Rückhalt für den schwierigen Freund

Tiflis. Georgiens Staatspräsident Michail Saakaschwili liebt Open-Air-Auftritte. Mit Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte er diesmal mehr Glück als vor vier Wochen, als die Pressekonferenz mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier in Batumi im strömenden Regen endete. In Tiflis schien gestern bei ihrem Besuch die Sonne, es war über 30 Grad warm

 Zwei Stunden hat Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern in Tiflis mit dem georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili gesprochen, der sein Land im Kaukasus-Konflikt mit Russland in eine dramatische Situation manövriert hat. Foto: dpa

Zwei Stunden hat Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern in Tiflis mit dem georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili gesprochen, der sein Land im Kaukasus-Konflikt mit Russland in eine dramatische Situation manövriert hat. Foto: dpa

Tiflis. Georgiens Staatspräsident Michail Saakaschwili liebt Open-Air-Auftritte. Mit Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte er diesmal mehr Glück als vor vier Wochen, als die Pressekonferenz mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier in Batumi im strömenden Regen endete. In Tiflis schien gestern bei ihrem Besuch die Sonne, es war über 30 Grad warm. Doch das sommerliche Wetter konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Lage inzwischen dramatisch verändert hat.

Blutvergießen und ein verlorener Krieg liegen hinter Georgien, und das ist nicht spurlos an dem 40-jährigen Präsidenten vorübergegangen. Er hat an politischem Gewicht verloren. Und trotzdem blieb er in der Schuldzuweisung Richtung Moskau hart: Russland habe den Konflikt begonnen. "Georgien wird niemals auch nur einen Quadratmeter seines Staatsterritoriums abtreten", sagte er auf der Pressekonferenz mit Merkel.

Unmittelbar vor dem Besuch der Kanzlerin hatte er im "Spiegel" deutlich gemacht, dass er auf Abchasien und Südossetien nicht verzichten wird: "Wir kämpfen bis zum Ende, bis der letzte russische Soldat georgischen Boden verlassen hat. Wir kapitulieren nie."

Gemeinsam mit Merkel trat er im Innenhof der noch im Rohbau befindlichen Präsidentenresidenz in Tiflis vor die Presse. Die Kanzlerin kam Saakaschwili entgegen, so weit es eben ging. Die von Moskau so heftig kritisierte Nato-Mitgliedschaft Georgiens bleibe eine Option - wenn das Land es wolle. Und: Georgien bleibe ein souveräner Staat, Präsident Saakaschwili stehe - ob das Moskau nun gefalle oder nicht - als legitimer Präsident an dessen Spitze.

In deutschen Diplomatenkreisen hört das Kopfschütteln über den außer Kontrolle geratenen Konflikt nicht auf. Viele fragen sich, warum die Weltmacht Russland so unsouverän und ungebremst auf einen kleinen, schwächeren Nachbarn einschlagen konnte, der sich völlig überschätzte. Andererseits bleibt schleierhaft, was Saakaschwili in dem Glauben bewog, er könne es im Alleingang mit Russland aufnehmen. Aber es gab am gestrigen Sonntag auch positive Signale. Der russische Präsident Dmitri Medwedew kündigte in einem Telefonat mit Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy den Beginn des Truppenabzugs aus dem Konfliktgebiet für den heutigen Montag heute an. In der russischen Hauptstadt wurde dies als Hinweis verstanden, dass Moskau den Dialog mit der Europäischen Union und dem Westen insgesamt nicht abbrechen will. Saakaschwili gab sich unterdessen hart. Er werde keine russischen Friedenssoldaten akzeptieren, sie seien Teil des Konflikts gewesen. Russland hat den prowestlichen Staatschef nach dem Waffengang im Südkaukasus als "Aggressor" ausgemacht und zur "Persona non grata" erklärt. "Das ist völlig inakzeptabel", hatte Merkel schon zwei Tage zuvor beim Treffen mit Medwedew in Sotschi deutlich gemacht. Dabei ist Saakaschwili, der seinen Vorgänger Eduard Schewardnadse aus dem Amt drängte und seit 2004 Präsident ist, vermutlich auch in ihren Augen alles andere als ein "Vorzeigedemokrat".

Allerdings ging es Merkel weder in Sotschi noch in Tiflis darum, Ursachenforschung für den fünftägigen blutigen Krieg zu betreiben und schon gar nicht darum, Schuldige zu nennen. Dafür ist der Konflikt zu alt und zu kompliziert, die Atmosphäre zu vergiftet. Auch wenn Merkel sich nicht als Vermittlerin sieht, will sie mit der Pendeldiplomatie in der brandgefährlichen Region etwas erreichen: Es geht darum, die fragile Waffenruhe zu festigen und den politischen Dialog zu ermöglichen.

An den Verhandlungstisch müssen nach der Überzeugung der Bundesregierung und der EU nicht nur Russen und Georgier. Auch die hartleibigen Vertreter der von Georgien seit Anfang der 90er Jahre abtrünnigen Regionen Abchasiens und Südossetiens müssen einbezogen werden. "Wir müssen jetzt nach vorne schauen. Das ist das Allerwichtigste", sagt Merkel zum Abschied aus Georgien. "Georgien

wird niemals

auch nur einen Quadratmeter seines Staatsterritoriums abtreten."

Georgiens Staatspräsident Michail Saakaschwili

Hintergrund

Georgiens Präsident Michael Saakaschwili zeigte nach dem verlorenen Krieg gegen Russland Nerven: Eine Fernsehkamera fing Bilder ein, wie er auf seinem Schlips herumkaut. Die BBC verwendete den Sekundenausschnitt in einem Bericht. Auf dem Videoportal "Youtube" war der Schnipsel gestern in mehr als 30 Versionen mit tausenden Abrufen zu finden.

 Zwei Stunden hat Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern in Tiflis mit dem georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili gesprochen, der sein Land im Kaukasus-Konflikt mit Russland in eine dramatische Situation manövriert hat. Foto: dpa

Zwei Stunden hat Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern in Tiflis mit dem georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili gesprochen, der sein Land im Kaukasus-Konflikt mit Russland in eine dramatische Situation manövriert hat. Foto: dpa

Auch die russische Propaganda ließ sich den unbedachten Moment des Georgiers nicht entgehen. Der Sender ORT zeigte gestern den Film und ließ einen Psychiater zu Wort kommen: "Auf dem Bildschirm ist ein Mensch mit klaren Symptomen einer seelischen Störung zu sehen, der sein Verhalten nicht kontrollieren kann und äußerst verschreckt ist." dpa

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