Pleiten, Pech und Pannen in der Hochsicherheitsfestung Washington

Pleiten, Pech und Pannen in der Hochsicherheitsfestung Washington

Washington. Ein Wachmann hielt ein Nickerchen, in seiner Mittagsruhe durch nichts zu erschüttern. Ein anderer hätte konzentriert den Bildschirm studieren müssen, als eine Aktentasche mit brisantem Inhalt durch seine Sicherheitsschleuse glitt, durch ein Gerät, wie man es von Flughäfen kennt

Washington. Ein Wachmann hielt ein Nickerchen, in seiner Mittagsruhe durch nichts zu erschüttern. Ein anderer hätte konzentriert den Bildschirm studieren müssen, als eine Aktentasche mit brisantem Inhalt durch seine Sicherheitsschleuse glitt, durch ein Gerät, wie man es von Flughäfen kennt. Der flüchtige Kontrolleur aber war zu sehr in den Plausch mit seinen Kollegen vertieft, weshalb er geflissentlich ignorierte, was in der Tasche steckte: Flüssigsprengstoff und ein Zünder.Es ist eine peinliche Pannenserie, die Inspektoren des US-Kongresses in einem Bericht auflisten, der seit gestern für Furore in Washington sorgt. Zwei Monate lang, im April und Mai, sollten die Prüfer testen, wie zuverlässig die Regierungsgebäude der amerikanischen Hauptstadt bewacht werden. Niederschmetternder hätte ihr Urteil kaum ausfallen können. "Es ist die schärfste Anklage, die ich je über eine Agentur der Bundesregierung gelesen habe", wettert der Parlamentsveteran Joe Lieberman, der den Senatsausschuss für Heimatschutz leitet. "Es ist als hätte es den 11. September nie gegeben." Der Schock der Terroranschläge des 11. September 2001, er ließ die marmornen Kolossalbauten des Politikbetriebs auf dem Capitol Hill zu hermetisch abgeriegelten Festungen werden. Kein Gebäude ohne Röntgenschleuse, keine Tür, vor der Uniformierte nicht misstrauische Blicke schweifen lassen. So wirkt es jedenfalls beim flüchtigen Hinsehen. So sollte es wirken, als George W. Bush die Sicherheitsvorkehrungen drastisch verschärfte und für den Kampf gegen Terroristen eine neue Riesenbehörde schuf, das Ministerium für Heimatschutz, Homeland Security. Allein beim Federal Protective Service, zuständig fürs Bewachen, stehen mehr als 13 000 Sicherheitsleute unter Vertrag. Pro Jahr schlägt der Aufwand mit rund einer Milliarde Dollar zu Buche. Umso ernüchternder liest sich, was die Prüfer zu Papier brachten: Vieles ist nur teure Kulisse. Am besten bewiesen hat es Mark Goldstein, der Chef des Inspektorenteams, durch eine Art Sprengstofftest. Für 150 Dollar ließ er Baukomponenten für Bomben kaufen und selbige in zehn Amtsgebäude schmuggeln, die unter der Überschrift "high security" als besonders behütet gelten. Drinnen sollten Goldsteins Männer zur nächsten Toilette laufen, um ihre Sprengsätze zusammenzusetzen. Bei neun von zehn Anläufen gelang es problemlos, nur einmal schöpfte ein Pförtner Verdacht. Gleichsam als Draufgabe filmten die getarnten Detektive eine Szene, die an Cowboys im Kino denken lässt. Ein Wachposten übte auf dem Klo, wie man die Waffe schnell zieht. Dabei löste sich versehentlich ein Schuss. Der Spiegel, in dem er sich bewundernd zusah, zerfiel in unzählige Scherben.