Streitpunkt Digitalisierung

Die allermeisten Schüler haben ihren Kleincomputer längst in der Hosentasche. Und doch sind etliche Klassenzimmer in Deutschland noch digitale Wüsten. Neue Konzepte sollen den Missstand beheben.

Kanzlerin Angela Merkel wird nicht müde, davor zu warnen, dass Deutschland in Sachen Digitalisierung seine Zukunft verschlafen könnte. Passend dazu bewirbt Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU ) unermüdlich ihr Lieblingsprojekt: den milliardenschweren "DigitalPakt#D" mit den Ländern.

Hinter der gespreizt klingenden Bezeichnung steckt eine große "Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft" - von der frühkindlichen Bildung über Schule, berufliche Bildung und Hochschule bis zur Weiterbildung. Bei den rund 40 000 staatlichen Schulen in Deutschland soll es nun bald losgehen. Doch die dazu heute startenden "Digitalpakt"-Verhandlungen von Bund und Ländern sind kompliziert. Das Mindestziel: Schüler sollen mit dem Computer nicht nur "daddeln", sondern die Technologie sinnvoll und verantwortungsbewusst einsetzen können.

Es geht zunächst um stattliche fünf Milliarden Euro vom Bund - nach Wankas Angaben bereits angemeldet bei Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU ), zur Verfügung möglichst bald nach der Bundestagswahl. Damit will Wanka ab 2018 fünf Jahre lang per Anschubfinanzierung "die Ausstattung der Schulen mit digitaler Infrastruktur unterstützen".

Die Bundesministerin hatte die Länder-Kollegen Mitte Oktober mit ihrer "Digitalpakt"-Initiative überrumpelt. Nach einigem Gegrummel - vor allem bei SPD-Politikern - über den Stil der Wanka-Offerte scheint nun in der Kultusministerkonferenz (KMK) aber Konsens zu herrschen, dass das viele Geld erstmal eine feine Sache ist.

Die KMK hatte im Dezember - als Antwort auf Wanka - unter anderem beschlossen, möglichst jedem Schüler bis 2021 an seiner Schule einen Internetzugang und eine "digitale Lernumgebung" zur Verfügung zu stellen. Geprüft wird noch, wie viele Laptops und Computer für die Klassenzimmer angeschafft werden müssen - oder ob kostensparend auch die Smartphones der Schüler im Unterricht eingesetzt werden können.

Wanka nennt Bedingungen für die Millionen aus Berlin : Die Länder müssten pädagogische Konzepte für digitale Bildung realisieren, Aus- und Fortbildung der Lehrer sicherstellen, sich um gemeinsame technische Standards kümmern. Wichtig ist ihr "eine klare Vereinbarung" mit Selbstverpflichtungen. Während KMK-Chefin Susanne Eisenmann auf Harmonie setzt, ist bei SPD-Kollegen auch Skepsis zu spüren. So monierte Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe unlängst, Wankas Geschenk an die Länder bestehe bisher leider nur aus Geschenkpapier, denn die Milliarden lägen ja noch gar nicht wirklich auf dem Tisch.

Auch auf einen anderen Zielkonflikt weisen Experten hin - dass nämlich demnächst Unterricht in topmodernen digitalen Klassenzimmern stattfinde, während drumherum Schulgebäude bröckeln und Toiletten verstopft sind. Der Bund habe doch erst kürzlich zugesagt, "dass wir finanzschwachen Kommunen 3,5 Milliarden Euro zusätzlich für Schulen bereitstellen", sagt Wanka. "Die Sanierung von Schulen und die Investitionen in digitale Bildung gegeneinander auszuspielen, bringt gar nichts - denn wir brauchen beides."