Sex-Skandal im Unterhaus

Der stellvertretende britische Parlamentspräsident Nigel Evans ist wegen des Verdachts der Vergewaltigung und sexuellen Belästigung von zwei Männern vorübergehend festgenommen worden. Der 55-jährige konservative Politiker wies die Vorwürfe als „vollständig falsch“ zurück und kam vorerst auf Kaution frei.

Nigel Evans ist den meisten Briten wohl bekannt. Der stellvertretende Präsident des Unterhauses ist oft bei Fernsehübertragungen aus dem Parlament zu sehen, wenn er die streitlustigen Abgeordneten zur Ordnung aufruft. Nun gerieten sein Leben und seine Karriere in schwerer Unordnung. Die Polizei verhaftete den 55-jährigen konservativen Abgeordneten nach der Anzeige von zwei jungen Männern, die ihm Vergewaltigung und sexuelle Nötigung vorwerfen. In einer Pressekonferenz wies Evans die Anschuldigungen als "völlig falsch" zurück. Obwohl er nur gegen Zahlung einer Kaution freigelassen wurde, will er weiter im Amt bleiben.

Die Festnahme des jovialen und allgemein beliebten stellvertretenden "Speakers" löste beim politischen Establishment in Großbritannien einen tiefen Schock aus. Evans ist seit 21 Jahren einer der wenigen konservativen Abgeordneten aus den mittelenglischen Industrieregionen. "Die Nachricht hat mich fassungslos gemacht", klagte Terry Hill, der stellvertretende Vorsitzende der Konservativen in Evans' Wahlkreis.

Für die Briten sind die Nachrichten über kriminelle Sexskandale prominenter Persönlichkeiten jedoch fast zur unliebsamen Gewohnheit geworden. Im Gegensatz zu Evans holt die Vergangenheit nun alte Männer ein, deren zugegebene und bestrittene Vergehen lange zurückliegen, aber jetzt im Rahmen einer groß angelegten Ermittlung der Staatsanwaltschaft ans Licht kamen. Die Evans zur Last gelegten Vergewaltigungen und sexuelle Nötigung von zwei jungen Männern sollen sich jedoch zwischen 2010 und 2013 ereignet haben. Der Politiker findet die Beschuldigung "unglaublich" - vor allem deshalb, weil er die zwei jungen Männer zu seinen Freunden zählte und nach seinen Angaben mit ihnen noch letzte Woche "gesellschaftlichen Kontakt" pflegte.

Vor drei Jahren bekam Evans große Anerkennung für seinen Mut, sich in einer Massenzeitung zu seiner Homosexualität zu bekennen, weil er "nicht weiter mit einer Lüge leben wollte." Er wurde dadurch zum Symbol für den gesellschaftlichen Wandel bei den Konservativen und stieg in der Partei und der Unterhausfraktion zu hohen Ämtern auf.

Seit dem Schock über Jimmy Savile, der letztes Jahr Großbritannien aufwühlte, ist die englische Staatsanwaltschaft voll damit beschäftigt, die Vorwürfe sexueller Vergehen gegen prominente Personen des öffentlichen Lebens zu verfolgen. Savile starb 2011 im Alter von 85 Jahren. Die Briten trauerten um ihren populärsten TV-Entertainer, der zudem Spendenkampagnen in Millionenhöhe und wohltätige Einrichtungen in Gang gesetzt hatte und dafür von der Königin zum Ritter geschlagen wurde. Nach seinem Tode meldeten sich hunderte von Frauen und einige Männer, die von Savile geschändet wurden, als sie noch Kinder waren. Nach dem Ende der Ermittlungen bezeichnete die Staatsanwaltschaft Savile als "sexuelles Raubtier". Die Polizei begann die "Operation Yewtree" ("Eibe") und bat öffentlich um Hinweise auf bislang nicht aufgedeckter Vergehen. Sie öffnete damit die Büchse der Pandora.

Vergangene Woche bekannte sich der jetzt 83 Jahre alte ehemalige Star-Moderator der BBC, Stuart Hall, zu 14 Übergriffen auf junge Mädchen, die er vor 20 Jahren begangen hatte. Ermittlungen laufen daneben gegen den überaus beliebten Australier Rolf Harris (83), der als "guter Onkel" in Kinder- und Tierserien des Fernsehens höchste Einschaltquoten erreichte, sowie die ebenfalls populären TV-Stars William Roache und Freddie Star. Sie bestreiten die Vorwürfe ebenso wie der britische PR-Guru Max Clifford (70). Kardinal Keith O'Brien, der höchste katholische Würdenträger Großbritanniens, hatte nach anfänglichem Leugnen seine sexuellen Belästigungen von jungen Priestern zugegeben und war vor dem Konklave zur Papst-Wahl zurückgetreten.

Mit Spannung erwartet die britische Öffentlichkeit jetzt auch den noch Bericht der Staatsanwaltschaft zu der wieder aufgerollten Untersuchung über walisische Kinderheime, deren Zöglinge in den sechziger Jahren wie "Sex-Sklaven" behandelt wurden.