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"Präsident der Reichen" braucht Hilfe des Volkes

"Präsident der Reichen" braucht Hilfe des Volkes

Als der Präsidentschafts-Kandidat endlich die Bühne betritt, geht eine Welle der Begeisterung durch die wartende Menschenmenge. "Ni-co-las, Ni-co-las", skandieren Zehntausende, blau-weiß-rote Fahnen schwenkend. "Helft mir", appelliert er an seine Anhänger. Nur er garantiere dem Land die ihm gebührende Stärke

Als der Präsidentschafts-Kandidat endlich die Bühne betritt, geht eine Welle der Begeisterung durch die wartende Menschenmenge. "Ni-co-las, Ni-co-las", skandieren Zehntausende, blau-weiß-rote Fahnen schwenkend. "Helft mir", appelliert er an seine Anhänger. Nur er garantiere dem Land die ihm gebührende Stärke. An Dramatik fehlt es nicht bei diesem Hilferuf, der Schutz-Versprechen zugleich ist.Die Kämpfernatur auf der Tribüne will um jeden Preis eine Dynamik schaffen wie vor fünf Jahren, als sie den Bruch mit den lähmenden Chirac-Jahren versprach und mit dem Wahlsieg belohnt wurde. Auch heute beschwört Nicolas Sarkozy frischen Elan, ein "neues französisches Modell", wieder so etwas wie einen Bruch - den mit sich selbst und seinen Fehlern.

Es gibt sie noch, die an ihn glauben, einen Mann, der nicht wie üblich in seinem Metier von den elitären Hochschulen kam, sondern sich hochgekämpft hat. Aber sie sind in der Minderheit: Alle Umfragen sagen Sarkozys sozialistischem Herausforderer François Hollande einen Wahlsieg voraus. Zu dessen stärksten Argumenten gehört der "Anti-Sarkozysmus", der sich etabliert hat aufgrund der Persönlichkeit des Präsidenten, die aneckt und polarisiert, und seiner Bilanz, die enttäuscht. "Mehr arbeiten, um mehr zu verdienen", versprach er 2007; fünf Jahre später können sich die, die noch eine Arbeit haben, immer weniger leisten.

Den ersten Fauxpas beging er mit der Feier am Wahlabend mit Kompagnons aus Politik und Wirtschaft, deren Treue er mit diversen Posten belohnen sollte. Es folgte der Gratis-Törn auf der Yacht des Industriellen Vincent Bolloré. Sarkozys unversteckte Faszination für Geld und Statussymbole verschreckte gerade die ländliche, konservativ-bürgerliche Parteibasis; in den Augen seiner Kritiker übersetzte der "Präsident der Reichen" sie politisch mit Steuererleichterungen für Großunternehmen und Gutverdiener. Symbolhaft dafür steht eine Steuer-Obergrenze, die der Milliardärin und L'Oréal-Erbin Liliane Bettencourt eine Rückzahlung von 30 Millionen Euro einbrachte. Sie steht im Verdacht, seinen Wahlkampf illegal gesponsert zu haben; nur einer der Skandale um Geld- und Machtmissbrauch im Dunstkreis des Mannes, der sich jetzt als "Kandidat des Volks" präsentiert.

Doch die gemütliche Volksnähe eines Jacques Chirac lag dem impulsiven, teilweise rüpelhaften Sarkozy nie. Viele empfanden es als Entwürdigung des Amtes, wie er sich öffentlich entblößte: die Fotos beim schweißtreibenden Jogging oder die Zurschaustellung seiner Ehekrise mit Cécilia und dem Liebesglück mit dem Ex-Topmodel Carla Bruni - das war zu viel des Bruchs.

Geschickter Taktiker, holte er in die erste Regierung nicht nur Schwergewichte der Linken, sondern auch glamouröse junge Frauen mit Migrationshintergrund wie Rachida Dati und Rama Yade. Doch die "Politik der Öffnung" entpuppte sich als Phase, die ihr jähes Ende nahm - typisch für sprunghafte Entscheidungen à la Sarkozy. Zunächst Verfechter einer stimulierenden Ausgabenpolitik etwa mit einer "großen Staatsanleihe" von 35 Milliarden Euro, präsentierte er sich unter dem wachsenden Druck der Euro-Krise plötzlich als Verfechter strikter Haushaltsdisziplin. Hatte er den libyschen Machthaber Gaddafi 2007 noch pompös in Paris empfangen, setzte er sich 2011 an die Spitze des Nato-Angriffes gegen ihn - wohl auch um die lange Unterstützung für den gestürzten Tunesier Ben Ali zu übertünchen. Auch der Schulterschluss mit Bundeskanzlerin Angela Merkel entstand erst nach missglückten Annäherungsversuchen an die USA und Großbritannien. Und der Nachfahre von griechischen und ungarischen Migranten und selbst ernannte "überzeugte Europäer" wetterte gegen Einwanderung und die Reisefreizügigkeit in Europa, um der Rechtspopulistin Marine Le Pen das Feld der Euro-Skepsis nicht allein zu überlassen.

Trotz seiner ohnehin enormen Machtfülle degradierte Sarkozy den Premier und die anderen Minister zu Erfüllungsgehilfen. Dafür kassierte er aber auch allein die Verantwortung etwa für die schlechte Wirtschaftslage ein, die Hauptsorge der Franzosen. Was ihm gelang, droht daneben unterzugehen. Dazu gehört sein Handeln als EU-Ratspräsident 2008 in der Russland-Georgien-Krise und antreibendes Element des "Merkozy"-Paares; sein Wille, alte Verkrustungen aufzubrechen und Reformen anzugehen. Er setzte einen Grund-Service der öffentlichen Transportmittel auch im Streik durch, Reformen bei Justiz, Hochschule und vor allem der Rente, trotz monatelanger Proteste. Fünf weitere Jahre Sarkozy würden Frankreich viel abverlangen - und ihm selbst auch. Doch dazu scheint er bereit, der "Mann, der nie aufgibt", wie das Magazin "Le Point" titelte. Ob es die Franzosen auch sind? "Nicolas Sarkozy

ist die Welle,

die jeden Tag

viele neue Ideen

auf den Tisch bringt."

Außenminister Alain Juppé