Unabhängig und überparteilich

Berlin. Anfang 1965 steht der Fraktionschef der CDU im rheinland-pfälzischen Landtag vor der Tür des Boehringer-Managers Richard von Weizsäcker in Ingelheim. Der erst 35-jährige Helmut Kohl will den zehn Jahre Älteren quasi in die Politik "abholen". Weizsäcker, seit 1954 CDU-Mitglied, sagt vorerst ab. Bei der Wahl 1969 kann er aber nicht mehr widerstehen

Berlin. Anfang 1965 steht der Fraktionschef der CDU im rheinland-pfälzischen Landtag vor der Tür des Boehringer-Managers Richard von Weizsäcker in Ingelheim. Der erst 35-jährige Helmut Kohl will den zehn Jahre Älteren quasi in die Politik "abholen". Weizsäcker, seit 1954 CDU-Mitglied, sagt vorerst ab. Bei der Wahl 1969 kann er aber nicht mehr widerstehen. Kohl versuchte damals, die katholisch und kleinbürgerlich geprägte CDU zu einer modernen Volkspartei zu machen. Weizsäcker schien da gerade recht. Der Freiherr, am 15. April 1920 in Stuttgart geboren, stammt aus dem schwäbischen Bildungsbürgertum, gilt als liberal-konservativ und pflegt als Diplomaten-Sohn eine gewisse Weltoffenheit. Er ist ein Mann aus der Wirtschaft, Protestant und Kirchentagspräsident - und ein brillanter Redner. Soviel Öffnung und Eigenständigkeit konnte die CDU in den 60er Jahren wohl noch nicht richtig verkraften. Die Vorteile, die Kohl damals noch in der Person Weizsäcker sah, führten letztlich zum Zerwürfnis zwischen dem Parteipatriarchen und dem "eigensinnigen" Intellektuellen. Kohl wirft Weizsäcker mit den Jahren immer lauter vor, er habe vergessen, dass er auf der Parteischiene Karriere gemacht habe. Weizsäcker lässt im Gegenzug nicht ganz uneitel durchblicken, die CDU könne sich mit ihm brüsten. Er bleibt stets auf Distanz zum Parteiensystem und Anfang der 90er Jahre hält er den Parteien gar Machtversessenheit vor. In der Tat sorgte aber Kohl dafür, dass Weizsäcker schnell Karriere macht. Bei der Bundestagswahl 1969 bekommt er einen sicheren Listenplatz, 1979 wird er Bundestagsvizepräsident. 1981 erringt Weizsäcker im zweiten Anlauf das Bürgermeisteramt in der "Frontstadt" Berlin. Die Sozialdemokraten müssen danach zur Kenntnis nehmen, dass dem CDU-Mann in Berlin gelingt, was der SPD zuvor nicht gelang: die Beruhigung der militanten Hausbesetzerszene. In Berlin erbringt Weizsäcker den Nachweis, dass er nicht nur der Mann für das intellektuell Feinsinnige, sondern auch für das politisch Grobe sein kann. Doch entgegen seiner Zusicherung, Berlin als "Lebensaufgabe" zu sehen, drängt er drei Jahre später - gegen den Widerstand Kohls - ins Bundespräsidentenamt. Auch hier ist es der dritte Anlauf und ein Zeichen mehr, dass Weizsäcker in seiner politischen Laufbahn nicht immer nur geschoben werden musste. Kaum ein Jahr im Amt bietet er mit seiner historischen Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985 eine Demonstration seiner Überparteilichkeit. Der 8. Mai sei ein Tag der Befreiung - das Kriegsende sei nicht mehr nur als Niederlage zu verstehen, sondern als Befreiung "von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft" und als neue Chance. Flucht und Vertreibung dürften nicht losgelöst von der "Gewaltherrschaft, die zum Kriege führte", gesehen werden. Beobachter meinen, die Gedanken seien damals nicht völlig neu gewesen. Dass sie jedoch von einem Bundespräsidenten zu einer Zeit vorgetragen wurden, da sein eigenes, konservatives Lager zum Teil noch weit von derlei Erkenntnis entfernt schien, gab der Rede eine andere Dimension. An manchen Stellen erhielt Weizsäcker von der Opposition mehr Beifall als aus den eigenen Reihen. Die Rede untermauerte die bis heute hohe Anerkennung Weizsäckers auch im Ausland. Das Bild des Präsidenten verklärte sich in der Bevölkerung früh zu einer Art Idealtypus eines Staatsoberhaupts. Die Rede des damals 65-jährigen Weizsäcker ist auch Ergebnis der Auseinandersetzung mit seinen eigenen Kriegserlebnissen und dem Wirken von Vater Ernst als Außenamts-Staatssekretär unter den Nazis. Als Jurastudent unterstützt Richard 1948/49 die Verteidiger des Vaters in den Kriegsverbrecherprozessen. Der Familie Weizsäcker geht es dabei auch um die Deutungshoheit über die umstrittenen Vorgänge. Dennoch scheint Richard von Weizsäcker schon wenige Jahre nach dem Krieg "der deutschen Öffentlichkeit an Bereitschaft zu selbstkritischer, geschichtspolitischer Reflexion um Jahrzehnte voraus" ("Spiegel"). Weizsäcker war beim Einmarsch der Wehrmacht in Polen dabei. Gleich am zweiten Kriegstag fiel sein Bruder Heinrich. Die Aussöhnung mit Polen war deshalb nach dem Krieg ein Anliegen. Daher scheint es konsequent, dass Weizsäcker für die Ost-Politik Willy Brandts grundsätzlich Sympathien hegte. Dankbar zeigte er sich, dass die Wiedervereinigung in seine zehnjährige Amtszeit als Bundespräsident fiel. Trotz grundsätzlicher Würdigung der Entscheidungen Kohls: Die ökonomische Bewältigung der Einheit bewertet er kritisch. Die Politik habe die Bundestagswahl im Dezember 1990 im Blick gehabt und den Wählern im Westen vorgemacht, "die Vereinigung kostet euch nichts". Deutschland zahlt heute noch. Sein Sohn Fritz sagt bei der ARD über den 90-Jährigen Richard von Weizsäcker: "Vater ist immer beschäftigt. Er ist wie ein Fahrrad - wenn es nicht fährt, fällt es um." "Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart."Rede zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges 1985 "Der Staat, das sind wir selber."Rede an der Berliner Humboldt-Universität 2006"Das Ziel des Dialogs ist nicht Unterwerfung und Sieg, auch nicht Selbstbehauptung um jeden Preis, sondern gemeinsame Arbeit in der Methode und in der Sache."Rede auf dem Weltkongress der Historiker in Stuttgart 1985"Geschichte kann Heimat sein."Interview mit der Stuttgarter Zeitung 2008"Nur eine solidarische Welt kann eine gerechte und friedvolle Welt sein."Rede zum Thema "Verantwortung für sozialen Fortschritt, Gerechtigkeit und Menschenrechte" 1986

 Der damalige Kanzler Helmut Kohl und Weizsäcker bei dessen Wahl zum Bundespräsidenten 1984. Foto: dpa
Der damalige Kanzler Helmut Kohl und Weizsäcker bei dessen Wahl zum Bundespräsidenten 1984. Foto: dpa
 Weizsäcker mit seiner Frau Marianne 1968 in ihrem Heim in Bonn. Das Ehepaar hat vier Kinder. Foto: dpa
Weizsäcker mit seiner Frau Marianne 1968 in ihrem Heim in Bonn. Das Ehepaar hat vier Kinder. Foto: dpa
 Der damalige Kanzler Helmut Kohl und Weizsäcker bei dessen Wahl zum Bundespräsidenten 1984. Foto: dpa
Der damalige Kanzler Helmut Kohl und Weizsäcker bei dessen Wahl zum Bundespräsidenten 1984. Foto: dpa

Auf einen Blick15. April 1920: Weizsäcker wird in Stuttgart geboren.1939-1945: Weizsäcker ist Soldat im Zweiten Weltkrieg, zuletzt Hauptmann der Reserve.1945-1950: Weizsäcker studiert Jura und Geschichte.1968: Weizsäcker unterliegt Unions-intern bei der Kandidatenkür zur Bundespräsidentschaft. 1974: Weizsäcker kandidiert erfolglos gegen Walter Scheel (FDP) für das Amt des Bundespräsidenten.1981-1984: Im zweiten Anlauf Regierender Bürgermeister von Berlin.1984-1994: Weizsäcker ist 6. Präsident der Bundesrepublik.8. Mai 1985: In seiner Rede zum 40. Jahrestag der Kapitulation setzt Weizsäcker Zeichen für einen verantwortungsbewussten Umgang mit der NS-Vergangenheit.November 1989: Nach dem Mauerfall mahnt Weizsäcker zur Behutsamkeit beim Zusammenwachsen von DDR und BRD. dpa