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USA bombardieren syrische Truppen

USA bombardieren syrische Truppen

Ein offenbar versehentlicher Luftangriff der US-geführten Koalition auf die syrische Armee hat zu heftigen gegenseitigen Vorwürfen zwischen Washington und Moskau geführt.

In Syrien droht die zwischen dem Regime und Rebellen vereinbarte Waffenruhe bereits nach einer Woche komplett zu scheitern. Einerseits sind die Kämpfe nach Angaben von Beobachtern deutlich intensiver geworden. Andererseits belastet der Tod von mindestens 90 syrischen Soldaten bei einem vermutlich versehentlichen US-Luftangriff das Verhältnis zwischen den USA und Russland schwer. Das russische Außenministerium erklärte gestern, die Vereinbarungen zur Waffenruhe und zum gemeinsamen Kampf gegen den Terror seien in Gefahr.

Bei dem Angriff am Samstagnachmittag starben nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mindestens 90 Menschen. Mehr als 120 weitere wurden verletzt, als Kampfjets der internationalen Koalition mehrere Positionen des syrischen Militärs nahe der Stadt Dair as-Saur im Osten des Landes angriffen. Die US-Regierung äußerte ihr "Bedauern". Die Piloten seien davon ausgegangen, dass sie Stellungen der Terrormiliz Islamischer Staat angriffen, teilte das Pentagon mit. Außerdem seien russische Stellen vorab informiert worden, dass Kampfflugzeuge in dem Gebiet operieren würden, erklärte ein Pentagon-Sprecher. Dagegen seien keine Bedenken geäußert worden. Das US-Zentralkommando verwies auf die "komplexe" Situation in Syrien mit verschiedenen militärischen Kräften und Milizen in nächster Nähe zueinander. Der Angriff sei sofort abgebrochen worden, als Russland die Koalition auf den Fehler aufmerksam gemacht habe.

Russland rief als Reaktion auf den Angriff eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates ein und warf den USA in einer Mitteilung vor, "an der Grenze zwischen verbrecherischer Schlamperei und direkter Rücksichtnahme auf IS-Terroristen" gehandelt zu haben. Die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power, bezichtigte Russland der Effekthascherei: "Selbst nach russischen Standards ist die Nummer auf einzigartige Weise zynisch und scheinheilig."

Hilfskonvois saßen unterdessen weiter an der türkischen Grenze fest. Es sei "frustrierend", sagte ein Sprecher der UN-Nothilfeorganisation Ocha. LKW mit Lebensmitteln für die umkämpfte Stadt Aleppo warteten immer noch auf grünes Licht.

Meinung:

Diplomatische Show

Von SZ-Mitarbeiter Friedemann Diederichs

Die Skepsis, die die kürzlich zwischen Washington und Moskau ausgehandelte Feuerpause für Syrien begleitet hatte, war berechtigt. Einmal mehr waren die Genfer Gespräche zum Konfliktherd mehr eine diplomatische Show der beiden Großmächte als realitätsbezogene Politik. Nun gesellt sich noch das offensichtliche Fehl-Bombardement der USA zur gescheiterten Waffenruhe. Viel spricht dafür, dass die Jets der Anti-IS-Koalition tatsächlich syrische Regierungssoldaten ins Visier nahmen. Für eine Absicht gibt es jedoch kein Indiz. Doch Russland nimmt diesen Fehler, der im Nebel des Krieges schnell geschehen kann, als Steilvorlage. Dass ausgerechnet die Schutzmacht des syrischen Regimes, das eigene Bürger mit Giftgas zu attackieren pflegt, nun lauthals nach einer UN-Sondersitzung rief, ist allerdings eine Farce. Für die weitere Entwicklung in Syrien geben diese Streitereien wenig Optimismus.