Stadt im Belagerungszustand

Die Lage um Donezk im Osten der Ukraine spitzt sich zu. Bei einem Luftangriff auf die umkämpfte Separatistenhochburg gab es Tote. Die Menschen versuchen, aus der Stadt zu fliehen, die Straßen sind schon leergefegt.

Während das Militär seinen Belagerungsring um die Millionenstadt Donezk im Osten der Ukraine immer enger zieht, wirkt das Zentrum des Kohlereviers Donbass wie ausgestorben. Die meisten Ladeninhaber haben ihre Schaufenster für den Fall von Explosionen verbarrikadiert oder mit Klebeband gesichert, und auf den Straßen fahren kaum Autos. Immer wieder sind Detonationen zu hören. Am Mittwoch gibt es Artilleriefeuer in den westlichen Vororten Petrowski und Kirowski sowie einen Luftangriff in einem Wohngebiet nahe des Stadtzentrums. Mindestens drei Zivilisten sterben, wie der Stadtrat mitteilt. Wegen der Gefechte zieht auch die OSZE Beobachter aus der Stadt ab. Russland weist jedoch die Vorwürfe des Westens zurück, die Krise in der Ukraine durch einen Truppenaufmarsch an der Grenze weiter aufzuheizen.

"Die Lage verschlechtert sich von Tag zu Tag", sagt Olga, Angestellte in einem Reisebüro. Die 32-Jährige geht mit ihrem zweijährigen Sohn auf dem von Bäumen gesäumten Puschkin-Boulevard spazieren. Die sonst bei Jung und Alt beliebte Allee ist an diesem sonnigen Sommermorgen fast menschenleer.

Olga ist ohne Arbeit, seitdem ihr Chef den Laden dicht gemacht hat. Früher wohnte sie in der Nähe des Flughafens am Rande der Stadt. Doch im Mai bombardierte die Armee den Flughafen, um die bewaffneten Gegner der Übergangsregierung in Kiew von dort zu vertreiben.

"Ich bin mit meinen Kindern unter den Kugeln geflohen. Es war wie im Film", erzählt Olga. Ihr kleiner Sohn gibt zu verstehen, dass ihm das "Bangbang" des

Krieges Angst macht. Jetzt wohnt Olga mit ihrer Familie bei Freunden in der Stadtmitte.

Der als russlandtreu geltende neue Vize-Regierungschef der selbstproklamierten "Volksrepublik Donezk ", Wladimir Antjufejew, sagte vor wenigen Tagen, die Stadt befinde sich im Ausnahmezustand. Ein Militärsprecher in Kiew rief die Donezker am Montag auf, die Region zu verlassen. Viele Einwohner spüren, dass der Krieg jetzt immer näher rückt. Am Hauptbahnhof mit seinen Statuen heroischer Bergarbeiter stehen die Menschen Schlange, um aus Donezk herauszukommen. Der müde wirkende Juri Iwanowitsch kommt aus Schachtarsk. Die Stadt liegt wie Kirowske in einem stark umkämpften Rebellengebiet in der Nähe des Absturzorts der malaysischen Passagiermaschine mit 298 Toten. "Unser Haus ist in Flammen aufgegangen und das des Nachbarn auch. Die Straße ist bombardiert worden. Wir fahren nach Moskau", sagt er.

Plakate in Donezk werben dafür, sich den bewaffneten Rebellen anzuschließen. Auf einem ist eine Kalaschnikow abgebildet, die mit dem orange-schwarzen Sankt-Georgsband verziert ist, dem Symbol des russischen Patriotismus. Dazu heißt es: "Ich warte auf meinen Helden."

Zum Thema:

HintergrundIm Zuge des Ukraine-Konflikts hat sich die antiwestliche Stimmung bei Bürgern in Russland einer Umfrage zufolge massiv verschärft. Negative Meinungen gegenüber dem Westen seien so weit verbreitet wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr, berichteten Moskauer Medien gestern. Die Einstellungen hätten sich auch Deutschland gegenüber verschlechtert. dpa