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Teenager aus Denver träumen vom Dschihad

Teenager aus Denver träumen vom Dschihad

Irgendetwas stimmt nicht. Dieser Gedanke schießt Assad Ibrahim (48), einem Finanzberater aus Denver , Colorado, an diesem Freitagmorgen durch den Kopf. Gerade hat der Leiter der Highschool seiner Tochter angerufen.

Die 16-Jährige sei nicht zum Unterricht erschienen. Der sudanesische Auswanderer ist beunruhigt, versucht seine Tochter auf dem Handy anzurufen. Und erreicht sie. "Ich war nur zu spät", sagt sie.

Doch das war eine Lüge - und Teil eines raffinierten Plans. Denn Ibrahims Tochter sitzt zu dem Zeitpunkt mit ihren besten Freundinnen, zwei Schwestern (15, 17) aus ihrer Heimatstadt, am internationalen Flughafen von Denver . Ihr Ziel: Syrien. Genauer: der "Heilige Krieg" des Islamischen Staates. Doch soweit werden sie nicht kommen. Das Trio wird einen Tag später von Sicherheitskräften am Flughafen Frankfurt aufgegriffen.

Davon ahnt der Sudanese an diesem Tag nichts. Genauso wenig wie der Somalier Ali Farah (68), der Vater der beiden anderen Mädchen . Er glaubt, seine Töchter seien in der Bücherei des Stadtteils Aurora - "zum Lernen". Glücklicherweise. Denn morgens sollen sie ihm noch erklärt haben, zu "krank" für die Schule zu sein. Um halb Elf geben sie Entwarnung. Sie fühlten sich besser - und seien auf dem Weg nach Aurora .

Am Abend dämmert es den Eltern der Mädchen : Alles war gelogen. Das geht aus dem Bericht des zuständigen Sheriffs von Arapahoe County hervor. Ihn alarmierten die Männer aus Afrika, weil ihre Töchter abends nicht zu Hause waren, nicht an ihre Handys gingen und auch die Reisepässe samt 2000 US-Dollar verschwunden waren. Damit kauften sie die Flugtickets, für die Maschine, mit der sie unterwegs nach Deutschland sind.

Das Teenager-Trio gibt den USA Rätsel auf: Was trieb die Mädchen in die Fänge der radikalen Islamisten und zur Ausreise nach Syrien? Ihre Eltern sind ratlos. Sie seien "gute Kinder" und "niemals zuvor weggelaufen", heißt es im Polizei-Bericht. "Sie hat nie Probleme gemacht," versicherte Assad Ibrahim gegenüber der "Denver Post", also der US-Zeitung, die die Geschichte ans Licht gebracht hat. Auch Ali Farah hatte den Journalisten nur Gutes über seine Teenager zu sagen: "Sie sind sehr gläubig und tragen stets ein Kopftuch."

Inzwischen ermittelt die US-Bundespolizei FBI . Sie hat die Rechner der Mädchen beschlagnahmt und durchforstet sie nach Nachrichten der IS. Die Sicherheitsbehörde vermutet, dass die Freundinnen mit Dschihad-Anwerbern über soziale Netzwerke wie Facebook oder Youtube in Kontakt standen. Diese bevorzugten in den USA den Bundesstaat Colorado wegen seiner vielen muslimischen Einwanderer . Nach Angaben des "Spiegels" bieten ihnen die Islamisten an, ihnen bei der Reise nach Syrien und in den Irak zu helfen. Den Kampf der Terror-Miliz - einer "Gemeinschaft von Gleichgesinnten" - beschreiben sie als "romantisches Abenteuer" und "gerechte Sache". Berichte über brutale Verbrechen werten sie als reine Propaganda des Westens ab.

Wer den Mädchen in Frankfurt bei der Weiterreise von Deutschland aus über die Türkei und dann auf dem Landweg nach Syrien helfen sollte, ist unklar. Der Kontaktmann taucht nicht auf. Die Mädchen werden am Samstag am Flughafen aufgegriffen. Das US-Konsulat hatte dem Sicherheitspersonal den entscheidenden Tipp gegeben. Die Minderjährigen werden einen Tag später in die Heimat geflogen. Und dort vom FBI befragt. Was die Mädchen dabei aussagten, ist streng geheim.

Der Sheriff von Arapahoe County befragt die Farah-Schwestern bisher wohl als letztes. Ebenfalls am Montagabend, im Elternhaus. Er will wissen: "Warum seid ihr nach Deutschland geflogen?" Die Mädchen geben sich wortkarg, schreibt er in seinem Bericht. Ihre knappe Antwort lautet nur: "Familie."