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Schatten über Merkels Besuch am HindukuschWas ist nur in der Kaserne Fort Lewis los?

Schatten über Merkels Besuch am HindukuschWas ist nur in der Kaserne Fort Lewis los?

Washington. Die dritte Brigade der zweiten Infanterie-Division in Fort Lewis machte auf sich aufmerksam, als sie 2003 als erste US-Einheit den "Stryker" in Irak stationierte. Ein wendiges Fahrzeug, das Truppen und Waffensysteme sicher transportieren kann. Das Pentagon schickte die Einheit wegen ihrer taktischen Stärke drei Mal in den Irak

Washington. Die dritte Brigade der zweiten Infanterie-Division in Fort Lewis machte auf sich aufmerksam, als sie 2003 als erste US-Einheit den "Stryker" in Irak stationierte. Ein wendiges Fahrzeug, das Truppen und Waffensysteme sicher transportieren kann. Das Pentagon schickte die Einheit wegen ihrer taktischen Stärke drei Mal in den Irak. Seit Dezember sind die Soldaten in Afghanistan.Der 38-jährige Amok-Schütze war wohl bei allen Einsätzen dabei. Das geht aus der Beschreibung des Täters durch offizielle Vertreter der US-Streitkräfte hervor, die den 38-jährigen bisher namentlich nicht identifiziert haben. Was den Vater von zwei Kindern zu dem Amoklauf veranlasst hat, bleibt ein Rätsel. Rekonstruieren lässt sich die Tat aber: Der Feldwebel arbeitete in der Provinz Kandahar mit Dorfbewohnern zusammen, um in der Hochburg der Taliban den Widerstand zu brechen. In der Nacht brach der Soldat zu Fuß in das nächste Dorf auf, drang in mehrere Häuser ein und ermordete mindestens 16 Menschen. Danach versuchte er, einige der Leichen zu verbrennen.

Der aktuelle Vorfall führt erneut nach Fort Lewis. Die benachbarte Fünfte Brigade machte 2010 Schlagzeilen, weil ein Dutzend Soldaten aus Freude am Töten afghanische Zivilisten umbrachten. Sie posierten mit den Getöteten vor der Kamera, schnitten Körperteile ab und rissen Zähne als "Andenken" heraus. Die Beteiligten erhielten langjährige Gefängnisstrafen. Ein Feldwebel wanderte lebenslang hinter Gitter.

Für die offizielle Army-Zeitung "Star and Stripes" ist Fort Lewis die "Kaserne mit den meisten Problemen". Allein 2011 nahmen sich hier zwölf Soldaten das Leben. In die Kritik geriet auch die Nachsorge für Soldaten mit post-traumatischem Stress (PTS). Aus Kostengründen änderten Verantwortliche die Diagnose von rund 300 Kriegsheimkehrern und verweigerten ihnen so die Therapie. Womöglich spielte posttraumatischer Stress auch bei dem 38-jährigen Soldaten eine Rolle, der das jüngste Massaker anrichtete - und eine ganze Mission in Gefahr gebracht hat. sp

Masar-i-Scharif. Die Soldaten sind fassungslos. Einer ihrer amerikanischen Kameraden hat in Kandahar Frauen und Kinder erschossen. Weit weg vom deutschen Verantwortungsbereich im afghanischen Norden. Und doch ganz nah. Denn der Amoklauf vom Vortag bestürzt auch Bundeswehrsoldaten in Masar-i-Scharif - ebenso wie Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie ist hier am Montag auf Blitzbesuch. Merkel telefoniert vom deutschen Feldlager aus mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai und drückt ihr Mitgefühl aus. Sie spricht von einer "schrecklichen Tat". Die Soldaten in Masar-i-Scharif glauben, wer so etwas macht, muss selbst Schreckliches erlebt haben. Sie betonen, dass das keine Entschuldigung sei.

Das Massaker im Süden des Landes sorgt vor allem unter den machtlosen Afghanen für Wut und Entsetzen. 16 Opfer beklagt die Regierung, darunter neun Kinder. Die Taliban schwören, jeden Toten zu rächen.

Völlig unklar ist, was den Amokschützen - der selbst zwei Kinder haben soll - zu der Wahnsinnstat getrieben hat. Was aber klar ist: Das Vertrauen in die Ausländer, das wegen der Koranverbrennungen durch US-Soldaten schon schweren Schaden nahm, hat noch einmal dramatisch gelitten. Die Abgeordneten im Unterhaus des Parlaments in Kabul kommen am Montag zu einer hitzigen Sitzung zusammen. Das Unterhaus verabschiedet eine Resolution mit einer klaren Warnung an die ausländischen Truppen: Die Toleranzgrenze des afghanischen Volkes sei nun erreicht.

Doch auch die ausländischen Soldaten haben in den vergangenen Wochen und Monaten gute Gründe gehabt, an ihren einheimischen Kameraden zu zweifeln. Immer wieder werden Soldaten der Internationalen Schutztruppe Isaf Ziele von hinterhältigen Angriffen.

Partnering nennt die Isaf die militärische Hilfe, bei der die einheimischen Sicherheitskräfte ausgebildet werden und im Einsatz Seite an Seite mit den Ausländern stehen. Manche Isaf-Soldaten haben inzwischen ein ungutes Gefühl dabei. Wer weiß schon, ob nicht auch in der eigenen Partnering-Gruppe ein Afghane ist, der plötzlich die Waffe auf seine Ausbilder richtet? Dabei gilt das Partnering als alternativlos, wenn die einheimischen Soldaten und Polizisten Ende 2014 die Verantwortung für die Sicherheit im ganzen Land übernehmen sollen - und den ausländischen Kampftruppen damit den Abzug ermöglichen. Merkel macht am Montag erneut klar, dass sie an dem Abzugstermin 2014 festhalten will - bei allen Schwierigkeiten.

Und die Probleme sind gigantisch. Unklar ist, ob die Afghanen jemals wirklich selber für ihre Sicherheit werden sorgen können. Als riskant gilt der Plan der Nato, die Anzahl der afghanischen Soldaten und Polizisten nach 2014 wieder von 352 000 auf 230 000 zu reduzieren. Was passiert dann mit den überschüssigen mehr als 100 000 Mann, allesamt ausgebildete Kämpfer? Werden sie sich Milizen anschließen - oder gleich den Taliban? Gelingt eine wie auch immer geartete Aussöhnung mit den Aufständischen? Wie werden sich die mächtigen Nachbarn Pakistan und Iran nach 2014 verhalten?

Niemand bezweifelt, dass die Isaf bis zum Abzug noch um viele Gefallene wird trauern müssen. Merkel verneigt sich am Montag vor den toten Soldaten, die die Bundeswehr seit Beginn ihres Einsatzes vor mehr als zehn Jahren zu beklagen hat. 52 Männer sind bei Unfällen, Anschlägen oder im Gefecht gestorben. Die Kanzlerin steht in Masar-i-Scharif schweigend am Ehrenhain. Es ist das vierte Mal, dass sie nach Afghanistan reist. Seit ihrem Besuch vor 15 Monaten ist es ruhiger geworden am gefährlichen Bundeswehr-Standort in Kundus. Vielleicht ein Hoffnungsschimmer für den baldigen Abzug der Truppe.

Meinung

Bittere Realitäten

Von SZ-MitarbeiterFriedemann Diederichs

Bei den Westmächten in Afghanistan ist Resignation angesagt - nicht erst seit dem Amoklauf des US-Soldaten. Die Taliban sehen sich im Aufwind, die Sicherheitslage ist instabil. Und Afghanistan ist nur eines von mehreren sicherheitspolitischen Feldern der westlichen Allianz, auf dem Anspruch und Wirklichkeit auseinander klaffen: Statt eine Zwei-Staaten Lösung im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern voranzutreiben, steht ein möglicher Krieg gegen den Iran auf der Tagesordnung. Der arabische Frühling hat für den Westen ungeahnte Herausforderungen mit sich gebracht. Während die Nato in Libyen noch intervenierte, morden Assad und seine Schergen - seit dem Freibrief von China und Russland auf der UN-Bühne - weiter.

Explosive Brandherde beherrschen die Tagesordnung. Auch, weil die von den Wahlen geprägten USA und die um die Währungszone bangenden Europäer derzeit die innenpolitische Nabelschau bevorzugen.