Ramsauer will Fußgängern und Autofahrern den Ohrstöpsel ziehen

Berlin. Sind die Knöpfe im Ohr mit schuld daran, dass die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland wieder steigt? Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) glaubt das und ist alarmiert. Der Minister sagt daher der Nutzung von Kopfhörern im Straßenverkehr den Kampf an

 Gute Erfindung, schwierig im Straßenverkehr: Minister Ramsauer mit Kopfhörern. Foto: dpa/Farag

Gute Erfindung, schwierig im Straßenverkehr: Minister Ramsauer mit Kopfhörern. Foto: dpa/Farag

Berlin. Sind die Knöpfe im Ohr mit schuld daran, dass die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland wieder steigt? Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) glaubt das und ist alarmiert. Der Minister sagt daher der Nutzung von Kopfhörern im Straßenverkehr den Kampf an.Nach einer Prognose des Statistischen Bundesamtes sind 2011 erstmal seit 20 Jahren wieder deutlich mehr Menschen auf den Straßen gestorben. Darunter immer mehr Fußgänger - ein Plus von 25 Prozent haben die Statistiker bei dieser Gruppe festgestellt. Viele Passanten seien zunehmend geistesabwesend unterwegs, beklagt Ramsauer gegenüber unserer Zeitung. Zu viele Menschen würden sich per MP3-Player ablenken lassen. Die "notwendige Rücksicht und Aufmerksamkeit" bleibe dabei auf der Strecke. "Mit lauter Musik oder dem Handy in den Ohren schlafwandeln sie über Straßen und Bahnsteige. Sie hören herannahende Autos, Radler, Bahnen nicht kommen. Das ist ein sehr gefährlicher Trend", findet der Minister. Gelten müsse aber: "Umsicht, Rücksicht - und das heißt: Augen und Ohren auf!"

Das Bundesamt hatte kürzlich vorhergesagt, dass es 2011 voraussichtlich 3900 Verkehrstote gegeben hat, sieben Prozent mehr als noch 2010. Besonders erschreckend: Auch die Opferzahl in der Altersgruppe der 15- bis 17-Jährigen soll rapide angestiegen sein. Bei der Facebook-Generation sind die Stöpsel im Ohr besonders beliebt. Dass iPod oder MP3-Player zur Todesfalle werden können, belegt auch eine Studie des Allianz-Zentrums für Technik. Demnach ist Ablenkung am Steuer die Hauptursache von jedem zehnten Autounfall. 40 Prozent der Autofahrer telefonierten ohne Freisprechanlage, ein Fünftel schreibe SMS. In etwa einem Drittel aller Unfälle spiele Unaufmerksamkeit allgemein eine Rolle. Telefonieren, SMS schreiben oder Musikhören sei zudem für 18- bis 24-jährige Fahrer eher Regel als Ausnahme. Laut Ramsauer sind solche Daten "erschreckend". Unaufmerksamkeit sei ein hohes Unfallrisiko. Und auch der ADAC riet gestern den Verkehrsteilnehmern, sich nicht durch starke Geräusche per Kopfhörer abzuschotten.

Noch will es Ramsauer bei einem Appell an die Vernunft belassen. Vor einer gesetzlichen Regelung wie einem Kopfhörer-Verbot für Fußgänger schreckt er zurück. Zunächst müsse weiter versucht werden, zu einem insgesamt aufmerksameren Verhalten im Straßenverkehr zu kommen, heißt es im Ministerium. Gleichwohl gilt: Wer mit Ohrhörern zu Fuß unterwegs ist und dadurch einen anderen schädigt oder gefährdet, muss mit einer Geldbuße rechnen, wenn er erwischt wird. Dagegen ist es Autofahrern und Radfahrern bereits verboten, Kopfhörer zu tragen. Wer dagegen verstößt, dem droht eine Geldbuße von bis zu 35 Euro.

Meinung

Ein Verbot hilft nicht

Von SZ-KorrespondentHagen Strauß

Peter Ramsauer hat dazugelernt. Seit der Minister eher aus einer Laune heraus mit der Helmpflicht für Radfahrer drohte, weiß der CSU-Mann: Die Verkehrsteilnehmer in Deutschland reagieren allergisch, wenn man ihnen mit immer neuen Verboten oder Geboten daherkommt. Insofern verzichtet er in Sachen Kopfhörer wohlweislich auf eine neue Verbotsandrohung, insbesondere für Fußgänger. Auch wenn die Zahlen des Statistischen Bundesamtes durchaus den Rückschluss zulassen, dass das Gedudel im Ohr mitverantwortlich für die wachsende Zahl der Verkehrsopfer ist, ein Verbot würde daran wohl kaum etwas ändern. Ramsauers Appell an mehr Aufmerksamkeit ist daher der richtigere Weg. Deshalb gilt: Öfter mal den Stöpsel rausziehen, wenn man auf der Straße unterwegs ist. Das schützt einen selbst und andere.