„Suchtkranke lassen sich heute eher behandeln“

Dass die Fehltage wegen Suchtkrankheiten gestiegen sind, kann man auch positiv sehen, sagt Dr. Martin Kaiser im Interview mit SZ-Redaktionsmitglied Jonas Wissner. Kaiser ist Chefarzt der psychiatrischen Klinik in Merzig, wo auch viele Suchtkranke behandelt werden.

Herr Dr. Kaiser, laut einem aktuellen Report der AOK sind die Arbeitsunfähigkeitstage wegen Suchterkrankungen binnen zehn Jahren bundesweit um 17 Prozent gestiegen. Wie erklären Sie sich das?

Kaiser: Ob der tatsächliche Anstieg in diesem Prozentbereich liegt, ist fraglich. Es könnte auch sein, dass sich früher Suchterkrankungen hinter anderen Diagnosen versteckt haben: Jemanden, den ich heute für eine Entgiftung in die Psychiatrie schicke, hätte ich früher vielleicht auf der Inneren Abteilung aufgenommen und dann ein Leberleiden diagnostiziert, weil die Stigmatisierung noch größer war. Auch bei uns gibt es einen Anstieg bei Suchtkrankheiten. Und vielleicht ist es ja auch gut, wenn sich Menschen mit diesen Problemen eher behandeln lassen, weil die Wahrnehmungsschärfe in der Gesellschaft steigt.

Könnte man sagen, dass die Zahl gestiegen ist, weil Arbeitnehmer heute größerem Druck ausgesetzt sind?

Kaiser: Da wäre ich vorsichtig. Ich denke, Arbeitsumstände waren früher auch schon schlimm für Menschen - ob das einen Zusammenhang mit der Einnahme von Suchtmitteln hat, halte ich für fraglich.

Laut den AOK-Zahlen gehen 44 Prozent der suchtbedingten Krankschreibungen auf Alkoholkonsum zurück . . .

Kaiser: Alkohol ist eine legale Droge, die in dem gesellschaftlich akzeptierten Rahmen auch konsumiert wird. Jemand, der angetrunken auf einem Fest ist, wird nicht in derselben Art und Weise stigmatisiert wie jemand, der in einem Drogenrausch auf einem Fest ist - auch wenn klinisch betrachtet der Unterschied vielleicht nicht so groß ist. Auch gehören Alkohol und Tabak zu den Drogen, die die Konsumenten am stärksten abhängig machen.

Wie helfen Sie Süchtigen, die sich bei Ihnen behandeln lassen möchten?

Kaiser: Ganz grundsätzlich machen die Patienten eine Entgiftung durch - diese Akutbehandlung reicht in der Regel nicht aus. Die meisten brauchen aber mehrere Anläufe, bis sie sich auf eine Anschlussbehandlung einlassen. Wichtig ist, dass sie von sich aus kommen. Die Rückfallquote ist schon hoch, man sollte aber immer wieder einen Anlauf zur Entgiftung und Entwöhnung machen - ein Rückfall ist quasi ein Normalfall im Rahmen einer Suchtbehandlung.

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