Sarkozy stört die Gipfel-HarmonieMögliche Quellen für Atom-Terroristen

Washington. Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich bereits nach dem Abendessen zum Auftakt des Atomgipfels mit strahlender Miene - und "sehr zufrieden"

 Kanzlerin Merkel und US-Präsident Obama begrüßen sich beim Atomgipfel. Foto: dpa

Kanzlerin Merkel und US-Präsident Obama begrüßen sich beim Atomgipfel. Foto: dpa

Washington. Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich bereits nach dem Abendessen zum Auftakt des Atomgipfels mit strahlender Miene - und "sehr zufrieden". Nicht nur, dass sie ein ebenso gut gelaunter und optimistischer Barack Obama (Foto: dpa) im Kongresszentrum mit zwei Wangenküssen begrüßt hatte und sie durch seinen Vize-Sicherheitsberater Ben Rhodes als "einen der engsten Partner" herausstellen ließ. Denn noch bevor bei der Mega-Veranstaltung mit Vertretern aus 47 Ländern die Vorspeise serviert wurde, stand fest, dass unterm Strich eine positive Bilanz stände.

Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch erklärte, sein Land wolle innerhalb von zwei Jahren alles hochangereicherte Uran abgeben und damit einen wichtigen Beitrag zur Atomsicherheit leisten. Auch zeigte sich Peking erneut bereit, die Möglichkeit neuer Iran-Sanktionen zumindest zu diskutieren. Am Abend dann die offizielle Einigung: Atommaterial soll weltweit binnen vier Jahren gesichert werden, um es dem Zugriff von Terroristen zu entziehen. Außerdem wollen die Staaten enger bei der Bekämpfung von Atom-Schmuggel zusammenarbeiten. In seiner Bilanz des Atomgipfels betonte Obama, die Welt sei durch diese Zusammenkunft sicherer geworden: "Wir haben echte Fortschritte im Bemühen erzielt, die Welt sicherer zu machen", erklärte er.

Bevor der Durchbruch gelang, gab es erst einmal Ernüchterung für den US-Präsidenten, dessen alles überlagernde Vision eine Welt ohne Atomwaffen ist und der für die Umsetzung Taten verlangt: "Heute ist die Gelegenheit da, nicht einfach zu reden, sondern zu handeln." Obwohl das Hauptthema des Gipfels der Kampf gegen den Atom-Terrorismus und die Sicherung nuklearer Bestände ist, nutzte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy den Termin zur Klarstellung seiner Atomdoktrin - und die kam vom Zeitpunkt her einem Affront gleich. Er unterstütze zwar grundsätzlich eine Reduzierung von Nuklearwaffen, doch habe man in der Vergangenheit durch den Abbau des Atomarsenals um ein Drittel und die Einstellung der Nukleartests genug getan, sagte Sarkozy. "Ich werde nicht auf die Atomwaffe verzichten, die die Sicherheit meines Landes garantiert", sagte Sarkozy. Eine klare Aussage, die er nicht Obama direkt übermittelte, sondern durch ein Interview mit dem US-Fernsehsender CBS in die Welt setzte. Dieses provokative Vorgehen erinnert an den Auftritt Sarkozys im vergangenen Herbst in New York, als er bei der UN-Vollversammlung dem US-Präsidenten mangelnden Realismus im Umgang mit dem Iran vorwarf.

Wie steinig der Weg für Obama noch sein dürfte, wird auch durch die Möglichkeit eines neuen atomaren Wettrüstens deutlich, das sich zwischen Indien und Pakistan abzeichnet. Islamabad baut derzeit neue Reaktoren zur Herstellung moderner Nuklearwaffen und ist trotz intensiver Verhandlungen mit dem Weißen Haus nicht bereit, die Produktion von waffenfähigem spaltbaren Material einzustellen. Das Ziel der Abschlusserklärung, innerhalb von vier Jahren eine umfassende Kontrolle über sämtliches Nuklearmaterial zu haben, ist allein deshalb schon gefährdet. Zudem sorgte eine Harvard-Studie für Aufregung, derzufolge Pakistans Atomarsenal "immensen Bedrohungen" ausgesetzt und am meisten gefährdet sei, was Diebstahl angehe.

Der Vorstoß von Bundeskanzlerin Merkel, die für die Entwicklung eines internationalen Rechtssystems und klar definierte Richtlinien plädierte, um Verstöße gegen Vereinbarungen zur Atomsicherheit bestrafen zu können, kam deshalb auch für Obama zur rechten Zeit. Der US-Präsident habe die deutsche Initiative gelobt, hieß es gestern. Gleichzeitig mahnte Obama nochmals die Teilnehmer: Obwohl der Kalte Krieg vorbei sei, sei das Risiko einer nuklearen Attacke gestiegen. Vor allem, weil Terroristen nach der Atombombe strebten. Deshalb müssten konkrete Schritte folgen.

Merkel kam dieser Forderung bereits entgegen und versprach Obama, Deutschland werde seinen Beitrag leisten und nicht mehr benötigtes Nuklearmaterial minimieren. Der ebenfalls vorgetragene Straf-Vorschlag der Kanzlerin geht Hand in Hand mit der auf dem Gipfel vorgetragenen Idee der Niederlande, ein "Nukleartribunal" in Den Haag einzurichten. Dass Berlin und Washington bei der Konferenz unterschiedliche Prioritäten setzten und Merkel die größte Gefahr durch "schmutzige Bomben" - konventionelle Explosivstoffe mit schwach radioaktivem Material - sieht, erwies sich nicht als Belastung.

Das zeigt auch die Aufwertung der Kanzlerin: Gestern Abend nahm sich Obama noch einmal unter vier Augen viel Zeit für Angela Merkel, die eine "große Entschlossenheit" der Teilnehmer feststellte. Eine Vorzugsbehandlung, die keinem anderen Gast zuteilwurde.Washington. Nukleares Material im Besitz von Terroristen ist ein Schreckensszenario. Drei Gebiete machen den Experten besonders Sorgen:

Pakistan: Die Atomanlagen stehen unter militärischem Schutz. Doch die Verbindungen von Islamisten ins Innere des pakistanischen Staates sind ein immenser Risikofaktor. Die größte Befürchtung ist, dass Kreise in Pakistans Geheimdienst gemeinsame Sache mit Islamisten machen könnten und einen Atomkrieg mit Indien provozieren.

Ehemalige Sowjetunion: Nach dem Ende des Kommunismus galten die Staaten auf dem Gebiet der zerfallenen Sowjetunion als Selbstbedienungsladen für Atommaterial. Mittlerweile sind die chaotischen Zustände überwunden. Dennoch bleibt die Kontrolle in einigen Bunkern, Forschungseinrichtungen und Reaktoren mangelhaft.

Nordkorea: Vor vier Jahren schockte das Regime die Welt mit der Ankündigung, erstmals erfolgreich eine Atombombe getestet zu haben. Seitdem steht das Land im Verdacht, Atom-Material und -Knowhow auch auf dem Schwarzmarkt anzubieten. afp

"Wir haben echte Fortschritte im Bemühen erzielt, die Welt sicherer zu machen." US-Präsident Obama

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Bei einer "schmutzigen Bombe" wird Nuklearmaterial etwa aus medizinischen Geräten in einen herkömmlichen Sprengsatz gefüllt. Die Explosion setzt eine radioaktive Wolke frei, die im Extremfall ein ganzes Gebiet unbewohnbar machen kann. Selbst schwache Verstrahlungen könnten dazu führen, dass die Krebsgefahr über Jahre steigt. "Schmutzige Bomben" sind keine Atombomben. Sie haben nicht deren verheerende Sprengkraft, denn bei der Detonation kommt es zu keiner Kernspaltung oder Kernfusion. dpa

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