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Verbittert und enttäuschtStationen einer steilen Karriere in der FDP

Verbittert und enttäuschtStationen einer steilen Karriere in der FDP

Die Würfel sind gefallen: Guido Westerwelle verzichtet beim Wahlparteitag im kommenden Monat auf eine erneute Kandidatur für den FDP-Vorsitz. Damit fügt er sich dem Druck aus der Partei, der am Wochenende noch einmal zugenommen hatte. Die Erklärung des Noch-Vorsitzenden dauerte nur zwei Minuten

Die Würfel sind gefallen: Guido Westerwelle verzichtet beim Wahlparteitag im kommenden Monat auf eine erneute Kandidatur für den FDP-Vorsitz. Damit fügt er sich dem Druck aus der Partei, der am Wochenende noch einmal zugenommen hatte. Die Erklärung des Noch-Vorsitzenden dauerte nur zwei Minuten. Ohne Mauskript und mit leerem Gesichtsausdruck trat Guido gestern um kurz nach 18 Uhr in der Berliner FDP-Zentrale vor die Kameras, um zu verkünden, was schon seit Tagen so gut wie unausweichlich schien: Er werde sich nicht wieder für das Amt des Parteichefs bewerben. Die Entscheidung sei ihm einerseits "sehr schwer gefallen", andererseits aber auch "leicht". Schwer, weil er ja nun schon seit einem Jahrzehnt als Vorsitzender bei der Sache sei. Und leicht, weil viele junge Persönlichkeiten bereit stünden, um die liberalen Geschicke in die Hand zu nehmen. Er wolle für einen "Generationswechsel" sorgen. Sprach's und verließ, ohne Nachfragen zuzulassen, den Saal.Die kurze Ansprache sollte wohl geschäftsmäßig klingen. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Da verlässt ein verbitterter Kapitän die liberale Kommandobrücke. Er sei "unglaublich enttäuscht" darüber, wie in seiner Abwesenheit vor allem von engen Führungsmitgliedern über ihn gesprochen worden sei, meinte einer, der zu Westerwelle einen guten Draht hat. Tatsächlich hatte die Revolte gegen den Ober-Liberalen erst so richtig an Fahrt gewonnen, als Westerwelle in seiner Eigenschaft als Bundesaußenminister China und Japan besuchte. Auch Partei-Promis wie Bundestagsfraktionschefin Birgit Homburger und Justizministerin Sabine Leutheusser- Schnarrenberg hatten sich in dieser Zeit öffentlich von Westerwelle distanziert.

Erst am gestrigen Morgen war Westerwelle von seiner Asien-Reise nach Berlin zurückgekehrt. Und was er in den Sonntagszeitungen über sich lesen konnte, dürfte seinen Seelenzustand nicht gerade erheitert haben. Denn dort zogen weitere Liberale gegen Westerwelle vom Leder. "Für die FDP stellt sich nicht mehr die Frage, ob, sondern, welche inhaltlichen und personellen Konsequenzen gezogen werden müssen", meinte da etwa Fraktionsvize Patrick Döring. Und der hessische Liberale Florian Rentsch gab zu Protokoll: "Ich gehe davon aus, dass Guido Westerwelle an diesem Montag mit persönlichen Konsequenzen den Weg zu einer raschen inhaltlichen und personellen Neuaufstellung frei macht".

Dem war Westerwelle nun zuvorgekommen. Nach einer "Anzahl von Gesprächen" mit seinen Führungskollegen, wie der scheidende Vorsitzende erläuterte. Wegen des massiven Drucks aus der Partei, endlich personelle Konsequenzen aus dem jüngsten Wahldebakel in Stuttgart und Mainz zu ziehen, war offensichtlich nicht einmal der Notfahrplan mehr aufrecht zu erhalten. Demnach sollte Westerwelle seinen Entschluss eigentlich nach der Präsidiumssitzung am heutigen Vormittag bekannt geben.

Wer ihm nachfolgt, ist noch ungeklärt. Dem Vernehmen läuft im Augenblick aber alles auf Bundesgsundheitsminister Philipp Rösler zu. Westerwelle betonte ausdrücklich, dass er sich nun auf sein Amt als Außenminister konzentrieren wolle. Vom "Vizekanzler", der Westerwelle auch ist, war nicht die Rede. Über Rösler ist bekannt, dass er für den Fall seiner Kandidatur zum Parteichef auch diesen Job anstrebt, um am Kabinettstisch von Angela Merkel liberale Stärke demonstrieren zu können. Ob die Rechnung aufgeht, könnte sich schon bei der heutigen Präsidiumssitzung der FDP zeigen.

"Ich verlasse das Deck nicht, wenn es stürmt", hatte Westerwelle noch im Dezember verkündet - die Welle der Rücktrittsforderungen aus der Partei hatte da gerade einen ersten Höhepunkt erreicht. Vier Monate später ist eine der schillernsten deutschen Karrieren der vergangenen 20 Jahre - zumindest parteipolitisch - beendet. Westerwelle ist ein gesellschaftliches Phänomen. Provokant, egozentrisch, populistisch: Kaum ein deutscher Politiker seit der Zeit von CSU-Chef Franz Josef Strauß hat das Publikum so stark polarisiert und die Pfeile der Kritik auf sich gezogen.

Dabei ist der Rechtsanwalt aus Bonn, trotz seiner ständigen Verweise auf seine rheinische Frohnatur, ein verschlossener Mensch geblieben. Niemand von seinen Vertrauten wusste bis zum Rücktrittsentschluss, was wirklich im Kopf des Parteichefs vorging. 1980: FDP-Beitritt. Drei Jahre später übernimmt Westerwelle (Foto: Süddeutsche) den Vorsitz der Jungen Liberalen (bis 1988).

1988: Westerwelle wird Mitglied im FDP-Bundesvorstand.

1994-2001: Generalsekretär, zunächst unter Parteichef Klaus Kinkel, dann unter Wolfgang Gerhardt. In seiner Amtszeit wird das aktuelle Grundsatzprogramm der Liberalen formuliert.

2001: Wahl zum Bundesvorsitzenden der FDP. Unter seinem Vorgänger Gerhardt war die Partei 1998 in die Opposition verbannt worden.

2002: "Kanzlerkandidat" seiner Partei bei der Bundestagswahl. Nach seinem Spaß-Wahlkampf mit dem "Guidomobil" und dem Ziel 18 Prozent kommt die FDP nur auf 7,4 Prozent.

2005: Mit 9,8 Prozent deutlich besseres Bundestagsergebnis. Die FDP wird stärker als die Grünen. Für eine Neuauflage der 1998 abgewählten Koalition mit der Union reicht es nicht.

2006: Westerwelle löst Gerhardt auch als Fraktionschef ab. Als Vorsitzender der drittstärksten Fraktion ist er somit auch "Oppositionsführer".

2006: Beginn einer Serie von Zugewinnen bei Wahlen aller Art. Nach der Hamburg-Wahl sitzen die Liberalen für kurze Zeit in allen 16 Landtagen.

2009: Bislang bestes FDP-Bundestagsergebnis von 14,6 Prozent. Die FDP wird Partner in einer schwarz-gelben Koalition unter CDU-Kanzlerin Angela Merkel. Westerwelle wird Vizekanzler und Außenminister.

2010: Steuersenkungen für Hoteliers und Westerwelle-Kritik am Sozialstaat ("spätrömische Dekadenz") bringen den Vorsitzenden in die Schusslinie.

2011: Die FDP fliegt in Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz aus den Landtagen. In Baden-Württemberg halbieren die Liberalen ihre Stimmenanteile. dpa

 2001 steigt Westerwelle im Aachener Karneval als "Mister 18 Prozent" in die Bütt. Foto: dpa
2001 steigt Westerwelle im Aachener Karneval als "Mister 18 Prozent" in die Bütt. Foto: dpa
 2001 steigt Westerwelle im Aachener Karneval als "Mister 18 Prozent" in die Bütt. Foto: dpa
2001 steigt Westerwelle im Aachener Karneval als "Mister 18 Prozent" in die Bütt. Foto: dpa

"Ich verlasse das Deck nicht, wenn es stürmt." Westerwelle im Dezember 2010