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Schwarze fühlen sich im Stich gelassen

Schwarze fühlen sich im Stich gelassen

Nach den schweren Krawallen in Ferguson hält die Empörung über die Straffreiheit für den weißen Todesschützen an. Der meldete sich jetzt mit seltsamen Vergleichen im US-Fernsehen zu Wort.

Queen Barnes ist sauer. Hinter ihr liegt das Schaufenster ihres Kosmetiksalons in Scherben, gelbes Plastikband der Polizei markiert die Szene als Schauplatz eines Verbrechens. Drinnen aufgeweichtes Holz, kaputte Sessel. Barnes kocht vor Wut. Dass Polizei und Nationalgarde - so sieht sie es - den Plünderern die West Florissant Avenue von Ferguson praktisch kampflos überließen, ist ihr ein Rätsel. Kein Uniformierter, hörte sie von Freunden, sei auch nur in der Nähe gewesen, als vermummte Angreifer eine Gewaltorgie feierten.

"Der Gouverneur hat mich im Stich gelassen", schimpft die Frau mit dem kunstvoll blondierten Haar. Dann ist Obama an der Reihe. Sie habe ihn gewählt, ihm vertraut, doch als er zur Ruhe aufrief, nachdem eine Grand Jury den Polizisten Darren Wilson entlastet hatte, da sah sie am Fernseher einen Präsidenten, der merkwürdig distanziert wirkte. Als seien Worte aus seinem Mund geflossen, an die er selber nicht glaubte. "Hoffentlich zeigt Obama bald mal, dass er sich sorgt. Wird höchste Zeit, dass er sich hier mal blicken lässt."

Szenenwechsel. In der Greater St. Mark Family Church steht Michael Brown Senior hinter einem Wald von Mikrofonen und sagt kein einziges Wort. Der Vater von Michael Brown, des erschossenen Teenagers, sei zu aufgewühlt, vielleicht treffe er in seinem Schmerz nicht den richtigen Ton, erklärt sein Anwalt das Schweigen. "Was auf die Anklagebank gehört, ist dieses Verfahren", sagt Benjamin Crump über das Procedere einer Grand Jury, die Wilson hinter verschlossenen Türen freisprach, statt grünes Licht für einen Prozess zu geben, der live im Fernsehen übertragen worden wäre, wie es bei Fällen dieses Kalibers in Amerika üblich ist. Statt einen neutralen Sonderermittler einzusetzen, habe man Robert McCulloch, einen Staatsanwalt mit ausgewiesener Nähe zur Polizei , eine Ein-Mann-Show abziehen lassen. Kein Jurist der Gegenseite habe kritisch nachfragen können. "Eine Farce", beschwert sich Crump und verlangt, dass künftig alle Polizisten des Landes Kameras an der Jacke tragen, damit lückenlos transparent wird, was immer sie tun.

Es ist die Geheimniskrämerei der Geschworenen-Runde, mehr noch als der De-facto-Freispruch an sich, die schwarze Amerikaner derart in Rage bringt. Jimmie Matthews, ein Immobilienmakler, der in der Kirche Flugblätter verteilt, weil er an die Spitze des Stadtrats von St. Louis gewählt werden möchte, spricht verbittert von "Plantagenjustiz". Habe das Opfer dunkle Haut, glaube man auf ein faires Verfahren verzichten zu können, "wir sind ja nur die Enkel von Sklaven".

Dass Wilson aus Angst um sein Leben zur Waffe griff - es gibt inzwischen nicht wenige in Ferguson , die ihm das glauben. Was nichts ändert am tief verwurzelten Misstrauen gegenüber einer Staatsgewalt, von der sich Afroamerikaner, vor allem junge, per se diskriminiert, schikaniert, nicht ernst genommen fühlen.

Wilson wiederum wiederholt in einem TV-Interview, was er bereits intern zu Protokoll gegeben hatte. Nur dass er es noch ein bisschen ausmalt. Als Brown durchs Fenster seines Streifenwagens auf ihn einschlug, habe er sich gefühlt wie ein Fünfjähriger im Clinch mit Hulk Hogan , dem Wrestler. Er habe gefürchtet, jeder weitere Schlag könne ihn ohnmächtig werden lassen, und in höchster Not geschossen. Warum er dem 18-Jährigen nachlief, als der, zweimal getroffen, endlich von ihm abließ? "Es ist nicht mein Job, dazusitzen und abzuwarten", sagt Wilson.