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„Sigmar Gabriel kennt meine Telefonnummer“

„Sigmar Gabriel kennt meine Telefonnummer“

13 Kilo hat Linke-Fraktionschef Gregor Gysi abgenommen, um sich für den Wahlkampf fit zu machen. Im Gespräch mit den SZ-Korrespondenten Stefan Vetter und Werner Kolhoff erklärte er, wie es zu Rot-Rot-Grün kommen könnte.

Herr Gysi, keine Partei will mit der Linken koalieren. Frustriert Sie das?

Gysi: Ehrlich gesagt, daran habe ich mich gewöhnt. Ansonsten müsste ich permanent frustriert durchs Leben laufen. Und das können Sie ja wohl nicht ernsthaft behaupten.

Wie erklären Sie sich die Aversion?

Gysi: Die Union grenzt uns im Bundestag doch nur aus, um die SPD zu disziplinieren. Und die SPD fällt drauf rein. Sie kann sich nicht entscheiden, in welche Richtung sie gehen will. Die Linke unterscheidet sich in sechs Punkten von allen anderen Parteien: Wir wollen keine Kriegseinsätze der Bundeswehr, keine Waffenexporte, wir sind gegen diese Euro-Rettungsschirme, gegen prekäre Jobs und für die Rückkehr zum alten Rentenniveau. Und wir wollen eine sanktionsfreie Mindestsicherung statt Hartz IV.

Werden Sie der SPD ein Angebot machen, wenn es rechnerisch für ein rot-rot-grünes Bündnis reicht?

Gysi: Wenn schon, dann soll Sigmar Gabriel zum Telefon greifen. Er kennt meine Nummer. Ich bin der Ältere. (lacht)

Es gibt das Szenario, dass es im Falle einer großen Koalition zur Mitte der Wahlperiode einen Wechsel zu Rot-Rot-Grün geben könnte. Ist das realistisch?

Gysi: Auch wenn das rechnerisch ginge, dürfte das inhaltlich nicht leicht werden. Ich bin gespannt, ob die SPD nach dem 22. September irgendwann wenigstens zu inhaltlichen Gesprächen mit uns bereit ist, um einen wirklichen Politikwechsel mit Rot-Rot-Grün auszuloten. Ohne uns kriegt sie keinen Kanzler. So einfach ist das.

Ihr Parteivorsitzender, Bernd Riexinger, schließt auch die Tolerierung einer rot-grünen Minderheitsregierung nicht aus. Wie sehen Sie das?

Gysi: Es geht um die Verantwortung für ein ganzes Land, da müssen Mehrheiten und Verantwortung klar sein. Man muss den Bürgern klipp und klar sagen, ob die Linke nun Regierung oder Opposition ist. Wir sind uns in der Führung einig: So etwas Halbgewalktes wie eine Tolerierung ist nicht verantwortbar, und unsere Partei verlöre nur.

Die Linke macht praktisch nur Politik für Hartz-IV-Betroffene. Wann öffnet sich die Partei der Mittelschicht?

Gysi: Irrtum, wir sind sehr viel breiter aufgestellt. Nur um ein Beispiel zu nennen: Wir fordern Steuergerechtigkeit, und dazu gehören nicht nur Steuererhöhungen, sondern auch Steuersenkungen. Wir wollen den sogenannten Mittelstandsbauch bei der Einkommensteuer komplett beseitigen, weil es nicht mehr länger akzeptabel ist, dass diese Gesellschaft von der Mitte praktisch allein finanziert wird.

Die USA und Großbritannien bereiten einen Militärschlag gegen Syrien vor. Kann Deutschland angesichts der schrecklichen Bilder vom Giftgasangriff abseitsstehen?

Gysi: Ein Einsatz von chemischen Waffen erfordert, die Verantwortlichen zu ermitteln und sie vor den Internationalen Gerichtshof zu stellen. Diese Möglichkeit kommt irgendwann bestimmt. Jeder Militärschlag kann zu einer unbeherrschbaren Katastrophe führen, zu einem Flächenbrand.

Nach den US-Plänen soll es sich offenbar aber nur um einen zeitlich und räumlich begrenzten Luftangriff handeln.

Gysi: Und was passiert anschließend im Libanon oder in Jordanien? Wie verhalten sich Assad, Russland, die Türkei, der Iran und natürlich auch Israel? Deutschland hat schon Soldaten und Raketen in der Türkei. Die müssen unverzüglich abgezogen werden, denn bei ihrem Einsatz wird Deutschland zur Kriegspartei im Nahen Osten. Schon aus historischen Gründen eine Katastrophe. Letztlich: Der syrischen Bevölkerung wird mit einem Militärschlag überhaupt nicht geholfen, im Gegenteil. Wir brauchen eine politische Lösung und deshalb muss Deutschland ganz klar Nein zu einem Militärschlag sagen.

Wollen Sie eigentlich erneut Fraktionschef werden oder lieber in Ruhestand gehen? Sie sind jetzt 65.

Gysi: Ich bin doch topfit. Und natürlich stehe ich wieder zur Übernahme von Verantwortung bereit. Alles andere wäre Wählertäuschung.

Lesen Sie das gesamte Interview unter www.saarbruecker-zeitung.de/interview-gysi