Taliban tragen den Krieg ins Klassenzimmer

Taliban tragen den Krieg ins Klassenzimmer

Weil Schulen in Pakistan immer wieder von Islamisten angegriffen werden, geht nicht einmal die Hälfte der Fünf- bis 16-Jährigen zur Schule. Die Angst ist berechtigt, wie ein beispielloses Massaker in Peshawar zeigt.

Shahrukh Khan liegt im Lady-Reading-Krankenhaus im pakistanischen Peshawar in blutigen Laken. Der 16-Jährige hat Schusswunden an beiden Beinen, jeweils knapp unter dem Knie. Den Angriff radikalislamischer Taliban auf seine Schule in der nordwestlichen Stadt überlebte der Jugendliche gestern nur, weil er sich unter größten Schmerzen tot stellte. Um ihn herum wurden mindestens 132 Menschen getötet, darunter 125 Kinder und Jugendliche. "Ich habe den Tod so nah vor mir gesehen", sagt Khan. Er habe sich mit vielen anderen Schülern zusammen in der Aula der vom pakistanischen Militär betriebenen Schule befunden, als vier Bewaffnete den Raum gestürmt hätten, erzählt Khan. "Allahu akbar" (Gott ist am größten), hätten sie immer wieder gerufen. "Jemand hat geschrien, wir sollten in Deckung gehen und uns unter den Tischen verstecken." Doch dies habe nicht nicht viel genutzt. "Da sind viele Kinder unter den Tischen, geht und holt sie euch", rief nach Khans Angaben einer der Angreifer bald. "Und ich sah ein Paar große schwarze Stiefel auf mich zukommen", erinnert er sich. Kurz darauf sei ihm in die Beine geschossen worden. Trotz der brennenden Schmerzen habe er sich tot gestellt. "Ich habe meine Krawatte zusammengeknüllt und in meinen Mund gestopft, um nicht zu schreien."

Der Mann mit den großen Stiefeln habe weiter nach Schülern Ausschau gehalten und auf sie geschossen. "Ich habe so still wie möglich gelegen, meine Augen geschlossen gehalten und darauf gewartet, erneut getroffen zu werden", sagt Khan. "Ich werde diese schwarzen Stiefel niemals vergessen - es wirkte auf mich, als ob der Tod direkt auf mich zu liefe." Nach einiger Zeit verließen die Männer dem Schüler zufolge dann die Aula. "Als ich in den Nachbarraum robbte, sah ich den brennenden Leichnam unserer Schulsekretärin. Sie saß auf einem Stuhl, Blut tropfte herunter, ihr Körper stand in Flammen." Viel weiter erinnert er sich nicht mehr. Irgendwann sei er bewusstlos geworden. "Als ich aufwachte, lag ich im Krankenhausbett."

Später wird das Militär mitteilen, dass die sechs Extremisten alle tot seien. Es ist einer der schwersten Anschläge seit Jahren in dem Atomstaat mit seinen schätzungsweise 190 Millionen Einwohnern. Zu der Bluttat an den Minderjährigen bekennen sich die Islamisten von Tehrik-i-Taliban, ein loser Verbund radikaler Gruppen. Ihr Motiv: Rache. Denn die Schule mit rund 1000 Kindern und Jugendlichen - darunter auch Mädchen - wird vom Militär betrieben, ihrem verhassten Gegner. "Wir wollen, dass sie den Schmerz fühlen, den wir fühlen", sagt ein Sprecher laut lokalen Medien. Seit Monaten liefern sich die Taliban , deren Stärke Experten auf mehrere Zehntausend schätzen, erbitterte Gefechte mit Regierungssoldaten. Die Armee hat in ihren Stammesgebieten im Nordwesten vor Monaten eine groß angelegte Offensive gestartet.

Ministerpräsident Nawaz Sharif zeigt sich schockiert und beklagt eine "nationale Tragödie". Der Regierungschef eilt an den Tatort und ordnet eine dreitägige Staatstrauer an. Einschüchtern lassen will er sich nicht: Der Einsatz gegen die Extremisten werde unbeirrt fortgesetzt, versichert er. Die im Juni angelaufene Offensive hat ein langes Zögern beendet. Kritiker werfen dem Militär vor, jahrelang nur halbherzig gegen Extremisten vorgegangen zu sein: Gruppen, die Ziele im Land angriffen, würden zwar bekämpft. Militante Organisationen, die von Pakistan aus in Afghanistan oder Indien operierten, würden aber aus strategischen Gründen geschont. Der Militär-Geheimdienst ISI hat nach Einschätzung vieler Experten den Taliban in Afghanistan sogar einst zur Macht verholfen.

Die Taliban haben in den letzten Monaten verstärkt Schulen mit Bomben und Terrorkommandos angegriffen. Sie gelten als "weiche", leicht zu attackierende Ziele, weil sie zumeist gar nicht oder nur spärlich gesichert sind. Besonders gefährdet sind reine Mädchenschulen, die den streng gläubigen Dschihadisten ein Dorn im Auge sind. Generell sind den Taliban staatliche und private Schulen verhasst, weil sie aus ihrer Sicht "westlicher Dekadenz" Vorschub leisten und un-islamische Lehren verbreiten. Das musste etwa die 17-jährige Nobelpreisträgerin und Vorkämpferin für Mädchenrechte, Malala Yousafzai , leidvoll am eigen Leib erfahren: Ihr schossen die Taliban vor Jahren ins Gesicht. Gestern stand auch sie unter Schock. "Dieser sinnlose und kaltblütige Terrorakt in Peshawar , der sich vor unseren Augen abspielt, bricht mir das Herz", erklärt sie in London.

Im Norden und Nordosten Pakistans wurden seit 2009 offiziell über 1000 Schulen von Extremisten angegriffen. Die wiederkehrenden Attacken sind ein Grund dafür, dass nicht mal die Hälfte der Kinder im Alter zwischen fünf und 16 Jahren in Pakistan zur Schule geht. Zu groß ist die Angst. Nach Angaben lokaler Menschenrechtlern ist Pakistan der Staat mit dem geringsten Anteil von Kindern, die eine Schule besuchen - nach Nigeria, wo die Terrorgruppe Boko Haram ebenfalls mit Tod und Gewalt gegen Bildung wütet.

Meinung:

Blutige Machtspiele

Von SZ-Redakteur Pascal Becher

Die Gewalt der Taliban kennt keine Grenzen. Das Massaker an jungen Muslimen in einer Militärschule in Pakistan zeigt das erneut. Hinter den zügellosen Bluttaten der Islamisten steckt aber stets kühles Kalkül. Diesmal wollten sie dem Militär ihre Macht demonstrieren. Mit den Streitkräften Islamabads führen die Taliban seit Jahren Krieg. Zuletzt erlitten sie dabei empfindliche Niederlagen. Zudem sind tausende Zivilisten aus ihrem Herrschaftsbereich geflohen. Darauf kennt die Logik der Taliban nur eine Antwort: Rache. Der Ort des Vergeltungsschlags passt noch aus einem weiteren Grund ins Konzept. An der Schule werden Kinder von Ärzten, Professoren, Unternehmern unterrichtet. Also genau die aufgeklärten Menschen, vor denen sich die rückwärtsgewandten "Gotteskrieger" am meisten fürchten.

Den Wutbürgern hierzulande sollte der Anschlag klar machen, wie falsch es ist, den plumpen Parolen der "Abendland-Retter" anheim zu fallen und Muslime generell zu verteufeln. Auch sie leiden unter dem Terror der radikalen Islamisten.