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"Todesengel im Namen des Islam" Behörden sehen weiter große Anschlagsgefahr für das Saarland

"Todesengel im Namen des Islam" Behörden sehen weiter große Anschlagsgefahr für das Saarland

Düsseldorf. Besonders beeindruckt wirken die soeben als Terroristen verurteilten Männer nicht: Herzlich klatscht der Islamist Adem Yilmaz seinen Kumpel Daniel Schneider ab und verschwindet aus dem Gerichtssaal. Fritz Gelowicz lächelt in weißer Trainingsjacke, die Hände in den Taschen seiner Jeans

Düsseldorf. Besonders beeindruckt wirken die soeben als Terroristen verurteilten Männer nicht: Herzlich klatscht der Islamist Adem Yilmaz seinen Kumpel Daniel Schneider ab und verschwindet aus dem Gerichtssaal. Fritz Gelowicz lächelt in weißer Trainingsjacke, die Hände in den Taschen seiner Jeans. Das umfangreichste deutsche Terrorverfahren seit den Prozessen gegen die Rote Armee Fraktion (RAF) ist beendet. In gut fünf Jahren können die Islamisten der Sauerland-Gruppe wieder auf freiem Fuß sein, Terrorhelfer Atilla Selek sogar schon in fünf Monaten.

Der Saarländer Schneider (24), der jüngste der Terroristen, hat schon Zukunftspläne: Er will das Gefängnis als Akademiker verlassen. Für die Planung der größten Anschläge in der Geschichte der Bundesrepublik haben die bärtigen jungen Männer gestern bis zu zwölf Jahre Haft erhalten. Schneider und Gelowicz bekommen die höchsten Strafen, Yilmaz elf Jahre, Selek fünf Jahre. Die Untersuchungshaft wird angerechnet - bei guter Führung winkt nach Verbüßen von zwei Dritteln der Strafe die Freiheit.

Die vier Islamisten hätten "aus Verblendung und verqueren Dschihad-Ideen" gehandelt, geißelt der Vorsitzende Richter Ottmar Breidling. Sie alle haben dem Terror abgeschworen, beteuern ihre Anwälte. Zweifel kommen angesichts der Meldung auf, dass Gelowicz' Ehefrau noch vor kurzem Geld für die terroristische Islamische Dschihad Union gesammelt haben soll. Das Gericht äußert deutlich sein Unbehagen über diese neue Form islamistischen Terrors, den Experten "Homegrown Terrorism" nennen - Terrorismus aus eigener Zucht sozusagen: So wuchsen Schneider und Gelowicz in bürgerlichen deutschen Verhältnissen auf und wurden dennoch zu "Todesengeln im Namen des Islam". Konflikte in zerrütteten Familien gaben den Anstoß, um Halt und Zuflucht in radikalislamischen Ideen zu suchen. Es gebe offenbar zahlreiche verführbare oder schon verführte junge Männer, die sich "auf den Weg zum Töten" begäben und sich dabei in der Rolle von "Todesengeln im Namen des Islam" sähen, sagt der Richter. Denn der weltweite islamistische Terrorismus greife weiter um sich und erfasse inzwischen auch junge Leute, die in der westlichen Kultur aufgewachsen seien. Der Einfluss von Hasspredigern wie in Neu-Ulm tue ein Übriges. "Hassprediger, wie sie zunehmend auch in unserem Land ihr Unwesen treiben", so Breidling. Und die Konvertiten marschierten bald im "Dschihad" mit der Kalaschnikow durch Waziristan. Beim Bombenbau im Sauerland gerieten sie - abgehört von den Ermittlern - in blutrünstiges Schwärmen, fielen Sätze wie "Am besten ganz Deutschland wegbomben".

Die Angeklagten seien zu "nahezu grenzenlosem und hemmungslosem Töten bereit" gewesen und hätten einen "zweiten 11. September" im Kopf gehabt, sagt Breidling. Ihr "Hass auf alle Ungläubigen" trieb sie zu Anschlägen auf Kneipen, Diskotheken, Flughäfen und US-Einrichtungen in Deutschland. Ziele waren in Ramstein, Kaiserslautern, Düsseldorf und Köln. Die Pläne waren perfide: Mit einer kleineren Explosion sollten Menschen zur Flucht aus einer Disco getrieben werden. Vermeintlich in Sicherheit, sollte sie dann draußen der Tod durch eine gewaltige Autobombe ereilen. Die Sprengkraft aus über 700 Litern Wasserstoffperoxid hätte die Welle von Explosionen die Anschläge von London und Madrid bei weitem in den Schatten gestellt.

Dennoch gibt es Strafrabatt: Für die Geständnisse, für die Tatsache, dass die meisten Zünder unbrauchbar waren, und weil die Chemikalie von der Polizei schnell durch eine unschädliche ausgetauscht worden war, somit keine unmittelbare Gefahr mehr bestand.

Saarbrücken. Nach der Verurteilung der Sauerland-Terroristen um den Neunkircher Daniel Schneider bleibt die Anschlagsgefahr im Saarland nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden unverändert hoch. Das Landesamt für Verfassungsschutz erklärte auf SZ-Anfrage, es könne keine Entwarnung gegeben werden: "Es besteht weiterhin eine hohe abstrakte Bedrohung." Alle Sicherheitsbehörden des Landes arbeiteten "weiterhin intensiv daran, Strukturen und Netzwerke im Bereich des islamistischen Terrorismus aufzudecken". Ein Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA) fügte hinzu, derzeit gebe es zwar keine konkreten Hinweise auf einen bevorstehenden Anschlag. Dennoch sei ein Terrorakt "im Bereich des Möglichen". Besonderes Augenmerk wollen die Ermittler im Sommer auf Großveranstaltungen wie Fan-Feste ("Public Viewing") während der Fußball-Weltmeisterschaft legen.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) forderte angesichts des Ermittlungs-Aufwandes eine personelle Aufstockung der Staatsschutz-Abteilung des LKA. Dort bewerten 20 Beamte aus unterschiedlichen Dienststellen die Sicherheitslage ständig neu. BDK-Landeschef Michael Rupp sagte, die Terror-Ermittlungen dürften nicht zu Lasten der Aufklärung anderer Straftaten gehen.

Nach dem staatenlosen Libanesen Houssain al M. und dem Konvertiten Eric B., die früher beide Schneiders Umfeld in Neunkirchen und Saarbrücken-Herrensohr angehörten, wird in Afghanistan und Pakistan mit Plakaten gefahndet. Es gebe keine neuen Hinweise auf ihren Aufenthaltsort, hieß es gestern im Bundeskriminalamt (BKA).

Nach früheren Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden liegt der Brennpunkt der saarländischen Islamistenszene in Neunkirchen. In der dortigen Yunus-Emre-Moschee soll auch Schneider gebetet haben. Der Vorsitzende der Türkisch-Islamischen Gemeinde, Ahmet Kilic, sagte gestern, die 150 Mitglieder seien "ganz normale friedliche und gläubige Menschen". Er fügte hinzu: "Was draußen abläuft, kann ich nicht wissen." Er stehe in Kontakt mit der Polizei, sei von den Behörden aber bislang nicht über auffällige Personen informiert worden. Mit Blick auf den verurteilten Schneider betonte er: "Gegen solche Leute müssen wir alle zusammenhalten."kir

Hintergrund

Die vier Verurteilten im Sauerland-Prozess:

Fritz Gelowicz (30): Der Anführer der Sauerland-Gruppe kommt auf den ersten Blick aus einer heilen Welt. Der Sohn einer Ärztin und eines Unternehmers wächst in München und Ulm auf. Doch er erfüllt die Erwartungen seines Vaters nicht und scheitert am Gymnasium. Seine Eltern lassen sich scheiden, mit 16 konvertiert Fritz zum Islam. Beeinflusst wird er von einem radikalen Prediger im Multikulturhaus in Neu-Ulm.

Daniel Schneider (24): Als Schüler ist der Neunkircher Messdiener und spielt Basketball. Sein Weg in den "Heiligen Krieg" beginnt mit dem jahrelangen Scheidungskrieg seiner Eltern. Nach deren Trennung kommen Probleme in der Schule, Jugendarrest wegen Raubes und Körperverletzung, erfolglose Bewerbung als Zeitsoldat bei der Bundeswehr. Das Gymnasium bricht er in der 12. Klasse ab, er wendet sich dem Islam zu.

Adem Yilmaz (31): Yilmaz macht eine Ausbildung bei der Bahn, später arbeitet er als Kaufhausdetektiv. Er gilt als intellektuell eher "einfach strukturiert". In Deutschland schleust er Terror-Nachwuchs nach Pakistan.

"Todesengel im Namen des Islam" Behörden sehen weiter große Anschlagsgefahr für das Saarland
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 Die vier "Gotteskrieger" Daniel Schneider, Fritz Gelowicz, Atilla Selek und Adem Yilmaz (von oben links im Uhrzeigersinn) zeigten sich gestern im Sitzungssaal des Oberlandesgerichtes in Düsseldorf vom Urteil wenig beeindruckt. Fotos: dpa
Die vier "Gotteskrieger" Daniel Schneider, Fritz Gelowicz, Atilla Selek und Adem Yilmaz (von oben links im Uhrzeigersinn) zeigten sich gestern im Sitzungssaal des Oberlandesgerichtes in Düsseldorf vom Urteil wenig beeindruckt. Fotos: dpa
"Todesengel im Namen des Islam" Behörden sehen weiter große Anschlagsgefahr für das Saarland
"Todesengel im Namen des Islam" Behörden sehen weiter große Anschlagsgefahr für das Saarland
"Todesengel im Namen des Islam" Behörden sehen weiter große Anschlagsgefahr für das Saarland

Atilla Selek (25): Der in der Türkei geborene Selek ist eigentlich gut in Deutschland integriert. Nach einer Ausbildung als Fahrzeuglackierer hat er Aussicht auf eine feste Anstellung. Dann gerät er in den Dunstkreis radikaler Prediger des Multikulturhauses in Neu-Ulm. dpa