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Sehnsucht nach dem "deutschen Obama"

Sehnsucht nach dem "deutschen Obama"

Berlin. Schwerlich ist die Behauptung zu widerlegen, der frisch amtierende US-Präsident Barack Obama sei der neue Welt-Held. In aller Herren Länder bewundern die Menschen den coolen Typen im Weißen Haus, manche sehen in ihm sogar eine Art Messias, der aufräumt mit dem ganzen Elend auf der Erde

Berlin. Schwerlich ist die Behauptung zu widerlegen, der frisch amtierende US-Präsident Barack Obama sei der neue Welt-Held. In aller Herren Länder bewundern die Menschen den coolen Typen im Weißen Haus, manche sehen in ihm sogar eine Art Messias, der aufräumt mit dem ganzen Elend auf der Erde. Vor allem die Deutschen sind fasziniert: Drei von vier Bundesbürgern wünschen sich einer Umfrage zufolge einen "deutschen Obama". Es ist die Sehnsucht nach dem strahlenden Helden, nach dem starken Führer, der weiß, wo es lang geht und zielsicher die Richtung vorgibt. Zwar sind gerade die Deutschen in dieser Hinsicht gebrannte Kinder, doch brauchen sie nicht auf den unseligen "Führer" aus der Nazizeit zu verweisen, sondern können sich auf den alten Helmut Schmidt berufen. Der wird auch heute noch verehrt, gar mehr als zu seiner aktiven Zeit, weil er dem Typus des intelligenten Machers und souveränen Krisenmanagers am nächsten kommt. Doch Schmidt ist schon 90, und politische "Enkel" nach Art des Genossen Willy Brandt hat er nicht. So richtig in Schmidts Schuhe ist kein deutscher Nachwuchspolitiker geschlüpft. Seinerzeit auch nicht Gerhard Schröder, dessen Vorbild Schmidt ja ist und der gerne den Weltökonom gespielt hätte. Indes, es reichte nur zum Hartz-IV-Kanzler, der immerhin dem Kriegsherrn George W. Bush die Stirn bot. Durchaus interessant aber ist der Kontrast, den die amtierende Kanzlerin Angela Merkel zum "Präsidenten 2.0" in Washington bietet. Da hilft auch kein Update: In Temperament, Sozialisation und Wesensart ist Merkel das pure Gegenstück zum eloquenten, faszinierenden, entscheidungsfreudigen Barack Obama. Merkel sitzt die Probleme gern aus (was sie von ihrem Ziehvater Helmut Kohl gelernt hat), sie wartet ab, bis sie Position bezieht (um nicht auf der falschen Seite zu landen), sie führt nicht energisch, sondern versteht sich als Moderatorin. Und sie redet das gestelzte, leidenschaftslose Polit-Sprech, das niemanden mitreißt, aber viele abtörnt. Dennoch hat Merkel gute Chancen, im Herbst wiedergewählt zu werden: die Konkurrenz kocht auch nur mit lauwarmem Wasser. Herausforderer Frank-Walter Steinmeier von der SPD kann ihr kaum gefährlich werden: Auch er ist ein Anti-Obama, ähnlich strukturiert und ausgewogen wie die Kanzlerin. Neben dem schillernden US-Präsidenten wirken Merkel und Steinmeier wie Wurststullen neben dem Lachs-Brötchen. Gewiss, die deutsche Sachlichkeit muss in der praktischen Politik kein Nachteil sein, doch bedient sie eben nicht die Sehnsucht der Bürger nach dem "starken Mann", der die Massen bewegt. Auch sonst spielt kein Politiker in Deutschland in der Obama-Liga. Zwar wurde jüngst der grüne Vorsitzende Cem Özdemir ("Yes, we cem") auf einer Veranstaltung der Öko-Partei als "unser Barack Obama" vorgestellt, doch reizen solche Vergleiche eher zu einem milden Lächeln. Allerdings reifen nunmehr Träume von einem deutsch-türkischen Obama, wie etwa bei der (türkischstämmigen) Bundestagsabgeordneten Lale Akgün (SPD), "damit auch die Migranten in den obersten politischen Etagen Deutschlands ankommen". Akgün ist geradezu euphorisch und verlangt sogar "viele Obamas" für unser Land. In eine ähnliche, aber kleinere Kerbe hieb Ex-Kanzler Schröder, der sich die Berufung eines türkischstämmigen Ministers wünscht. Die Zeit dafür sei reif, sagte Schröder dem Magazin "Cicero". Die Frage ist nun, wo diese "Obamania" hinführen soll. Im Taumel der Begeisterung scheint mindestens die Hälfte der Welt verrückt geworden zu sein und glaubt allen Ernstes, ein einzelner Mann könne mit richtigen Entscheidungen und dem dazu passenden Lächeln den irdischen Problemberg zerkrümeln. Von Gaza bis nach Kuba, überall hoffen sie auf den neuen Präsidenten, der tatsächlich einen furiosen Start hinlegte und gleich mehrere Beschlüsse seines Vorgängers Bush revidierte oder korrigierte. Selbst der greise Fidel Castro, seit einem halben Jahrhundert Lieblingsfeind des konservativen Amerika, unterstellt Obama "edle Motive". Das ungewöhnliche Präsidenten-Interview mit dem orientalischen Sender "Al Arabija" hat weltweit nicht nur Moslems beeindruckt, auch bei den notorisch skeptischen Russen scheint Obamas wärmende Ausstrahlung für Tauwetter zu sorgen: Die geplanten Raketen-Stationierungen in Polen, Tschechien und Kaliningrad sind erstmal auf Eis gelegt. Die Deutschen können davon nur profitieren, denn sie bilden nach wie vor die Nahtstelle zwischen Ost und West. Auch deshalb dürfen sie sich über den neuen Hoffnungsträger freuen. Doch auf einen "deutschen Obama", dessen Vater womöglich in Anatolien geboren ist, werden sie noch lange warten müssen.