Lebensmittelskandale: Sind uns die Eier etwa wurst?

Lebensmittelskandale : Sind uns die Eier etwa wurst?

Erst herrscht Panik, dann Gleichgültigkeit: Einem Viertel der Deutschen scheinen Lebensmittelskandale egal zu sein.

() Pferdefleisch in der Lasagne, Mäusekot im Brotteig, Darmkeime an Sprossen: die Liste der Lebensmittelskandale liest sich schauerlich. Wo Verunreinigungen bekannt werden – wie aktuell das Insektengift Fipronil in Eiern – ist die Aufregung groß: Verbraucher lassen sich von Ärzten untersuchen, Hersteller und Händler vernichten riesige Mengen belasteter Lebensmittel.

Lebensmittelspezialisten treten heute als „Task Forces“ in Erscheinung, nicht mehr als Individualexperten mit sperrigen Namen wie „Ökotrophologe“. „Task Force“, das klingt nach nächtlichen Hubschraubereinsätzen, nach einer Art SEK der Lebensmittelsicherheit. Tatsächlich fahren Lebensmittelkontrolleure in der Regel mit dem Auto und melden sich vor dem Besuch meist an.

Die martialische Namensgebung passt in eine Zeit, in der schon kleinste Verunreinigungen ein weltweites Echo hervorrufen: Dahinter steht ein Kulturwandel. Verunreinigte Lebensmittel sind umso skandalöser, je höher die Hygienestandards einer Gesellschaft liegen und je mehr die Frage der Ernährung und des Lebenswandels vom Privatthema zum öffentlichen Statusnachweis wird: Du bist, was du isst.

Die erste bundesweite „Task Force“ gab es 2011. Die Expertengruppe mit Sitz im Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) sollte den Ehec-Skandal entschärfen: Gefahren erkennen und beheben, die Öffentlichkeit informieren. Damals zählte das Robert Koch-Institut 3842 Erkrankungsfälle und 53 Tote – ausgelöst durch mit Darmkeimen belastete Sprossen. Auch in den Bundesländern gibt es seit einigen Jahren „Task Forces“, die Prävention betreiben und im Ernstfall dafür sorgen sollen, dass kein Problemfeld übersehen wird.

Beim aktuellen Fipronil-Skandal wiegt besonders schwer, dass mit dem Ei eine Art nationales Kulturgut betroffen ist: In seiner Zubereitung als Frühstücksei ist es so deutsch wie Tennissocken in Sandalen. In der Berichterstattung zum Fipronil-Skandal finden sich in Deutschland folgerichtig nicht nur jene Fälle, in denen Betriebe das Schädlingsmittel unerlaubterweise eingesetzt haben oder in denen kontaminierte Lebensmittel gefunden wurden: Selbst zu Funden einzelner verdächtiger Eier tauchen Meldungen auf. Auch wo noch kein Fipronil entdeckt wurde, wird zum Teil berichtet.

Aus Sicht des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) steckt dahinter aber keine hysterische Öffentlichkeit. Etwa einem Viertel der Bevölkerung sind Lebensmittelskandale demnach sogar grundsätzlich egal. Gesundheitlicher Verbraucherschutz habe für diese Gruppe „erkennbar keine lebensrelevante Bedeutung“, teilt das Institut mit, das seit 2014 jährlich eine Verbraucherbefragung durchführt und dabei ermittelt, wie Menschen die Sicherheit von Lebensmitteln einstufen. Für eine Gesamtschau reicht dieser Zeitraum nicht.

Dass sich aber Keime heute schneller verbreiten als noch vor einigen Jahren, sieht die Weltgesundheitsorganisation als erwiesen an. Erschwerend kommt hinzu, dass Kontrolleure oft nur einen Teil der Produktionskette in den Blick nehmen können. Denn während sich die Warenströme globalisiert haben, sind die rechtlichen Rahmenbedingungen in vielen Ländern höchst unterschiedlich. Aus Sicht des BfR ist es vor allem die Unsicherheit, die die öffentliche Erregung anschwellen lässt: Angst entsteht, wo Verwirrung herrscht, wo Experten unterschiedliche Angaben machen. Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch sieht die Behörden in der Pflicht. Warnungen erreichten die Menschen in Deutschland oftmals zu spät oder gar nicht, sagt Geschäftsführer Martin Rücker.

Wo alles zusammenkommt, ändern Menschen ihr Kaufverhalten teils drastisch. Doch nicht für lange. Die Empörung lässt bald nach oder weicht anderen Themen: „Das Ausmaß konkreter und erst recht langfristiger Verhaltensänderungen fällt sehr gering aus“, teilt das BfR mit.

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