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"Schauen Sie mal ganz nach rechts"

"Schauen Sie mal ganz nach rechts"

Berlin. Der Mann, um den es geht, verschwindet im Blitzlichtgewitter hinter einer Wand aus Fotografen und Kameraleuten

Berlin. Der Mann, um den es geht, verschwindet im Blitzlichtgewitter hinter einer Wand aus Fotografen und Kameraleuten. Man kann nur noch erahnen, was da gerade auf dem Podium passiert - die Dekoration mit zwei überdimensionalen Buchdeckeln von "Deutschland schafft sich ab" wackelt jedenfalls bedenklich, Gläser klirren, und irgendwann ruft jemand: "Herr Sarrazin, schauen Sie mal ganz nach rechts!" Ganz rechts. Das passt ja. Zumindest glauben das viele. Auch die, die vor der Bundespressekonferenz in Berlin gegen Thilo Sarrazin demonstrieren. Grüne, Linke, Gewerkschaften, ein paar Bürger sind dabei, dazu der frühere Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, und der Chef der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat - beide hasten von einem Mikrofon zum anderen. "Dass es viele Problem gibt, über die wir reden müssen, ja. Aber wie er darüber redet, nein", empört sich Friedman über Sarrazins "Tiraden des Hasses". Am Rande steht jemand mit einem Plakat, auf dem etwas Überraschendes zu lesen ist: "Danke Thilo." Offenbar ein einsamer Fan, der später von der Polizei geschützt werden muss. Das Haus der Bundespressekonferenz ist sowieso durch zig Beamte abgesperrt, als ob gleich der US-Präsident auftauchen würde. Drinnen ist der Saal so überfüllt, wie man es für eine Buchvorstellung wohl noch nie erlebt hat. Thilo Sarrazin betritt den Raum über einen Seiteneingang, es wird plötzlich still. Kerzengerade schreitet er nach vorne, der Brandstifter, der Provokateur, der Störenfried, der Rassist - so wurde er in den letzten Tagen gescholten. Er selbst hat sich eine "persönliche Mediensperre" auferlegt, um nicht all das lesen zu müssen, was über ihn und sein Buch geschrieben worden ist, sagt er. Sarrazin ist hörbar nervös. Die SPD will ihn nun aus der Partei ausschließen, was allerdings bereits einmal gescheitert ist. Und während der 65-Jährige in Berlin auftritt, gibt es in Frankfurt eine Krisensitzung der Bundesbank, auf der aber kein Abwahlantrag beschlossen wird, sondern nur ein klärendes Gespräch. Von dem Termin wisse er nichts, reagiert Sarrazin gelassen. Er kenne seinen Dienstvertrag, er habe "keine dienstlichen Obliegenheiten verletzt". Und er glaube auch nicht, kontert er leicht frotzelnd die Kritik der Kanzlerin an ihm, dass Angela Merkel schon die Zeit gehabt habe, die 464 Seiten zu lesen. Genau das ist das Problem aus Sicht Sarrazins. Sein Lieblingssatz in den eineinhalb Stunden der Präsentation klingt so: "Wer das Buch liest . . .". Das hat natürlich noch nicht jeder. Aber Sarrazin hat seine Hauptthesen bereits vorab veröffentlichen lassen, die hart mit muslimischen Einwanderern ins Gericht gehen und vor allem sie für die Integrationsprobleme in Deutschland verantwortlich machen. Außerdem sollen Menschen bestimmter Herkunft von Natur aus dümmer sein. Und zuletzt hat er in Interviews noch über Juden und Gene schwadroniert. Das hat das Fass der Empörung wohl zum Überlaufen gebracht und das könnte vielleicht auch justiziabel sein. Er selbst hält solche Zuspitzungen für notwendig, um "breitere Schichten" mit seiner Analyse, einem kleineren Teil an Wertung und einem noch kleineren Teil an Rezepten für die Politik zu erreichen. Andere wiederum glauben, dass er mit seiner Polemik in den Bereich des Rassismus abgedriftet ist. Seine Frau, ein journalistischer Freund, die Lektorin, die Verlagsleitung, alle hätten am Buch noch etwas verändert. "Es ist ausgewogener als meine Originalsprache", gibt Sarrazin aufschlussreich zu. Die türkischstämmige Sozialwissenschaftlerin Neclá Kelek stellt das Buch vor - und sie verteidigt den Autor. Ein verantwortungsvoller Bürger habe "bittere Wahrheiten drastisch ausgesprochen und sich um Deutschland einen Kopf gemacht", so Kelek. "Um diesen Kopf soll Thilo Sarrazin offensichtlich jetzt kürzer gemacht werden." Jeder kritischen Frage weicht Sarrazin aber aus. Vor allem Journalisten aus Ländern, in denen bei Wahlen die Rechtspopulisten einige Erfolge gefeiert haben, haken nach. Ob er dem erfolgreichen Niederländer Geert Wilders nacheifere, will jemand wissen. "Ich bewundere Geert Wilders blonde Haare", lautet Sarrazins Antwort. Draußen sind die Protestler längst schon wieder abgezogen, drinnen ist einer deutlich gebremster, als er es in seinem Buch ist. "Ich bewundere Geert Wilders' blonde Haare."Thilo Sarrazin über den niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders