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Schrecken Gebühren vom Studium ab?

Schrecken Gebühren vom Studium ab?

Bundesbildungsministerin Annette Schavan steht mächtig unter Rechtfertigungsdruck: Hat sie vertuscht, oder hat sie nicht? Der leise Verdacht kommt diesmal nicht etwa von der gewohnheitsmäßig argwöhnisch argumentierenden Opposition, sondern von einem seriösen Nachrichtenorgan: Der Deutschen Presseagentur (dpa) liegt nach eigenen Angaben eine brisante Studie vor, die von der Ministerin seit Wochen

Bundesbildungsministerin Annette Schavan steht mächtig unter Rechtfertigungsdruck: Hat sie vertuscht, oder hat sie nicht? Der leise Verdacht kommt diesmal nicht etwa von der gewohnheitsmäßig argwöhnisch argumentierenden Opposition, sondern von einem seriösen Nachrichtenorgan: Der Deutschen Presseagentur (dpa) liegt nach eigenen Angaben eine brisante Studie vor, die von der Ministerin seit Wochen unter Verschluss gehalten werde. Eine Untersuchung, nach der Studiengebühren deutlich mehr junge Leute vom Studium abschrecken als bisher angenommen. So hätten allein aus dem Abitursjahrgang 2006 bis zu 18000 junge Menschen wegen der Gebühren kein Studium aufgenommen. Insbesondere Frauen und junge Menschen aus bildungsfernen Elternhäusern verzichteten wegen der Gebühren häufiger auf das Studium, während sich Kinder aus Akademikerfamilien "deutlich seltener in ihrer Hochschulwahl beeinflussen" lassen, stellt das Hochschul-Informations-System (HIS) in der Studie fest.Die Ministerin ließ sich denn gestern wenigstens einige Aussagen entlocken: Ja, ihrem Hause lägen sogar zwei Studien vor - eine Abiturientenbefragung des Jahrganges 2006 und eine Studienanfängerbefragung 2007. Diese würden aber derzeit noch "ausgewertet" und in etwa vier Wochen veröffentlicht, suchte Schavan Misstrauen zu zerstreuen - und allen Gebühren-Gegnern so gut es geht, den Wind aus den Segeln zu nehmen: Sie selbst wisse bereits aus den Studien, dass für 91 Prozent Gebühren bei der Studienentscheidung keine entscheidende Rolle spielten. Eine Ministeriums-Sprecherin fügte hinzu, "die negative Tendenz" der ersten Studien werde "aus der Gesamtschau nicht bestätigt". Dennoch ist in der Studie laut dpa von "erheblicher Verunsicherung" durch die Gebührendebatte die Rede - auch in Ländern, die (noch) keine Gebühren verlangen, wie etwa Schleswig-Holstein und die neuen Bundesländer. In Hessen hatte kürzlich die neue Landtagsmehrheit aus SPD, Grünen und Linken die 2007 von der CDU eingeführte Studiengebühr von 500 Euro pro Semester wieder gekippt. Auch in Hamburg einigten sich CDU und Grüne auf eine Abschaffung der Studiengebühren in ihrer bisherigen Form (500 Euro pro Semester). Studenten sollen dort künftig 375 Euro bezahlen, aber erst, wenn sie nach dem Studium arbeiten und mindestens 30000 Euro im Jahr verdienen.Steht also die Studiengebühr, die neben dem Saarland auch in Niedersachsen, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Bayern erhoben wird, auf dem Prüfstand? Für das Saarland winkt Ministerpräsident Peter Müller (CDU) ab. Hierzulande stieg nach Angaben der Saar-Uni trotz Studiengebühren die Anzahl der Neuzugänge von 2767 im Vorjahr auf 3013 im aktuellen Wintersemester. Befürchtungen, die Gebühren (je 300 Euro in den ersten beiden Semestern, danach 500 Euro pro Semester) könnten die Zuwendungen des Landes teilweise ersetzen, wies Müller strikt von sich. Die Landesmittel an die Universität des Saarlandes blieben in voller Höhe bestehen. Darüber hinaus kündigte Müller die Gründung einer Studienstiftung Saar mit sechs Millionen Euro vom Land an. Die Stiftung werde jedoch auch für private Geldgeber offen sein. Mit den Zinserträgen des Stiftungskapitals sollen Stipendien gezahlt werden.

Stipendien als Ausgleich

Von SZ-RedakteurinIris Neu Es fällt nicht leicht, in einer Zeit wachsender finanzieller Belastungen Gebühren das Wort zu reden. Schon gar nicht, wenn es um Bildung geht, die für jeden jungen Menschen gleichermaßen zugänglich sein soll. Der finanzielle Hintergrund einer Familie sollte jedenfalls nicht über die Möglichkeit einer Hochschul-Ausbildung entscheiden. Klar ist auch: Von einem gebührenfreien Studium haben Generationen von Studenten hierzulande profitiert - der Bildungsstandort Deutschland indes nicht angemessen. Finanzielle Leistung des Staates und Leistungsverantwortung von Studierenden müssen sich eben in etwa die Waage halten, soll ein "Gratis"-Bildungssystem in der Tat funktionieren. Dies war aber nicht der Fall, wie die enorme Zahl von Studienabbrechern und Langzeitstudenten in der Vergangenheit gezeigt hat. Moderate(re) Gebühren können einem Übermaß an studentischer Unbekümmertheit sicherlich ein Stück weit vorbeugen. Doch sollte dann ein Ausbau des Stipendien-Systems für gerechte Bildungschancen sorgen. HintergrundDer hochschulpolitische Sprecher der SPD, Peter Gillo, hat angekündigt, seine Partei werde im Falle einer Regierungsverantwortung nach den Wahlen 2009 die Studiengebühren abschaffen. Sie seien unsozial und verschlechterten den Standort Saarland. Die Saar-Grünen haben die Abschaffung der Studiengebühren als unausweichlich bezeichnet. Sie führten zu einer Selektion nach dem Geldbeutel der Eltern. ine