1. Nachrichten
  2. Politik
  3. Topthemen

Putin erklärt wieder seine Welt

Putin erklärt wieder seine Welt

Einmal im Jahr balgen sich Hunderte Journalisten um Fragen an Russlands Präsident Putin. Wer kommt an die Reihe? Kleiner Tipp: Ein witziges Plakat hilft.

Einmal im Jahr nimmt Russlands Präsident Wladimir Putin ein langes Bad in der journalistischen Menge. Bei der Jahrespressekonferenz in Moskau wollen am Freitag erneut etwa 1400 Journalisten alles mögliche wissen, der Kremlchef antwortet geduldig knapp vier Stunden lang. Zum Vergleich: Das ist länger als ein Konzert des ausdauernden US-Rockstars Bruce Springsteen . Aber immer noch kürzer als Parteitagsreden des unlängst verstorbenen Revolutionsführer Fidel Castro in Kuba.

Sensationelle Ankündigungen hat Putin 2016 nicht im Gepäck. Das liegt daran, dass Russland gespannt auf zwei Dinge wartet. Erstens: Wie wird es ab Januar mit dem neuen US-Präsidenten Donald Trump werden? Putin lobt den Republikaner und setzt auf gute Zusammenarbeit.

Aber er lässt auf schillernde Weise offen, wie weit Moskau sich in die Wahl jenseits des Atlantiks eingemischt hat. "Niemand hat an seinen Sieg geglaubt außer uns hier", sagt Putin. Und wer immer die Computer der US-Demokraten gehackt habe, der habe doch einige sehr peinliche Details zutage gefördert. Es ging um den Kampf zwischen der Kandidatin Hillary Clinton und ihrem Mitbewerber Bernie Sanders. Der US-Geheimdienst CIA wirft Russland vor, die geklauten E-Mails der Enthüllungsplattform Wikileaks zugespielt zu haben.

Zweitens wartet Russland auf die Präsidentenwahl 2018. Die Bürger erfahren am Freitag nur, dass Putin am Termin festhält. Eine vorgezogene Wahl, über die russische Medien immer wieder spekulieren, wird es nicht geben. Verständlich: Wenn es mit dem russlandfreundlichen Trump eine Art Flitterwochen im bilateralen Verhältnis geben sollte, dann möchte Putin möglichst lange etwas davon haben.

Ob er selbst wieder antritt, werde er sagen, "wenn die Zeit reif ist". So weit war es am Freitag wohl nicht. Am lautesten hat bislang der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny seine Kandidatur erklärt. Experten sagen, der Kreml habe noch nicht entschieden, wie die Wahl ablaufen soll - mit oder ohne ernsthafte Gegenkandidaten.

Das Hauptproblem der Journalisten bei Putins Pressekonferenz ist jedoch: Wie komme ich überhaupt dazu, eine Frage zu stellen? Es hilft, zum Kremlpool der ständigen Präsidentenbegleiter zu gehören. Dann kennt einen Putins Sprecher Dmitri Peskow. Ansonsten versuchen die Journalisten , sich mit Plakaten interessant zu machen. Städtenamen stehen darauf oder Themen oder etwas rätselhaft "Optimisten aus Wologda".

Die Pressekonferenz ist nicht ganz so durchinszeniert wie Putins anderer jährlicher Fernseh-Event, seine Bürgersprechstunde. Da kann es schon passieren, dass zu Anfang ein Bürger die schlechten Straßen seiner Provinzstadt bemängelt, und zum Ende der Sendung liegt der neue Asphalt.

Die Presseauftritte beginnen meist mit einer Frage zur Wirtschaft. Da kann Putin alle Zahlen loswerden: Wirtschaftswachstum (2016 ein Minus von 0,5 Prozent), Inflation, Ölpreis, Kapitalflucht, Einkommen. "In den letzten Monaten ist ein bescheidener Zuwachs der Realeinkommen zu beobachten. Das macht zuversichtlich für die Zukunft."

Meinung:

Popanz Putin

Von SZ-Mitarbeiter Klaus-Helge Donath

Was ist das doch für eine irreführende Welt. Hysterie und Verunsicherung herrschen allerorten. Aufregung bis zur Selbstverleugnung geißelt den Westen. Die EU droht zu zerspringen. Es wird geredet, diskutiert, doch Zweifel überwiegen. All das kann Russland nichts anhaben. Stoisch feiert sich Putin als einflussreichster Mann der Welt, wozu ihn der Westen erst kürte. Sein Reich - ein Wirtschaftszwerg - wäre ohne den Westen nicht einmal das. Dennoch geriert sich der Kremlchef, als hätte er eine frohe Botschaft für uns. Zweimal im letzten Jahrhundert brach die russische Welt zusammen. Die Christen schickten sie in Lager, doch heute schwingt man sich auf zum letzten Hort des Christentums. Eine Hybris, frei von Selbstzweifeln. Wiedermal macht Moskau der Welt ein X für ein U vor. Es ist unser Zaudern, das den Popanz aufbläht.