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Rot-grüner Freudentaumel in NRW

Rot-grüner Freudentaumel in NRW

Düsseldorf. Allein, fast schüchtern sitzt sie im nachtblauen Kostüm mit verschränkten Händen in der Regierungsbank und lächelt. Neuneinhalb Wochen nach der Landtagswahl darf Hannelore Kraft am Mittwoch im Landtag endlich im Chefsessel Platz nehmen. Wie im Film scheint sie den Applaus der Fraktionen um sich herum wahrzunehmen

Düsseldorf. Allein, fast schüchtern sitzt sie im nachtblauen Kostüm mit verschränkten Händen in der Regierungsbank und lächelt. Neuneinhalb Wochen nach der Landtagswahl darf Hannelore Kraft am Mittwoch im Landtag endlich im Chefsessel Platz nehmen. Wie im Film scheint sie den Applaus der Fraktionen um sich herum wahrzunehmen. Die Vorsitzende der NRW-SPD ist soeben zur ersten Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens gewählt worden. "Ja, ich bin stolz - ob das anders wäre, wenn ich ein Mann wäre, weiß ich nicht."

90 SPD- und Grünen-Abgeordnete bringen der 49-Jährigen nacheinander langstielige rote Rosen nach vorne. Die Prozession wirkt fast wie eine Huldigung für den neuen Star der so lange gebeutelten SPD. Krafts Ehemann Udo filmt alles von der Zuschauertribüne aus. Ihre Mutter Anni und ihr 17-jähriger Sohn Jan klatschen ebenso begeistert Beifall wie der frühere Ministerpräsident Peer Steinbrück und Ex-SPD-Chef Franz Müntefering neben ihnen. Verhalten beobachtet dagegen der scheidende Jürgen Rüttgers (CDU) das Spektakel um seine Nachfolgerin.

Ein uneingeschränkter Freudentag ist dieser Mittwoch für Franz Müntefering. "Ich freue mich riesig, dass wir nach so kurzer Zeit wieder in diesem Amt sind", kommentiert der gebürtige Sauerländer den Machtwechsel in seinem Heimatland, wo er selbst jahrelang Arbeitsminister und SPD-Chef war. Dass aus der Linken keine Stimme für Kraft gekommen zu sein scheint, stimmt den SPD-Strategen keinesfalls unglücklich. "Die Kluft zur Linken ist absolut deutlich geworden bei der Abstimmung. Sie haben nicht geholfen", betont er. In Zukunft dürfe sich aber auch die Opposition nicht ihren Pflichten für das Wohl des Landes entziehen. "Das ist ein neues Modell von Politik, das wir so noch nicht gekannt haben."

Der Durchmarsch von Hannelore Kraft nach nur fünf Jahren schwarz-gelber Regierung ist für ihren Ex-Kabinettschef Peer Steinbrück überraschend. "Ich hätte das nicht für möglich gehalten nach der Bundestagswahl im September", räumt er ein. Jetzt gebe es eine große Chance: "Ich traue Frau Kraft mit ihren kommunikativen Fähigkeiten zu, eine Brücke zu bauen zwischen Regierung und Parlament."

An "Kaffeesatzleserei" über die Belastbarkeit einer Minderheitsregierung will Steinbrück sich nicht beteiligen. "Die Nagelprobe wird spätestens Ende des Jahres kommen, wenn es um den Haushalt für das kommende Jahr geht", prognostiziert der ehemalige Bundesfinanzminister. "Das ist das große Lesebuch der Landespolitik." Er sehe durchaus auch außerhalb des linken Spektrums Chancen für Mehrheiten. "Die FDP wird das geringste Interesse an vorgezogenen Neuwahlen haben", sagt er mit Blick auf schlechte Umfrage-Ergebnisse der FDP.

Grünen-Fraktionschefin Sylvia Löhrmann, Krafts designierte Stellvertreterin, appelliert erneut an alle Fraktionen, "sich nicht in den Schmollwinkel zurückzuziehen". Die Grenze zur Linken unterstreicht sie dennoch. "Hannelore Kraft ist nicht mit den Stimmen der Linken zur Ministerpräsidentin gewählt worden." SPD und Grüne hätten bei der Wahl "eine Punktlandung hingelegt".

Aus einem völlig anderen Blickwinkel erlebt Rüttgers den Tag: Kraft auf "seinem" Stuhl - er in der Oppositionsbank, der Jubel für die neue Frau im Amt und das ausschließlich auf Kraft gerichtete Interesse. Sein Tag endet mit dem Rückzug ins Private: Mit rund 30 Gästen feiert der CDU-Politiker zu Hause den 55. Geburtstag seiner Frau Angelika. "Ja, ich bin stolz -

ob das anders

wäre, wenn ich

ein Mann wäre,

weiß ich nicht."

Hannelore Kraft,

neue Ministerpräsidentin

in Nordrhein-Westfalen

"Ich hätte das

nicht für möglich gehalten nach

der Bundestagswahl

im September."

Peer Steinbrück (SPD),

Ex-Bundesfinanzminister

Hintergrund

 Ein Kuss für Nordrhein-Westfalens neue Frau an der Spitze: Hannelore Kraft und ihr Ehemann Udo.
Ein Kuss für Nordrhein-Westfalens neue Frau an der Spitze: Hannelore Kraft und ihr Ehemann Udo.
 Udo Kraft filmt stolz die Wahl seiner Frau zur Ministerpräsidentin. Hannelore Krafts Mutter Anni und Sohn Jan winken.
Udo Kraft filmt stolz die Wahl seiner Frau zur Ministerpräsidentin. Hannelore Krafts Mutter Anni und Sohn Jan winken.
 Hannelore Kraft signalisiert ihrer Familie, die Wahl im Bild festzuhalten.
Hannelore Kraft signalisiert ihrer Familie, die Wahl im Bild festzuhalten.
 Ein Strauß Sommerblumen und eine herzliche Umarmung: Koalitionspartnerin Sylvia Löhrmann (rechts) gratuliert der neuen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Die SPD-Chefin ist in Nordrhein-Westfalen die erst Frau in diesem Amt. Fotos: dpa
Ein Strauß Sommerblumen und eine herzliche Umarmung: Koalitionspartnerin Sylvia Löhrmann (rechts) gratuliert der neuen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Die SPD-Chefin ist in Nordrhein-Westfalen die erst Frau in diesem Amt. Fotos: dpa
 Ein Kuss für Nordrhein-Westfalens neue Frau an der Spitze: Hannelore Kraft und ihr Ehemann Udo.
Ein Kuss für Nordrhein-Westfalens neue Frau an der Spitze: Hannelore Kraft und ihr Ehemann Udo.
 Udo Kraft filmt stolz die Wahl seiner Frau zur Ministerpräsidentin. Hannelore Krafts Mutter Anni und Sohn Jan winken.
Udo Kraft filmt stolz die Wahl seiner Frau zur Ministerpräsidentin. Hannelore Krafts Mutter Anni und Sohn Jan winken.
 Hannelore Kraft signalisiert ihrer Familie, die Wahl im Bild festzuhalten.
Hannelore Kraft signalisiert ihrer Familie, die Wahl im Bild festzuhalten.

Frauen in politischen Spitzenämtern sind noch immer rar: Eine Staatspräsidentin oder Regierungschefin haben derzeit nur 17 von weltweit mehr als 190 souveränen Ländern. Eine Auswahl: Irland: Staatspräsidentin Mary McAleese; Finnland: Staatspräsidentin Tarja Halonen, Ministerpräsidentin Mari Kiviniemi; Schweiz: Bundespräsidentin Doris Leuthard; Island: Ministerpräsidentin Jóhanna Sigurdardóttir; Kroatien: Ministerpräsidentin Jadranka Kosor; Slowakei: Ministerpräsidentin Iveta Radicova; Liberia: Staatspräsidentin Ellen Johnson-Sirleaf; Indien: Staatspräsidentin Pratibha Patil; Bangladesch: Ministerpräsidentin Sheikh Hasina; Argentinien: Staatspräsidentin Cristina Fernández de Kirchner, Australien: Premierministerin Julia Gillard. dpa