Stillstand auf dem Hochplateau

15 Jahre nach dem Pisa-Schock ist die deutsche Bildungswelt wieder in Ordnung: Die 15-jährigen Schüler liegen im internationalen Vergleich konstant im oberen Mittelfeld. Das ergibt die neue Pisa-Studie, die gestern vorgestellt wurde. Die SZ fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen.

Wer und was wurden getestet?

Auch bei der mittlerweile sechsten Pisa-Studie seit dem Jahr 2000 (die 2001 erstmals veröffentlicht wurde) sind weltweit rund eine halbe Million Schüler im Alter von 15 Jahren in Mathematik, Naturwissenschaften sowie im Lesen getestet worden. In Deutschland nahmen rund 6500 Schüler aller Schularten teil. Bei den alle drei Jahre stattfindenden Erhebungen bildet immer ein Themengebiet den Schwerpunkt. Diesmal waren es die Naturwissenschaften . Ein kleinerer Teil zielte auf Mathe und Lesen . Erstmals mussten die Aufgaben per Computer erledigt werden.

Wie sieht es konkret bei den Naturwissenschaften aus?

Mit 509 erzielten Punkten ist Deutschland klar besser als der OECD-Durchschnitt (493 Punkte). Die Schüler belegen damit Platz 16 im Ranking der insgesamt 72 untersuchten Länder. Das entspricht etwa dem Niveau von Australien, Irland, Korea und der Schweiz. An der Spitze liegen Singapur (556), Japan (538) und Estland (534 Punkte). 2012 kam Deutschland allerdings noch auf 524 Punkte, also 15 mehr.

Welche Ergebnisse gibt es in Mathe und beim Lesen ?

Auch in Mathe und Lesen liegen die deutschen Schüler mit 506 beziehungsweise 509 erreichten Punkten klar über dem OECD-Schnitt (490/493). Etwa jeder zehnte Schüler im OECD-Raum ist in Mathe besonders stark. Auch hier liegt Deutschland mit 13 Prozent leicht darüber. Seit 2012 ist der Anteil der besonders leistungsstarken Schüler allerdings um fünf Prozentpunkte zurückgegangen. Im OECD-Schnitt waren es nur zwei Prozent. Gesunken ist aber auch die Zahl der leistungsschwachen Schüler - seit 2003 um vier Prozent. Beim Lesen hatten sich die deutschen Schüler zwischen 2009 und 2012 deutlich verbessert. Seitdem ist die Gruppe der besonders Leistungsstarken noch gewachsen.

Welche Rolle spielt die soziale Herkunft?

Schon bei der Veröffentlichung der Pisa-Premiere vor 15 Jahren war Deutschland ein enger Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau der Schüler und ihrer sozialen Herkunft bescheinigt worden. Deutlich schlechtere Leistungen von Kindern aus bildungsfernen Familien konnten noch bis zu Pisa 2012 festgestellt werden. Inzwischen hat sich der Abstand im Kompetenzniveau zwischen den sozialen Schichten deutlich verringert. Er liegt aber immer noch über dem OECD-Durchschnitt.

Wie wird die neue Studie bewertet?

Deutschland habe das "Jammertal des Pisa-Schocks von 2001 verlassen" und bewege sich im oberen Mittelfeld der Länder, sagte der Berliner OECD-Leiter Heino von Meyer. Nun bewege man sich auf einer Art Hochplateau, aber von weiterer Aufstiegsdynamik sei "nichts zu spüren". Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnte indes vor einer Überbewertung der Studie. "Die Erkenntnisse sind mehr oder weniger immer die gleichen", meinte Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann. Die Ergebnisse basierten auf Durchschnittswerten, die nur "sehr grobe Einschätzungen" ermöglichten und wenig über die Arbeit der einzelnen Schule aussagten.

Wie fallen die Reaktionen im Saarland aus?

Saar-Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD ) nannte das Abschneiden deutscher Schüler "erfreulich". Die "größte Herausforderung" sei dagegen, dass die soziale Herkunft nach wie vor über den Bildungserfolg entscheide. Allerdings habe sich das Saarland zuletzt von diesem Trend abgesetzt, wie der "Bildungsmonitor 2016" erst im August gezeigt habe. Der GEW-Vorsitzende im Saarland, Thomas Bock, nannte die sozialen Unterschiede einen "Kardinalfehler des deutschen Schulsystems" und forderte die Politik auf, mehr Geld in Bildung zu investieren. Insgesamt sei das deutsche Abschneiden im oberen Mittelfeld "recht ordentlich".

Meinung:

Nur bedingt hilfreich

Von SZ-Korrespondent Stefan Vetter

Der Schock saß tief, als die erste Pisa-Studie erschien. Ausgerechnet das Land der Dichter und Denker schien plötzlich einer Bildungswüste zu gleichen. Fünf Untersuchungen später streiten sich die Gelehrten, ob das Glas nun halbvoll oder halbleer ist. Tatsächlich hat sich viel bewegt. Bundesweite Bildungsstandards wurden eingeführt, mehr Ganztagsschulen errichtet und die Sprachförderung für Migrantenkinder ausgebaut. Das hat dem Bildungswesen offenkundig gut getan. Als Impulsgeber für weitere Höhenflüge taugt die Pisa-Studie allerdings nur noch bedingt. Dass der Bildungserfolg immer noch viel zu sehr vom Geldbeutel der Eltern abhängig ist, wird längst auch durch andere Untersuchungen belegt. Die Bildungsqualität eines Landes insgesamt kann Pisa ohnehin nicht verlässlich ermitteln. Entsprechend gelassen sollte man mit der Untersuchung daher auch umgehen.