Unglücks-Quelle soll wieder sprudeln

Washington. Der Zementpfropfen auf dem Bohrloch saß noch nicht fest, da begannen schon die Spekulationen über das vor Kurzem noch Undenkbare

Washington. Der Zementpfropfen auf dem Bohrloch saß noch nicht fest, da begannen schon die Spekulationen über das vor Kurzem noch Undenkbare. Warum eigentlich sollte das Öl-Reservoir 50 Meilen vor der Küste Louisianas nicht noch einmal kontrolliert angezapft werden? Flossen in den fünf Monaten nach dem Unglück der Plattform "Deepwater Horizon" doch "nur" 4,9 Millionen Barrel Öl in den Golf von Mexiko. Nach Einschätzung von Experten der Öl-Industrie bleiben damit noch rund 45 bis 90 Millionen Barrel in dem Reservoir. "Das ist eine große Menge Gas und Öl", erklärte BP-Chef-Ingenieur Doug Suttles bereits im August. "Wir müssen ab einem bestimmten Punkt darüber nachdenken, was wir damit machen."Dieser Punkt schien am Sonntagmorgen um 5.54 Uhr erreicht. "Wir können endlich bekannt geben, dass Macondo 252 effektiv tot ist", erklärte Katastrophen-Koordinator Thad Allen, nachdem ein letzter Test bestätigte, dass das Zementsiegel dicht ist.Analytiker halten es für unwahrscheinlich, dass BP selbst die abermalige Erschließung der Quelle angeht. "Nichts aber hindert den Konzern daran, die Quelle an einen anderen Interessenten zu verkaufen", sagt Tadeusz Patzek von der Universität Texas. Er macht folgende Rechnung auf: "Sie haben Öl, das etwa dreieinhalb Milliarden Dollar wert ist. Wenn sie es für eineinhalb Milliarden verkaufen, schlägt gerne jemand zu." Zumal der Käufer bereits weiß, was ihn erwartet. Theoretisch könnte BP den Kaufinteressenten den Deal versüßen, wenn er die nicht fertiggestellte zweite Entlastungsquelle mit anbietet. Dies würde Erschließungskosten in dreistelliger Millionen-Höhe ersparen.Schleppende EntschädigungAuch sonst blickt Öl-Multi BP wieder optimistischer in die Zukunft. Der künftige Konzernchef Bob Dudley meint, der geschätzte Schaden von rund 32,2 Milliarden Dollar werde wohl nicht überschritten. Vor Investoren erklärte er kürzlich, er gehe davon aus, dass der Entschädigungsfonds für die Küstenbewohner am Ende weniger als 20 Milliarden US-Dollar auszahlen werde.Während BP schon wieder den Blick nach vorn richtet, kocht bei den Küstenbewohnern die Wut hoch über die langsame Entschädigung. "Die längsten 48 Stunden meines Lebens" stand auf dem Pappschild einer Frau, die dem Verwalter des Fonds, Kenneth Feinberg, kürzlich bei einem Treffen mit Betroffenen in Houma vorhielt, wortbrüchig geworden zu sein. Feinberg hatte bei Übernahme des Entschädigungsfonds am 23. August einen ehrgeizigen Zeitplan versprochen. Einzelpersonen sollten in zwei Tagen, Unternehmen binnen einer Woche entschädigt werden. "Es geht langsamer voran als erhofft", räumt Feinberg nun ein.Bis heute bearbeitete der Entschädigungsfonds etwas mehr als ein Viertel der 63 000 eingereichten Forderungen und zahlte rund 240 Millionen US-Dollar aus. Oftmals nur ein Bruchteil dessen, was als Schaden reklamiert wurde. Feinberg sichert den aufgebrachten Küstenbewohnern zu, dies sei nur der Anfang. "Die endgültigen Zahlungen werden extrem großzügig sein."Experten bleiben skeptisch, ob BP am Ende Wort hält. Insbesondere, wenn es um die Wiedergutmachung der Langzeit-Schäden geht, die sich bisher kaum abschätzen lassen. Der Vorsitzende des Energie-Ausschusses im Repräsentantenhaus, Edward Markey, bringt die Bedenken auf den Punkt: "Das Leck begann mit einem Knall und endet mit einem Fiepen", erklärte er zur Versiegelung der Quelle. "Eine Menge von Problemen schreit weiterhin nach unserer Aufmerksamkeit."