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Kanzlerin vor vierter Amtszeit: Trotz allem – Merkel wird die ewige Kanzlerin

Kanzlerin vor vierter Amtszeit : Trotz allem – Merkel wird die ewige Kanzlerin

Das Ergebnis ist deutlich schlechter als erwartet, dennoch dürfte Angela Merkel vier weitere Jahre Kanzlerin bleiben.

Die Liste ihrer Titel ist lang: Kohls Mädchen, die Unterschätzte, die Wankelmütige, Klimakanzlerin, Sphinx, Flüchtlingskanzlerin, Wahlkampfmaschine, mächtigste Frau der Welt. Was stimmt? Vielleicht alles – oder ein bisschen oder jeweils zu seiner Zeit. Jetzt dürfte ein weiterer Titel dazukommen: die ewige Kanzlerin.

Angela Merkel, Pfarrerstocher aus der DDR, promovierte Physikerin, hochbegabt und lange scheu, kaperte nach dem Mauerfall als Quereinsteigerin zuerst die von Männern dominierte CDU. Später eroberte sie als Kanzlerin die Bundesrepublik. Mit Ausdauer und Beharrlichkeit, Anpassungsfähigkeit und Härte, Zurückhaltung und Mut.

Seit zwölf Jahren ist sie an der Macht. Dort wird die 63-Jährige trotz der gestrigen Wahlpleite ihrer Union aller Voraussicht nach weitere vier Jahre bleiben. Für viele ist sie ein Faszinosum. Was bewegt ihr Innerstes? Wie hat das Amt sie verändert? Die CDU-Politikerin Christina Schwarzer erinnert sich gut an einen Rat, den Merkel den Neulingen im Bundestag vor vier Jahren gab: „Vergessen Sie nie, wo Sie herkommen, und bleiben Sie immer authentisch.“

Merkel kommt eigentlich aus dem Westen, geboren 1954 in Hamburg. Aber aufgewachsen ist sie in Templin, im Osten, im autoritären Regime der DDR, das 1989 zusammenbrach. Distanz und Misstrauen haben die Politikerin geprägt – und sind bis heute bei ihr zu spüren. Erika Benn, 79 und Merkels einstige Russischlehrerin, will eigentlich nichts mehr erzählen. Sie habe Journalisten schon alles gesagt über ihre Ausnahmeschülerin Angela, deren Mutter wie sie weiter in Templin lebt. Dann sprudelt es doch aus ihr heraus: „Wie habe ich sie wahrgenommen? Als Schülerin, die wollte und konnte, die fleißig war. Angela hat getan, was man ihr gesagt hat. Sie hat auch nie widersprochen“, sagt sie. „Die Mitschüler haben sie geachtet, weil sie alles wusste und konnte.“ Sie habe über den anderen gestanden.

Heute hält sich Merkel immer noch lange mit Entscheidungen zurück. Sie beobachtet ihr Umfeld erst genau und schreitet dann zur Tat. Ganz authentisch. Benn sagt, sie habe Merkel introvertiert in Erinnerung. Sie habe oft nur nach unten geschaut und selten gelächelt. Für die Russisch-Olympiade, die Merkel gewann, habe sie ihr geraten, freundlich zu gucken, weil sich das bei Auftritten so gehöre. Das ist bald 50 Jahre her. Beim TV-Duell mit SPD-Herausforderer Martin Schulz habe sie das auch gemacht, bemerkt Benn zufrieden. Alte Schule eben.

Scheu ist Merkel heute nicht mehr. Aber Situationen wie das TV-Duell bereiten ihr trotzdem spürbar Unbehagen. Wie früher vor Prüfungen studiert sie akribisch Unterlagen und geht maximal vorbereitet in Auseinandersetzungen. So las sie vor ihrem Washington-Besuch im März sogar ein „Playboy“-Interview mit Donald Trump von 1990. Den Rest überlässt sie ihrem Instinkt. Heraus kam eine souverän wirkende Machtpolitikerin. CDU-Frau Schwarzer bewundert Merkel dafür, dass sie stets die Fassung bewahre. „Sie ist nie laut und vergreift sich nicht im Ton. Ich weiß nicht, wie sie das macht, vielleicht zählt sie nachts Schäfchen.“

Merkel selbst gibt schon seit Jahren nicht mehr gerne preis, was sie bewegt. 1991 charakterisierte sie sich noch offenherzig. Sie war gerade Frauen- und Jugendministerin im Kabinett von Helmut Kohl geworden. Der Fotografin Herlinde Koelbl sagte sie für deren Buch „Spuren der Macht“: „Ich habe eine gewisse Art von Beharrlichkeit und Durchsetzungsvermögen, obwohl ich auch nachgeben und mich mit Kompromissen abfinden kann. Außerdem habe ich einigermaßen gute Nerven und kann den Kräfteverschleiß bei einer so abrupten Karriere in Grenzen halten, obwohl ich längst noch nicht so hartgesotten bin, wie man das in der Politik wahrscheinlich auf Dauer sein muss.“

Die 63-Jährige ist sich in vielem treu geblieben. Aber mit zunehmender Macht kamen auch Veränderungen. Heute ist sie so hartgesotten, wie sie es damals nur bei anderen erlebte. Männer, die ihr im Wege standen, hat sie bekämpft oder auf andere Gleise gesetzt. Friedrich Merz, Roland Koch, Christian Wulff. Auf internationaler Bühne bietet sie schwierigsten Kalibern wie Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan die Stirn. Und zeigt sich dann auch immer wieder kompromissbereit.

Sie selbst sagt, dass sie sich als Kanzlerin mit all den Herausforderungen auch wandeln müsse. Kehrtwende in der Atompolitik, bei der Wehrpflicht, Ehe für alle und auch in der Flüchtlingspolitik. Der Willkommenskultur folgte die Asylrechtsverschärfung. „Sie kennen mich“, hatte Merkel im vorigen Wahlkampf den Bürgern versichert. „Das gilt jetzt, vier Jahre später, noch viel mehr. Die Menschen setzen auf ihre unprätentiöse, ruhige und verlässliche Art“, sagt CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn (37).

Aber stimmt es denn, dass die Bürger Merkel kennen? Politisch vielleicht. Wenngleich Merkels anfangs so offenherzige Flüchtlingspolitik viele überrascht hat. Ihr Privatleben kennen weiter nur wenige. Es ist bekannt, dass sie in der Uckermark in Hohenwalde bei Templin ein Wochenendhäuschen hat. Dass sie nie ganz fortging, wird ihr in der Nachbarschaft hoch angerechnet. In Berlin wohnen Merkel und ihr Mann, der öffentlichkeitsscheue Quantenchemiker Joachim Sauer, zur Miete. Ein Taxifahrer erzählt, dass Merkels Mutter, Herlind Kasner, öfter in Hohenwalde zu Besuch sei. Merkel lasse die 89-Jährige nicht von den Sicherheitsbeamten wieder nach Hause bringen, sondern rufe ein Taxi. Dann begleite sie in Jogginghose und Pulli ihre Mutter zum Auto und schüttele dem Fahrer die Hand.

SPD-Chef Schulz hat die Kanzlerin im Wahlkampf als abgehoben und arrogant beschrieben. Gregor Gysi, Ikone der Linkspartei, sagt dazu: „Schulz hat alles falsch gemacht. Wenn sie eines nicht ist, dann arrogant und abgehoben. Für eine Kanzlerin ist sie außergewöhnlich uneitel. Materielles interessiert sie nicht.“