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Streik bei der Bahn macht Konkurrenz glücklich

Streik bei der Bahn macht Konkurrenz glücklich

Als günstige Alternative zu ICE oder IC sind Fernbusse ohnehin beliebt. Fallen Fernzüge der Bahn wie beim Wochenend-Streik aus, sind sie oft sogar die einzige Alternative. Auch Mietwagenfirmen sind dankbar für Neukunden.

Die Brezn-Verkäuferinnen am Münchner Hauptbahnhof klagen. "Normalerweise haben wir hier alle gut zu tun. Aber heute Morgen kommt fast überhaupt keiner", sagt eine von ihnen. Die Frauen hätten sicherlich mehr zu tun, würden sie an diesem Streik-Wochenende nicht am Bahn-, sondern am Busbahnhof München stehen. An den Stationen reihen sich lange Schlangen, abfahrende Busse sind bis auf den letzten Platz besetzt.

"Wir mussten spontan umdisponieren, aber das mit dem Bus ist super. Viel billiger auch", sagt ein Mann, der zusammen mit seiner Frau von München über Innsbruck an den Gardasee fahren möchte. "Das machen wir jetzt immer. Eigentlich müssten wir den Lokführern danken."

Ob alle spontanen Neukunden künftig die knallbunt lackierten Fernbusse einem ICE oder IC vorziehen, sei dahingestellt. Fest steht aber, dass die alternativen Anbieter die großen Gewinner des von der Lokführergewerkschaft GDL ausgerufenen Streiks sind. Bereits nach der Ankündigung des Ausstands am Freitag waren die Server der Fernbus-Anbieter reihenweise zusammengebrochen, Webseiten waren nicht mehr zu erreichen. MeinFernbus verzeichnete eine Verdreifachung der Buchungen und organisierte 100 Zusatzfahrten. Der Sprecher des Bundesverbands Deutscher Omnibusunternehmer, Matthias Schröter, sprach von "purem Wahnsinn".

Unerwartet, aber rettend kommt die Reise mit dem Fernbus für einen 73 Jahre alten Rentner. Klaus Malitz wollte mit dem ICE von Köln zurück nach Erfurt fahren - aber sein Zug wurde gestrichen. Also hat sein Sohn für ihn einen Fernbus nach Thüringen gebucht. "Ich hätte nicht gewusst, wie ich sonst nach Hause komme", sagt Malitz, für den die Fernbus-Reise eine Premiere ist.

Während sich die einen freuen, verzweifeln die anderen. Fünf Jugendliche aus Dänemark wussten nicht, dass in Berlin die S-Bahnen stillstehen. Ihren Bus am Zentralen Omnibusbahnhof im Westen der Stadt haben sie deshalb verpasst. In Dänemark gehen die Herbstferien zu Ende, die fünf müssen am Montag wieder zur Schule. Sie hoffen, dass in einem der späteren Busse kurzfristig Plätze frei werden.

Je mehr Sitzplätze verkauft würden, desto mehr müssten die Passagiere zahlen, sagt ein Ticketverkäufer von Flixbus in München . Einen Streik-Zuschlag gebe es aber nicht. Das bestätigt auch MeinFernbus. Durch die größere Nachfrage würden mehr Tickets zu den höheren Regeltarifen verkauft. Eine Fahrt von Köln nach München koste am Samstag 49 Euro - statt des Sparpreises von 25 Euro.

Was für die Fernbus-Anbieter ein Segen ist, entpuppt sich für Taxifahrer als Katastrophe. "Seit drei Stunden habe ich keine einzige Fahrt gemacht", sagt Ahmed Basharat. Die Leute kämen erst gar nicht am Kölner Hauptbahnhof an oder nähmen selbst das Auto. Vor dem Münchner Hauptbahnhof stehen drei Kollegen in der Sonne und rauchen. "Also, bei mir tut sich gar nichts", sagt der eine. "Ich bin jetzt seit drei Stunden unterwegs und habe 63 Euro gemacht. Noch weniger als sonst." Sein Kollege nickt: "Wenn nichts ankommt, kannst Du ja auch nichts fahren."

Viele Passagiere wichen auch auf Mietwagen aus. "Wir sind total ausgebucht", berichtete eine Europcar-Mitarbeiterin in Hannover. Gestrandete Bahnreisende hätten sich zu Fahrgemeinschaften zusammengeschlossen, um einen Mietwagen zu nehmen. Sixt dankte den Lokführern mit dem Spruch: "HDGDL, GDL ." Ob die Aussage "Hab' dich ganz doll lieb, GDL " letztlich aber nicht doch nur ein Werbegag war? Am Freitag jedenfalls sagte Sixt-Sprecher Frank Elsner noch, eine gesteigerte Nachfrage bei Streiks sei "kein Automatismus". Häufig stornierten Kunden sogar den gebuchten Mietwagen , weil ihr Zug zum Ort der Filiale ausfällt.

Auch wenn GDL-Chef Claus Weselsky im ZDF eine einwöchige Streikpause ab heute ankündigte: Der Konflikt um die Vertretung verschiedener Berufsgruppen bei der Bahn sowie um mehr Geld und weniger Arbeitszeit scheint noch weit von einer Lösung entfernt.

Zum Thema:

HintergrundDie Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL ) will im Tarifkonflikt bei der Deutschen Bahn auch für andere Bahn-Beschäftigte verhandeln. Damit dringt die rund 34 000 Mitglieder kleine Organisation klar in die Domäne der deutlich größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) vor. Letztere betreut seit der Fusion von Transnet und GDBA im Jahr 2010 rund 210 000 Mitglieder. Sie will, dass die etwa 5000 bei ihr organisierten Lokführer unter die Tarifregelungen der EVG fallen. Allerdings sind nach Gewerkschaftsangaben rund 80 Prozent der Lokführer bei der Deutschen Bahn und zahlreiche Zugbegleiter bei der GDL organisiert. dpa