet habe, und derjenige, der es tat - Ex-Präsident Mahmud Ahmadinedschad - "nun weg" sei. Schöner kann Versöhnung per Twitter kaum sein.

Noch euphorischer wurden westliche Medien, als bekannt wurde, dass der neue Präsident Hassan Rohani die Leitung der Nuklearverhandlungen auf das Außenministerium übertragen hat. Damit ist nicht mehr der Vorsitzende des konservativen Nationalen Sicherheitsrats Verhandlungsführer, sondern der so freundlich zwitschernde Außenminister Sarif. Als Sahnehäubchen machte dann auch noch ein Tweet von Rohani die Runde, in dem auch er alles Gute zum jüdischen Neujahr gewünscht hat.

Für allzu große Hoffnungen ist es dennoch zu früh. So hat Rohani laut der Nachrichtenagentur Fars umgehend dementiert, dass er selbst den Gruß getwittert hat. Außerdem hat sich die Feindseligkeit Irans ohnehin immer gegen Israel gerichtet und weniger gegen das Judentum. Was kaum einer weiß: Im Iran lebt mit rund 25 000 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinde des Nahen und Mittleren Ostens.

Ernüchternd sind zudem die Ausführungen von Außenminister Sarif auf seinem Facebook-Account. "Wir verurteilen das von den Nazis verübte Massaker an den Juden, und wir verurteilen das von den Zionisten verübte Massaker an den Palästinensern", schreibt er dort. Hier wird zwar nicht der Holocaust geleugnet, gleichwohl aber seine Einzigartigkeit. Die perfide, industriell organisierte Vernichtung von sechs Millionen Juden stellt der iranische Außenminister so auf eine Stufe mit anderem menschlichen Unrecht.

Auch im Atomkonflikt ist - den versöhnlichen Äußerungen zum Trotz - bislang keine Abweichung vom bisherigen Kurs sichtbar. Sarif besteht auf dem Recht seines Landes, Uran anzureichern, und betont genauso wie seine Vorgänger, dass der Iran keine Absicht habe, Atomwaffen zu bauen.

Außerdem sind der Präsident und seine Regierung nicht die einzigen Mitspieler in der iranischen Politik. Die Revolutionsgarden, die Justiz und Sicherheitsapparate sind von den religiösen Hardlinern dominiert. Auf ihr Konto dürften auch die Vergeltungspläne gehen, über die das "Wall Street Journal" gestern berichtete. Danach haben US-Geheimdienste einen Befehl der Revolutionsgarden an schiitische Milizionäre abgefangen, im Falle eines Angriffs auf Syrien die US-Botschaft in Bagdad anzugreifen.