Schlaflos in Minsk

Eine Weltreise in knapp einer Woche, Verhandlungen die ganze Nacht durch: Wie macht Angela Merkel das bloß? Über die Strategien von Politikern, mit einem Minimum an Schlaf auszukommen.

17 Stunden lang haben sie in Minsk verhandelt und wieder einmal die Nacht zum Tag gemacht. Angela Merkel ist seit Tagen praktisch permanent im Wachhalte-Modus: Kiew, Berlin , Moskau, München, dann wieder kurz nach Berlin und von dort nach Washington und Ottawa, danach erneut Berlin und von dort weiter nach Minsk - eine Weltreise in einer Woche. Aber eben nicht zum Spaß, sondern gespickt mit kniffligen Gesprächen und Entscheidungen, die Millionen Menschen betreffen.

Über den ehemaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher hieß es, er begegne sich wegen seiner Viel-Reiserei quasi schon selbst in der Luft. Wie hält man diesen Dauerstress durch? "Wenn wir 17 Stunden wach sind, das zeigen Experimente, dann haben wir ein verzögertes Reaktionsvermögen, das 0,5 Promille Alkohol im Blut entspricht. Bei 22 Stunden sind es sogar ein Promille", sagt Hans-Günter Weeß von der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. Auch die Entscheidungsfähigkeit lasse nach. "Und irgendwann", erklärt Weeß, "wollen wir nur eines, ins Bett und schlafen." So gesehen haben nächtliche Marathonsitzungen auch Methode. Denn irgendwann knicken selbst die härtesten Typen ein und stimmen Kompromissen zu, die sie im Zustand geistiger und körperlicher Frische womöglich nicht machen würden. Mit unregelmäßig wenig Schlaf auszukommen, gehört also zum Anforderungsprofil für jeden Berufspolitiker. Zumal dann, wenn Auslandsreisen Dauer-Jetlags verursachen.

Der CDU-Spitzenkandidat Rainer Barzel war für sein größeres Schlafbedürfnis bekannt. Er scheiterte im Wahlkampf 1972. Von Helmut Kohl ist dagegen bekannt, dass er überall und immer schlafen konnte. Ex-Außenminister Joschka Fischer schwört bis heute auf "Powernap", den zehn bis 15 Minuten währenden Kurzschlaf. Auch Merkel ist eine Meisterin in dieser Disziplin. Sie selbst sagte einmal: "Ich habe eine Art Kamelkapazität, mit Schlaf umzugehen." Sie könne, so Merkel, "über eine gewisse Zeit, fünf oder sechs Tage lang" mit sehr wenig Schlaf auskommen. "Danach brauche ich aber auch wieder einen Tag, an dem ich ausschlafe, zehn, zwölf Stunden." Alkohol ist übrigens so gut wie tabu. Merkel trinkt allenfalls bei Gesprächsabschluss ein Glas Wein oder Sekt.