Rollentausch in Russland

Moskau/Murmansk. Während Wladimir Putin in Moskau zum Rednerpult tritt, richtet sich Larissa Gufanowa ihre weiße Bluse. Sie zupft kurz an den Ohrringen, schiebt ihren Stuhl näher. Hier in Murmansk, dieser russischen Hafenstadt jenseits des Polarkreises, gibt sie ein Klavier-Konzert in ihrem Gymnasium

Moskau/Murmansk. Während Wladimir Putin in Moskau zum Rednerpult tritt, richtet sich Larissa Gufanowa ihre weiße Bluse. Sie zupft kurz an den Ohrringen, schiebt ihren Stuhl näher. Hier in Murmansk, dieser russischen Hafenstadt jenseits des Polarkreises, gibt sie ein Klavier-Konzert in ihrem Gymnasium. Sie weiß nicht, dass fast 2000 Kilometer weiter südlich 11 000 Mitglieder der Kreml-Partei "Einiges Russland" zeitgleich eine ganz große Show aufführen. Eine Show, die Russlands traurige Realität ist: der Rollentausch von Präsident und Premier. Überraschend kommt er - und liefert eine politische Bankrotterklärung eines ganzen Landes.Larissa stockt. Sie verspielt sich, schaut peinlich berührt zu Boden. Die 14-Jährige holt ihr Notenblatt hervor. In Murmansk sitzen ein paar Schüler vor ihr, einige Lehrer. In Moskau läuft das Schauspiel perfekt. Tausende Delegierte beklatschen den "nationalen Führer", wie sie Putin nennen. Sie sollen über die Zukunft Russlands debattieren, über Larissas Zukunft also. Darüber, was sie ihrer Jugend bieten, gerade in der Provinz, was sie tun gegen die Landflucht. "Was soll man hier in Murmansk?", sagen Larissas Klassenkameraden. Deswegen lernten sie Englisch, quälten sich mit deutscher Grammatik. Die EU biete Chancen. Nur weg aus der dunklen Gegend. Doch die Debatten in Moskau sind anderer Natur.

"In den vergangenen Jahren hat sich bei uns die Praxis herausgebildet, wonach den Spitzenplatz der Wahlliste von Einiges Russland der Präsident einnimmt." Putin redet in der altbekannten Kommandeursmanier. "Ich schlage vor, dass den Listenplatz Nummer eins unserer Partei zur Dumawahl am 4. Dezember das amtierende Staatsoberhaupt der Russischen Föderation einnehmen sollte: Dmitri Anatoljewitsch Medwedew." Entschieden ist damit noch nichts. Und doch steht alles fest. Putin kehrt zurück auf den Präsidentenstuhl. Der 58-Jährige, der bereits von 2000 bis 2008 Präsident war, wird bei den Wahlen im März wieder kandidieren - und klar gewinnen. Denn den Sieger hat in der Geschichte des Landes stets der Kreml bestimmt.

Medwedew, der 46-jährige Noch-Präsident, atmet danach kurz durch und sagt fast erleichtert: "Es ist ein unbedingt verantwortungsvoller Vorschlag, ich nehme ihn an." Einige Delegierte schauen ungläubig umher, kaum jemand hat mit der Entscheidung zu diesem Zeitpunkt gerechnet. Sekunden später - Applaus, immer lauter, stehende Ovationen. 582 Delegierte bestätigen Medwedews Spitzenkandidatur, nur ein einziger Stimmzettel vermeldet ein "Nein". Die Partei feiert sich selbst, feiert die öffentliche Demütigung Medwedews. Der Präsident spielt den Statisten in einem perfekt inszenierten Spiel.

"Wir waren uns bereits seit langem einig", sagt Putin. Einig darüber, dass sein politischer Ziehsohn nur der Platzhalter für ihn, den neuen Zaren, ist? Darüber, dass die Entscheidungen in Russland zur Hinterzimmer-Politik verkommen? Und wie soll einer an der Spitze einer Partei agieren, die er vor kurzem noch als zu bürokratisch bezeichnete und zur Einhaltung demokratischer Werte aufrief? Medwedew nimmt dazu keine Stellung.

Sechs Jahre wird Putin regieren können, nicht wie bisher vier. Eine Verfassungsänderung macht das möglich. Erlaubt sind zwei Amtszeiten. Bis 2024 könnte der Ex-KGB-Agent im Amt bleiben. Putin wäre dann 71 Jahre alt. Die Zustände erinnern an die Sowjetunion, an die stagnierenden Breschnew-Zeiten. In Murmansk ist der Stillstand längst angekommen.

Meinung

Trauerspiel

mit Marionette

Von SZ-MitarbeiterinInna Hartwich

Russland führt ein Trauerspiel auf. Medwedew bittet geradezu unterwürfig seinen politischen Ziehvater Putin, als Präsident zu kandidieren. Der Noch-Präsident macht Platz für den Ex-Präsidenten. Die Erklärung, er sei für eine "praktische Tätigkeit in der Regierung" bereit, ist Medwedews politische Kapitulation. Der 46-Jährige zeigt, wie schwach er immer war, gesteht allen, dass er doch stets nur die Marionette Putins spielte.

Sicher, Putins Rückhalt in der Bevölkerung ist stark. Er, der sich gern als zupackender Mann gibt, war es, der nach der wirtschaftlich verheerenden Jelzin-Ära für Stabilität sorgte. Nun will er wieder durchgreifen. Die Wirtschaft soll um sieben Prozent im Jahr wachsen, Russland zu den fünf größten Volkswirtschaften der Welt aufsteigen. Prompt erklären die Delegierten die Rede des Regierungschefs zum offiziellen Wahlprogramm. Eine Herangehensweise, die zu Zeiten Stalins gepflegt wurde.

Von Medwedew erhoffte sich Russlands liberales Lager mehr Stehvermögen. Es wurde enttäuscht - und wird nun nur noch zynischer. Wer will denn bitte noch zur Wahl gehen? Entschieden ist ohnehin alles.

Hintergrund

Wladimir Putin ist ein Mann klarer Worte. Auf internationalem Parkett erntet er dafür bisweilen Befremden:

"Schießen können sie, aber keine Ordnung schaffen." (2007 zur US-Militärpolitik im Irak);

"Ich werde Saakaschwili an den Eiern aufhängen." (2008 auf die Frage nach Russlands Plänen im Krieg gegen Georgien);

"Wo man nicht zusammenkommen kann, bekommt man den Knüppel auf die Rübe." (2010 zum gewaltsamen Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten);

"Der Dieb muss im Gefängnis sitzen." (2010 zu einer neuen Verurteilung seines Kritikers Michail Chodorkowski). dpa