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Strauss-Kahn endgültig ein freier Mann"Klägerin hat beharrlich gelogen"

Strauss-Kahn endgültig ein freier Mann"Klägerin hat beharrlich gelogen"

New York. Dominique Strauss-Kahn schreitet nach dem Termin vor dem New Yorker Verfassungsgericht wortlos durch das Spalier an Reportern, Kameraleuten und Fotografen, die seit der Nacht zum Dienstag auf diesen Moment gewartet hatten. Auch Ehefrau Anne Sinclair schweigt nach dem Freispruch ihres Mannes in allen sieben Anklagepunkten

New York. Dominique Strauss-Kahn schreitet nach dem Termin vor dem New Yorker Verfassungsgericht wortlos durch das Spalier an Reportern, Kameraleuten und Fotografen, die seit der Nacht zum Dienstag auf diesen Moment gewartet hatten. Auch Ehefrau Anne Sinclair schweigt nach dem Freispruch ihres Mannes in allen sieben Anklagepunkten. Demonstranten brüllen "Schäm' Dich" und "Ab ins Gefängnis". Feministen halten Schilder mit der Aufschrift "Stoppt die Beschuldigung von Vergewaltigungsopfern" hoch. Strauss-Kahn, der einen dunkelgrauen Anzug mit blauem Hemd und gestreifter Krawatte trägt, zeigt sich wenig beeindruckt von dem Trubel. Er wirkt aber auch nicht richtig erleichtert, obwohl Richter Michael Obus zuvor verkündet hatte: "Das Verfahren ist geschlossen. Die Auflagen sind aufgehoben."Am Abend dann nahm Strauss-Kahn auch die letzte Hürde im Strafverfahren: Ein Berufungsgericht wies den Antrag des angeblichen Opfers zurück, die Klage wegen versuchter Vergewaltigung unter einem anderen Staatsanwalt noch einmal aufzurollen. Diallo hatte behauptet, Strauss-Kahn habe in einem New Yorker Hotelzimmer versucht, sie zum Sex zu zwingen. Oberstaatsanwalt Cyrus Vance überließ seiner Stellvertreterin Joan Illuzzi-Orbon die unangenehme Aufgabe, vor Gericht den Rückzug der Anklage zu begründen. "Wenn wir ihr nicht zweifelsfrei glauben, dann können wir das nicht von den Geschworenen erwarten." Dieser Satz fasst knapp zusammen, was die Staatsanwaltschaft auf 25 Seiten detailliert als Begründung ihrer Kehrtwende ausgebreitet hat (siehe Dokumentation rechts). Eine Serie an Lügen und Halbheiten, "in großen und kleinen Dingen", die Diallo als jemand erscheinen lassen, der mit der Wahrheit auf Kriegsfuß steht.

Den Ausschlag für den Chefankläger, den Fall nicht weiter zu verfolgen, machte das Eingeständnis der 33-Jährigen, die Geschichte über eine traumatische Gruppenvergewaltigung in ihrer Heimat frei erfunden zu haben. Kenneth Thompson, der die Einwanderin vertritt, beschwerte sich bitterlich über den Versuch der Staatsanwaltschaft, "aus dem Opfer eine Täterin" zu machen. Chefankläger Vance habe eine unschuldige Frau im Stich gelassen und "forensische, medizinische und andere physische Beweisstücke ignoriert".

Die Direktorin der New Yorker Sektion des größten US-Frauenverbands NOW, Sonia Ossorio, nannte den Ausgang des Verfahrens gegen den 62-Jährigen unbefriedigend. Der Prozess sei auf mehreren Ebenen falsch angegangen worden, sagte sie. "Dass Dominique Strauss-Kahn als freier Mann davonspaziert, ist abstoßend." Strauss-Kahns Anwalt Benjamin Brafman sagte hingegen: "Es war ein schrecklicher Alptraum, durch den er und seine Familie bis zu dem jetzigen Ende gelebt haben."

In dem Justizdrama um Strauss-Kahn stand Aussage gegen Aussage. Mit der Beschädigung der Glaubwürdigkeit Diallos fehlten der Staatsanwaltschaft trotz DNA und körperlicher Verletzungen der Frau die Beweise, dass während der Begegnung im Hotel Zwang ausgeübt wurde. Alles, was sich zeigen lasse, ist, dass es zu "eiligem" Sexualverkehr gekommen sei.

Nun wird über Strauss-Kahns Pläne spekuliert: Er könnte nach Frankreich zurückfliegen. Der Zug für eine Präsidentschaftskandidatur Strauss-Kahns gilt zwar als bereits abgefahren. Ex-Kulturminister Jack Lang mutmaßte aber, dass Strauss-Kahns Stimme künftig dennoch Gewicht haben werde. Parteifreunde von Strauss-Kahn äußerten sich überwiegend positiv über die Gerichtsentscheidung in New York. "Das ist für mich eine riesige Erleichterung. Ich freue mich für Dominique Strauss-Kahn und Anne Sinclair", sagte Sozialisten-Chefin Martine Aubry. "Im Ergebnis hat die Klägerin beharrlich und manchmal unerklärlicherweise die Unwahrheit gesagt, als sie sowohl wichtige, als auch weniger wichtige Angelegenheiten beschrieb. (. . .) Zum Zeitpunkt der Anklageerhebung waren wir aufgrund der vorliegenden Beweislage überzeugt, dass die Klägerin glaubwürdig sei. Aber Beweise, die in weiteren Untersuchungen nach der Anklage gesammelt wurden, haben ihre Glaubwürdigkeit stark erschüttert. (. . .) Aufgrund der Art und Zahl der Lügen der Klägerin können wir ihrer Version der Geschehnisse nicht mehr vollständig Glauben schenken, was auch immer in Wahrheit bei der Begegnung zwischen der Klägerin und dem Angeklagten vorgefallen ist. Wenn wir ihr nicht zweifelsfrei glauben, dann können wir das auch nicht von den Geschworenen erwarten. (. . .)

In beinahe jedem Gespräch mit Staatsanwälten hat sie - trotz Aufforderungen, die Wahrheit zu sprechen - gelogen, in kleinen wie auch in großen Fragen. Vieles davon betrifft ihren Hintergrund und auch Details, bei denen es um den Vorfall geht. (. . .)

Zum Beispiel hat die Klägerin (. . .) lebendig und detailliert beschrieben, wie sie in ihrem Heimatland vergewaltigt wurde. Sie gibt nun zu, dass dies eine Lüge war. Es ist klar, dass in einem Fall, in dem eine Klägerin den Angeklagten eines sexuellen Übergriffs beschuldigt, eine frühere falsche Aussage über einen sexuellen Übergriff eine bedeutsame Tatsache darstellt.

Es ist auch sehr bedeutsam, dass den Staatsanwälten diese Lüge absichtlich erzählt wurde, und das völlig überzeugend, genauso wie sie von der Begegnung mit dem Angeklagten gesprochen hatte. (. . .) Wir geben diese Empfehlung nicht leichtfertig ab. Unsere großen Bedenken gegenüber der Glaubwürdigkeit der Klägerin machen es unmöglich, die Frage, was genau in der Hotelsuite des Angeklagten am 14. Mai 2011 passiert ist, zu klären." dpa

"Dass Strauss-Kahn als freier Mann davon- spaziert, ist abstoßend."

Sonia Ossorio

vom Frauenverband NOW

Am Rande

Einer der Anwälte von Dominique Strauss-Kahns angeblichem US-Opfer hat in Frankreich Klage wegen Beeinflussung von Zeugen eingereicht. Der französische Anwalt Thibault de Montbrial bestätigte gestern auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Nafissatou Diallos US-Anwalt Douglas Wigdor entsprechende Medienberichte. Die am Morgen eingereichte Klage richte sich gegen eine ranghohe Mitarbeiterin des Rathauses von Sarcelles - einem Ort, in dem der frühere IWF-Chef starken politischen Rückhalt genießt.

Nach Darstellung des Anwalts habe die Mitarbeiterin eine französische Zeugin in den USA angerufen und ihr geraten, nicht gegen Strauss-Kahn auszusagen. Die potenzielle Zeugin habe einst eine Affäre mit dem sozialistischen Politiker gehabt. dpa