Rasterfahndung nach behinderten Menschen?Genetische Diagnosen in der Schwangerschaft

Berlin. "Wir sind doch verdammt noch mal alle Menschen", schimpft Sebastian Urbanski. Es klingt auch ein bisschen verzweifelt. Der 34-jährige Berliner ist Theater-Schauspieler und hat Trisomie 21, auch Down-Syndrom genannt

Berlin. "Wir sind doch verdammt noch mal alle Menschen", schimpft Sebastian Urbanski. Es klingt auch ein bisschen verzweifelt. Der 34-jährige Berliner ist Theater-Schauspieler und hat Trisomie 21, auch Down-Syndrom genannt. Wird dieser Befund bei einer vorgeburtlichen Untersuchung festgestellt, reduziert sich die Lebenschance für Menschen wie Urbanski von vornherein auf ein Minimum. Nur in etwa zehn von hundert Fällen tragen die Frauen das behinderte Kind dann auch aus. In diesen Tagen nun kommt ein neuer medizinischer Test auf den Markt, der diese Abtreibungsquote nach Einschätzung von Politikern und Behindertenorganisationen noch erhöhen könnte. Schon deshalb, so Urbanski, sollte der Test verboten werden.Der Hersteller, das Konstanzer Unternehmen "LifeCodexx", argumentiert naturgemäß anders: Mit dem Test könne sogar Leben gerettet werden, weil er eine potenziell risikoreiche Fruchtwasseruntersuchung in vielen Fällen überflüssig mache. Genauso sieht es auch Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery: Es sei besser, ihn "anzuwenden, als eine mit Risiken behaftete Fruchtwasseruntersuchung vorzunehmen". Für den Test reicht schon eine Blutprobe der Schwangeren aus. Zur Bestätigung eines Down-Syndroms wäre aber trotzdem eine Fruchtwasseruntersuchung notwendig.

Was in Fachkreisen als medizinischer Fortschritt gefeiert wird, diskriminiert auch nach Ansicht des Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Hubert Hüppe, Personen mit geistigem Handicap. Der CDU-Politiker spricht gar von einer "Rasterfahndung nach Menschen mit Down-Syndrom". So werde der Druck auf Frauen steigen, "den angeblich risikoärmeren Test durchführen zu lassen und bereits bei auffälligem Befund abzutreiben".

Für Hüppes Mutmaßung spricht zumindest die Tatsache, dass Frauen tendenziell immer später gebären und sich dadurch auch die Wahrscheinlichkeit einer Behinderung des Kindes erhöht. Im Gegensatz zur Fruchtwasseruntersuchung, die die gesetzlichen Krankenkassen bei Verdachtsmomenten im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge oder bei einer Risikoschwangerschaft bezahlen, müssen die Kosten für den neuen Bluttest - rund 1250 Euro - jedoch privat getragen werden. Ob daraus noch eine Kassenleistung werden kann, entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das Selbstverwaltungsgremium von Ärzten, Kliniken und Kassen. Dafür müsste eine der beteiligten Seiten einen Antrag stellen, der aber bislang nicht vorliegt.

Glaubt man einem von Hüppe in Auftrag gegebenen Gutachten, hätte der sich ohnehin erledigt. Der Rechtswissenschaftler Klaus Ferdinand Gärditz kommt nämlich zu dem Schluss, dass der Test sowohl gegen das Grundgesetz als auch gegen das Gendiagnostikgesetz verstößt. Es handele sich um ein nicht verkehrsfähiges Medizinprodukt, "da es die Sicherheit und Gesundheit des Ungeborenen gefährdet". Allerdings räumt Gärditz eine "Klagheitslücke" ein. Soll heißen: Eine Mutter, die den Test wünscht, hat kein Interesse, juristisch dagegen vorzugehen. Und ein Embryo kann nicht klagen. Also kommt es für Hüppe auf die zuständigen Landesbehörden an. Sie müssten gegen den Test "einschreiten", er sei "illegal".

Sebastian Urbanski hat er damit aus dem Herzen gesprochen. "Wir lernen vielleicht langsamer, aber man kann uns helfen." Auch er habe Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt. Urbanski ist übrigens auch Hauptdarsteller in dem neuen Film "So wie du bist", einem Drama über zwei Menschen mit Down-Syndrom, die trotz aller rechtlichen Widrigkeiten heiraten wollen.Berlin. In Deutschland gibt es heftige Debatten um Gentests vor der Geburt. Derzeit regelt das Gendiagnostikgesetz deren Möglichkeiten und Grenzen. "Im Prinzip verbietet das Gesetz, Föten auf erbliche Krankheiten zu untersuchen, die nach dem allgemein anerkannten Stand der Wissenschaft erst nach Vollendung des 18. Lebensjahres ausbrechen", sagte Peter Propping, langjähriger Direktor des Instituts für Humangenetik der Universität Bonn. "Das Gesetz ist allerdings unpräzise formuliert, denn Krankheiten brechen nicht nach dem Stand der Wissenschaft aus."

Mit den derzeit in Deutschland praktizierten Tests können neben dem Geschlecht des Kindes bisher vor allem Störungen der Chromosomen-Aufteilung gefunden werden, wie die Trisomien 21, 18 und 13 (Down-Syndrom, Edwards-Syndrom und Pätau-Syndromm) oder das Turner-Syndrom. Nach Schätzung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe werden jährlich etwa 30 000 derartige Untersuchungen vorgenommen. Diese Zahl entspricht etwa fünf Prozent aller Geburten in Deutschland.

Methoden zur genetischen Diagnostik sind bislang die Fruchtwasseruntersuchung und die Chorionzottenbiopsie: Bei beiden Verfahren punktieren Ärzte in der Regel die Bauchdecke der Schwangeren, um an Fruchtwasserproben oder das Plazentagewebe zu gelangen. Das Risiko einer Fehlgeburt erhöht sich dadurch allerdings um etwa ein Prozent. Für mehr als 1000 durch ein einzelnes Gen verursachte Erkrankungen ist gegenwärtig ein Test möglich. Er kann jedoch nur die infrage kommenden Mutationen ausschließen oder nachweisen: Er setzt also die Kenntnis der Mutation bei einem Elternteil voraus. dpa

"Wir sind doch verdammt noch mal alle Menschen."

Sebastian Urbanski, Schauspieler mit Down-Synrdom

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort