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Saarland geht beim Müll neue Wege

Saarland geht beim Müll neue Wege

Saarbrücken. Für die Hausmüllentsorgung bricht an der Saar zum Jahreswechsel 2010/11 eine neue Ära an. Ab dann wird die Müllgebühr nicht nach Tonnengröße oder Leerungsrhythmus, sondern nach der tatsächlich produzierten Abfallmenge des jeweiligen Haushalts berechnet. Den Vorgeschmack auf das neue Abfall-Zeitalter bekommen die Saarländer ab der nächsten Woche zu spüren

Saarbrücken. Für die Hausmüllentsorgung bricht an der Saar zum Jahreswechsel 2010/11 eine neue Ära an. Ab dann wird die Müllgebühr nicht nach Tonnengröße oder Leerungsrhythmus, sondern nach der tatsächlich produzierten Abfallmenge des jeweiligen Haushalts berechnet.

Den Vorgeschmack auf das neue Abfall-Zeitalter bekommen die Saarländer ab der nächsten Woche zu spüren. Denn dann beginnt der Entsorgungsverband Saar (EVS) mit der Aufstellung neuer Mülltonnen, die die Voraussetzung dafür bieten, dass der Müll überhaupt individuell erfasst werden kann. EVS-Chef Heribert Gisch sagte gestern vor Journalisten: "Für die neue Berechnung der Gebühren ist es wichtig, dass man die Leerungen und Abfallmengen erfassen können muss. Das ist mit den bisherigen Restmülltonnen nicht möglich."

Also werden jetzt im Saarland über einen Zeitraum von fast vier Monaten die Mülltonnen ausgetauscht - einschließlich der Biotonnen fast 360 000 Gefäße, die über eine Computer-Kennung und einen Transponder verfügen, mittels derer bei jeder Abfuhr die Tonne identifiziert sowie die Leerung beziehungsweise das Abfallgewicht registriert wird. Insgesamt kostet das Projekt den EVS rund elf Millionen Euro. Doch eine Alternative, etwa durch Nachrüstung der bisherigen Tonnen mit Transponder, wurde beim EVS nicht gesehen. "Das wäre noch teurer geworden", vermutet Gisch, insbesondere weil die meisten Restmüllbehälter, die schon länger als ein Jahrzehnt genutzt würden, über kurz oder lang ohnehin ausgetauscht werden müssten.

Mit diesem Schritt vollzieht der EVS nach, was andernorts schon lange Praxis ist. Denn im Saarland selbst haben drei Gemeinden vorgemacht, dass es durchaus möglich ist, Anreize zur Müllvermeidung zu setzen und gleichzeitig die Entsorgungskosten deutlich zu senken. Dabei handelt es sich um Lebach, St. Wendel und Eppelborn, die vor rund einem Jahrzehnt aus dem EVS ausgeschieden waren und die Abfallentsorgung in die eigene Hand genommen hatten. Ihr Erfolg: Mit Hilfe von Abfallberatung, Einrichtung von Wertstoffhöfen und der Verwiegung des Restmülls haben sie es geschafft, die Abfallmengen um mehr als die Hälfte der im EVS immer noch geltenden Größenordnungen zu reduzieren. Während die Restmüllmenge im Saarland pro Kopf und Jahr bei rund 240 Kilogramm stagniert, konnte der St. Wendeler Bürgermeister Klaus Bouillon vor Jahresfrist die frohe Botschaft verkünden, dass man inzwischen die Stadt Lebach, die in dieser Entwicklung stramm voranmarschierte, eingeholt habe: nur noch 111 Kilo Restmüll pro Einwohner und Jahr. Dazu Bouillons Erfolgsmeldung: "Seitdem die Stadt St. Wendel dem EVS im Jahr 2000 den Rücken gekehrt und ihr eigenes Entsorgungssystem auf der Basis der Müllverwiegung aufgebaut hat, haben sich die Müllmengen um die Hälfte verringert. Gleichzeitig haben die St. Wendeler Bürger bis 2009 sensationelle 4,5 Millionen Euro weniger Gebühren gezahlt."

Schuld an der bisherigen Rückständigkeit des EVS in Sachen Abfallvermeidung ist die große Verbrennungskapazität, die in den Müllöfen von Velsen und Neunkirchen aufgebaut wurde. Deshalb galt bis vor 15 Jahren die skeptische Einstellung des damaligen EVS-Chefs Peter Bähr: Was nutzt uns Müllvermeidung, wenn wir die Fixkosten für unsere Müllverbrennungsanlagen doch bezahlen müssen? Dann werde es, so meinte Bähr, für die Saarländer doch nicht billiger.

Inzwischen gilt eine andere Sichtweise: Wenn die Müllmengen noch weiter reduziert werden, können wir in absehbarer Zeit auf die Anlage in Neunkirchen verzichten. Und dann könnten die Kosten tatsächlich erheblich sinken. Müllvermeidung soll sich also auch im Saarland lohnen.