Verpackungswahnsinn; Politik und Handel suchen Wege zu weniger Plastikmüll

Verpackungswahnsinn : Suche nach Wegen zu weniger Plastikmüll

Politik und Handel wollen den „Verpackungswahnsinn“ stoppen. Auch Supermärkte im Saarland sind guten Willens, weisen aber auch auf Schwierigkeiten hin.

Es ist die Schattenseite der „Wegwerfgesellschaft“. Unmengen von Müll landen an Stränden und Meeren. Der WWF spricht von einem „Verpackungswahnsinn“, die Ozeane „versinken“ im Plastikmüll. Dass so viele Verpackungen produziert und weggeworfen werden, ist hierzulande vor allem ein Problem der Rohstoffverschwendung und des Energieverbrauchs – im Meer landet deutscher Müll nur selten.

Dennoch: Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) betont immer wieder, dass Deutschland als Industrienation auch eine Vorbildfunktion habe, was Konsumgewohnheiten angeht. Im November legte sie einen Fünf-Punkte-Plan für weniger Plastik und mehr Recycling vor – nun folgte ein erster „runder Tisch“ mit Vertretern von Handel und Herstellern, Umwelt- und Verbraucherverbänden. Bis Herbst solle es konkrete Vereinbarungen geben, sagte Schulze gestern in Berlin. „Wir wollen alle gemeinsam, dass Plastikmüll reduziert wird.“ Sie will zunächst auf freiwillige Maßnahmen setzen.

Nicht wenige meinen aber, dass es damit nicht getan sei: „Nette Gesprächsrunden“ reichten nicht aus, um den Verpackungsmüll zu verringern, sagt etwa Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter. „Nur auf Freiwilligkeit zu setzen, hilft uns nicht weiter im Kampf gegen die gigantischen Müllberge.“

Verbote für bestimmte „Doppelt- und Dreifach-Verpackungen“ aus Plastik forderte auch die Saarländerin Birgit Klöber. Mit ihrem Unverpackt-Laden in Saarbrücken geht sie einen radikalen Weg und verzichtet beim Verkauf gänzlich auf Verpackungen. Der Kunde bringt einfach seine eigenen Behälter mit oder kauft sie im Laden. Dann befüllt er sie mit der unverpackten Ware. Zwar kommt auch Klöber nicht ganz ohne Verpackungen aus – für die Lieferung und die Lagerung sind sie unumgänglich –, aber: „Wir verwenden dabei kein Plastik.“ Stattdessen würden die Waren in Kartons oder Altpapier verpackt. Klöber räumte ein, dass ihr radikales Konzept für große Supermärkte in der Form nicht umsetzbar sei. Dafür sei es letztlich zu aufwändig. Zudem könnten große Lieferanten diese Anforderungen so nicht erfüllen. Sie arbeite deshalb mit vielen kleinen Partnern zusammen. Allerdings ist Klöber sicher, dass die großen Ketten noch deutlich mehr in Sachen Müllvermeidung tun könnten.

Beispiel Plastik-Verpackungen bei Obst und Gemüse: Dass etwa Gurken in Plastik oder Apfelsinen und Bananen in Folie eingeschweißt werden, will auch die Umweltministerin bald ändern. „Wir wollen Plastik bei Obst und Gemüse möglichst vermeiden“, sagte Schulze gestern.

Der Handel sagte Unterstützung zu. Im Obst- und Gemüsebereich werde die Zahl der Einweg-Kunststofftüten in diesem Jahr reduziert, sagte der Geschäftsführer des Handelsverbands Deutschland, Kai Falk. Das Angebot von unverpacktem Obst und Gemüse werde ausgebaut, viele Händler führten Mehrwegnetze ein. Kaufland will Salatgurken nun ohne Folie verkaufen. Und bei Bananen ersetze eine Banderole die Plastikverpackung – andere große Ketten sind ähnlich unterwegs.

So auch im Saarland: „Insbesondere bei Obst und Gemüse setzen wir konsequent auf unverpackt, wo immer sich die Chance dazu bietet“, teilte die Supermarkt-Kette Wasgau mit, die an der Saar zahlreiche Läden betreibt. Die Leitlinie sei, „das Warensortiment so wenig wie möglich und wenn, dann so umweltverträglich wie möglich zu verpacken“. Auch Globus hat es sich nach eigenen Angaben das Ziel gesetzt „den Anteil an Kunststoffmaterial effektiv zu reduzieren“. Als Beispiel nennt das saarländische Unternehmen den Einsatz wiederverwendbarer Obst- und Gemüsebeutel.

Daneben testen Betriebe laut Handelsverband Mehrwegbehälter für Käse und Fleisch. Auch Globus bietet an seinen Frischetheken inzwischen die Befüllung eigener Boxen an. „Bisher nutzen unsere Kunden das Angebot aber nur selten“, teilte Horst Lang, Leiter Qualitätssicherung bei Globus, mit.

Die Branche will zudem bei Verpackungen ihrer Eigenmarken den Materialeinsatz reduzieren und die Recyclingfähigkeit verbessern. Wasgau gibt allerdings zu bedenken, dabei „auch an die Einhaltung hygienischer Vorschriften“ gebunden zu sein. Beispielsweise bei Tiefkühlware oder auch Kaffee sei es deshalb schwierig, Verpackungen zu vermeiden. Bei der Hygiene müsse die Politik die Vorgaben anpassen, forderte nun der Handelsverband.

Überhaupt stoße der Lebensmittelhandel bei der Einsparung von Kunststoffverpackungen an Grenzen. „Die Vermeidung von Lebensmittelabfällen hat höchste Priorität, dafür sind Verpackungen oft unverzichtbar“, so der Handelsverband. Wichtig sei zudem die Kundenakzeptanz, teilte Wasgau mit. Insofern müsse allen klar sein, dass Maßnahmen zur Müllvermeidung „nur Schritt für Schritt erarbeitet und umgesetzt werden können, um gerade die Verbraucher auf dem Weg auch mitnehmen und überzeugen zu können“.

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