Schauspieler oder Patriot?

Washington. Spaßvogel David Letterman findet die Absage des Kandidaten überhaupt nicht lustig. Minutenlang zieht der düpierte Mitternachts-Talker über John McCain her, der ihn am Nachmittag mit der Begründung versetzte, er werde nun zur Lösung der Finanzkrise in Washington gebraucht

Washington. Spaßvogel David Letterman findet die Absage des Kandidaten überhaupt nicht lustig. Minutenlang zieht der düpierte Mitternachts-Talker über John McCain her, der ihn am Nachmittag mit der Begründung versetzte, er werde nun zur Lösung der Finanzkrise in Washington gebraucht. "Irgendwas riecht hier nicht richtig", meckert Letterman, der eine Live-Schaltung aus dem CBS-Nachbarstudio in New York einblendet. Dort räsoniert der Kandidat in den Abendnachrichten mit Katie Couric über seine Entscheidung, notfalls auch die erste Präsidentschaftsdebatte in Oxford, Mississippi, ausfallen zu lassen. Während die Nachrichtenagenturen bereits melden, eine Vereinbarung zwischen Weißem Haus und Kongress über das 700-Milliarden-Rettungspaket sei so gut wie in trockenen Tüchern, rechtfertigt McCain seine Absicht, notfalls auch die erste Präsidentschaftsdebatte ausfallen zu lassen. "Ich kann meinen Wahlkampf nicht weiterführen und so tun, als ob diese gefährliche Situation nicht existierte." Der Kandidat knüpft damit an die Warnung George W. Bushs in seiner Rede an die Nation an, in der er den Kongress drängte zu handeln. "Unsere ganze Wirtschaft ist in Gefahr", erklärte der Präsident, von dem in den letzten zehn Krisen-Tagen wenig zu sehen war. Auch McCain machte sich in Washington rar. Zuletzt tauchte er im April dieses Jahres zu einer Abstimmung im Senat auf. Barack Obama, der an dem kurzfristig angesetzten Krisen-Gipfel im Weißen Haus teilnehmen wollte, reagiert gelassen. Er sehe keinen Grund, die Debatte abzusagen. "Genau jetzt ist die Zeit, in der die Amerikaner von der Person hören müssen, die in 40 Tagen die Verantwortung für diesen Schlamassel übernehmen muss", meint er zu McCains dramatischem Auftritt vor den Kameras. "Es wird die Aufgabe eines Präsidenten sein, zwei Dinge zur gleichen Zeit zu machen." Die überparteiliche "Kommission für Präsidentschaftsdebatten", die sich vor Monaten mit den beiden Wahlkampf-Teams auf die Debatten-Termine verständigt hatte, erklärte, sie sehe keine Notwendigkeit, die Planungen über den Haufen zu werfen. Historiker wiesen darauf hin, dass Situationen wie die Geiselkrise in Teheran oder der Anschlag auf die USS Cole im Jemen nicht zu Absagen geführt hätten. Obama hielt sich mit einer eigenen Wertung zurück. Er stellte lediglich klar, dass von ihm am Mittwoch die Initiative ausgegangen war, mit einem gemeinsamen Appell an die Kollegen im Kongress für Bewegung bei den Gesprächen zu sorgen. McCain rief Obama am frühen Nachmittag zurück und begrüßte die Idee, um kurz darauf dann ohne Absprache vor die Kameras zu eilen. Politische Experten werteten den Schachzug McCains als "gewagtes Spiel" und Versuch, angesichts eines wachsenden Rückstands in den Umfragen (zwischen zwei und neun Prozent) Boden gut zu machen. Oder als Ablenkungsmanöver von den Enthüllungen um seinen Wahlkampfmanager Rick Davis, dessen Firma bis in den August noch monatlich 15000 US-Dollar an Lobby-Gebühren der verstaatlichten Hypothekenbank Freddie Mac kassiert hatte. Für großes Aufsehen sorgte eine Kolumne des konservativen Kommentators George Will, der McCains impulsiven Charakter hinterfragt. Die relative Unerfahrenheit Obamas sei mit Erfahrung zu beheben. "Kann aber ein erschreckendes Temperament in Ordnung gebracht werden?", fragte Will. "Ich kann meinen Wahlkampf nicht weiterführen und so tun, als ob diese gefährliche Situation nicht existierte."John McCain