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Urgeschichte bietet Action und Herzklopf-Garantie

Urgeschichte bietet Action und Herzklopf-Garantie

Es dauert nicht lange, dann beginnt man die Rinde der Baumriesen zu betasten, fingert an den Farnen herum, die an den Beinen kitzeln. Stutzt: leblos? Und die Eiszapfen im Polarwald lauwarm? Kunstharz! Doch wenige Schritte weiter ertappt man sich dabei, wie man unwillkürlich der Eispfütze am Boden ausweicht. Und man ahnt: Die haben's geschafft

Es dauert nicht lange, dann beginnt man die Rinde der Baumriesen zu betasten, fingert an den Farnen herum, die an den Beinen kitzeln. Stutzt: leblos? Und die Eiszapfen im Polarwald lauwarm? Kunstharz! Doch wenige Schritte weiter ertappt man sich dabei, wie man unwillkürlich der Eispfütze am Boden ausweicht. Und man ahnt: Die haben's geschafft. Man ist infiziert vom Erlebnis-Virus, der unausweichlich ins Vergnügen führt. Seien einem tausende Millionen Jahre Urgeschichte, Ökosysteme, Urknall- und Evolutionstheorien auch schnuppe. Wer je dem Redener Tyrannosaurus auf 20 Zentimeter Entfernung gegenüberstand, das Beben seiner Flanken sah, die Starre seiner Echsenaugen mied - und dann zu schnuppern beginnt, ob nicht auch noch fauliger Atem aus seinem von blutigen Gedärmen tropfenden Maul entweicht, wird kaum mehr zweifeln, dass ihm zumindest an dieser Stelle Sensationelles geboten wird: Hier steht man vor der Zukunft der Dino-Parks. Fünf dieser robotisch animierten Groß-Tiere wurden in acht Szenarien integriert, 30 Nachbauten sind es insgesamt. Zu wenig? Mag sein. Oder sogar: ganz falsch, weil alles nur Attrappe ist, Spielzeug-Welt und Illusion? Selbst die Fossilien und Skelett-Modelle, die man als attraktivste Stücke sehen darf, sind Repliken. Auch der überwältigende Argentinosaurus in der sehr ansprechend gestalteten Eingangshalle. Was für ein Empfang! Hier ist das erste Staunen darüber garantiert, dass "Jurassic-Park"-Filme nicht im Entferntesten vermitteln, wie gigantisch diese Urzeit-Riesen waren. Beim späteren Rundgang freilich wird das Überkolossale der Natur auf mitunter harmlose Nettigkeit zurechtgestutzt.

Das leicht zugängliche Info- und Lernprogramm bietet mehr Bildungs- denn Denk-Anstöße, scheint auf Kinder, Schüler, Familien zugeschnitten. Nur Erdgeschichts-Experten, Echtheits-Fanatiker und Spaßgehemmte sollten wohl zu Hause bleiben. Ansonsten gilt: Aus der Natur entspringt Unendlichkeit, das ist das Faszinosum. Dagegen kommen auch Skeptiker kaum an. Jeder kann den Gondwana-Szenarien etwas abgewinnen: Überraschungsmomente, echte Emotion - in einer bis in die letzte Kunststoff-Pore künstlichen Filmkulissen-Welt. Nur das Wasser in der Solnhofen-Lagune aus der Jura-Epoche oder in der permischen Wüstenschlucht ist natürliches H2O. 50 Tonnen davon explodieren wenige Meter entfernt von den Besuchern hoch über Köpfen, versprühen Nebel und Gischt, türmen sich gigantisch auf, stürzen sich bis kurz vor die Füße. Der Fluchtinstinkt schnellt hoch: Nix wie weg, rückwärts raus aus der Enge. Nicht jeder vertraut der kleinen Mauer, die die Wassermassen zurückstaut. Hyper-Realismus zeichnet alle Lebensraum-Modelle aus, laut Gondwana-Investor Matthias Michael Kuhl auch höchste wissenschaftliche Korrektheit. Dafür hat er Paläontologen engagiert: Dr. Andreas Braun und Professor Rodolfo Coria. Letzterer lieferte den zehnminütigen sensationellen 3-D-Film, der am Ende des Rundgangs noch mal für Ahs und Ohs sorgt, weil einem beim Kampf der Dinos die Steine um die Ohren fliegen und wir uns vor wippenden Schwanzspitzen in die Sitze ducken. Die Erdgeschichte als unablässiges Katastrophen- und Action-Kino? An diesem Klischee rüttelt die Ausstellung sehr wohl.

Tief in den Image-Seilen

Also ist jetzt alles nur noch prima in Reden, nachdem das Projekt gefährlich tief in den Image-Seilen hing? Die Opposition hatte Monate lang auf die intransparente Subventions-Politik gefeuert: Das Land habe das Projekt mit weit mehr als den offiziellen fünf Millionen Euro Wirtschaftsfördermitteln abgepolstert.

Auf den letzten Metern sorgte dann noch die fragwürdige Einladungs-Politik beim heutigen Al-Gore-Eröffnungsbesuch für Verärgerung. Die Besucher muss das nicht kratzen. Was ihnen jedoch negativ auffallen könnte, ist die wenig gediegene Billigheimer-Gestaltung der so genannten Einführungsräume. Für diese den Erlebnis-Stationen jeweils vorgeschalteten Info-Stationen müssen meist schlichte Plakate genügen; interaktive Elemente fehlen, das sieht nach Sparen aus. Ebenso haben alle Räume dieselbe Temperatur, das irritiert. Sollten die akustisch mit Kreischen, Zirpen und Grunzen aufgepeppten Landschaften, in denen es ab Sonntag auch richtig schön stinken soll, klimatisch nicht eine ebenso authentische Atmosphäre haben?

Problematisch auch die Begegnung mit einer Art Krokodil im Trias-Zeitalter. Das herrlich bösartig fauchende Riesenvieh erinnert daran, dass uns hier eigentlich lebendige Exemplare hätten erschrecken sollen. Aber für einen Zoo-Betrieb oder Aquarien war dann das 14-Millionen-Euro-Budget doch zu knapp. Das Konzept wurde mehrfach umgestrickt, jetzt sind 4800 Quadratmeter Ausstellung zu besichtigen - unter einem Hallendach. Insofern ist die ursprüngliche Bezeichnung Park kaum mehr passend, auch aus dem Namen verschwunden: "Gondwana - Das Prähistorium".

250000 Menschen müssen jährlich kommen, damit sich das Ganze rechnet. Wenn man bedenkt, wie lange das Weltkulturerbe Völklinger Hütte brauchte und welche "Inkagold"-Knalleffekte es einsetzen musste, um diese Touristenzahl zu erreichen, könnte es einem bang werden.

Kuhl fischt ja auch nicht wirklich in einem anderen Teich, obwohl Gondwana dichter an der Spaß-Nummer liegt als am Science Center. Er versteht sein "Evolutions-Zentrum" als eine "Liebeserklärung an die Natur": "Das Projekt Leben ist fragil. Wir zeigen, wie leicht es zerstörbar ist", sagt Kuhl.

Auf einen Blick

Öffnungszeiten: Ab 14.12. täglich 10 bis 19 Uhr. Geschlossen am 24. Dezember 2008 und am 1. Januar 2009. Preise: Kinder bis drei Jahre frei. Kinder vier bis 14 Jahre zehn Euro. Geburtstagskinder frei. Erwachsene 15 Euro. Erwachsene ab 65 Jahre 13 Euro. Familienkarte (zwei Erwachsene/ein Kind) 38 Euro - jedes weitere Kind (vier bis 14) acht Euro. Gruppenpreise auf Anfrage (Tel. 06821/9316310). Die Ausstellung ist "selbstführend" konzipiert.

 Alle gezeigten Tiere und Fossilien sind Nachbildungen. Auch das Skelett des Argentinosaurus in der Eingangshalle (links) ist nur zu zehn Prozent echt.
Alle gezeigten Tiere und Fossilien sind Nachbildungen. Auch das Skelett des Argentinosaurus in der Eingangshalle (links) ist nur zu zehn Prozent echt.
Urgeschichte bietet Action und Herzklopf-Garantie
 Riesenlibelle im Karbonwald.
Riesenlibelle im Karbonwald.

Der Begriff Gondwana kommt von einem Ur-Kontinent auf der Südhalbkugel. Er umfasste Südamerika, Afrika, Vorderindien, Madagaskar, Australien und die Antarktis. Nach etlichen Teilungen zerfiel der Großkontinent in der Zeit zwischen 245 bis 65 Millionen Jahren. www.gondwana-praehistorium.de. ce