Pfarrer Jörg Metzinger hat die Kurzgeschichte "Herr Sutter und seine Schwestern" geschrieben.

Pfarrer Jörg Metzinger : Ein Buch mit Herz

Lange Zeit hat Jörg Metzinger, Pfarrer aus Schafbrücke, selbst auf ein Spenderherz gewartet. Jetzt hat er ein Buch geschrieben, das diesen zermürbenden Kampf thematisiert. Aber warum endet es mit der Weihnachtsgeschichte?

Herr Sutter bricht öfter Mal in Tränen aus. An Weihnachten nicht. Das mag daran liegen, dass der Herr Sutter „Berufschrist“ ist, so nennt das Jörg Metzinger (56), Pfarrer der Evangelischen Kirche am Lorenzberg in Schafbrücke. „Herr Sutter und seine Schwestern“ ist sein erstes Buch, eine Kurzgeschichte über 424 Tage Wartehaft in der Heidelberger Universitätsklinik. Metzinger brauchte wie sein Held Sutter ein Spenderherz, schleppte sich wie der im traurigkomischen Rollatoren-Konvoi über die Flure, schaffte es genau zweimal bis vor die Kliniktür. Als Sutter dort der Frühling in die Nase fuhr, weinte er. An Heiligabend 2017 passierte ihm nichts dergleichen, vermutlich rettete ihn die biblische Weihnachtsgeschichte. Das würde Metzinger nie so sagen, denn Sentimentalität ist das Letzte, was er sich erlauben würde. Als Autor und Leser steht er auf satirische Zuspitzung und (Selbst-)Ironie.

Es ist kein Zufall, dass Metzinger am 27. Juli 2018, am Tag seiner Transplantation, den „Felix Krull“ von Thomas Mann mitnahm, als er für die OP vorbereitet wurde. „Einer von zehn bleibt auf dem Tisch“, sagt Metzinger in der für ihn charakteristischen drastischen Nüchternheit. Und nein, er erlebte, anders als in vielen Herzschmerzgeschichten über Transplantationsschicksale nachzulesen, keinen magischen Moment der Wiedergeburt, fühlt sich nicht mit einem „zweiten Leben“ beschenkt: „Die schwere Krankheit hat mich verändert, das war nicht das neue Herz.“ Metzinger ist aus seiner Sicht schlicht ein neuer Motor eingebaut worden. Er schätzt die durch die Deutsche Stiftung Organspende (DSO) geregelte Anonymität des Verfahrens: „Wenn die Angehörigen des Spenders und der Empfänger zu viel voneinander wissen, bringt man sich nur in eine problematische Situation.“ Metzinger genügt die Begeisterung der Ärzte für sein kräftiges neues Organ, das, so Ultraschallbefunde, einem jungen Mann gehört haben muss.

Bereits während seines Klinikaufenthaltes, den er als „Haft ohne Freigang“ beschrieb, gab Metzinger der SZ Interviews, war auf größtmögliche Offenheit und Aufklärung bedacht. Man erfuhr, wie dreckig es ihm just nach der OP ging, viel schlechter als vorher. Drei Wochen dämmerte Metzinger vor sich hin, bekam Nierenprobleme, stand kurz vor der künstlichen Ernährung. Als es aufwärts ging, war er zu schwach, die Saarbrücker Zeitung zu halten – Rettung als Alptraum. 20 Kilo hat ihn das alles gekostet, mittlerweile ist Metzinger stolz „auf die Figur, die ich mit 20 hatte“. Mit Wonne und Sinn für britische Eleganz hat er sich neu eingekleidet. Nicht nur äußerlich vollzog sich eine Veränderung, zuhause läuft ein Kehraus. „Reverend Blues“ verkauft ein Großteil seiner riesigen Musikausstattung; Gitarren, Verstärker und Mischpulte gehen in den Verkauf. Metzinger möchte sich zukünftig nur noch auf eine Band, die „Fabolous Blues Kings“, und genau auf die Musikrichtung konzentrieren, die ihm wirklich Spaß macht: Blues. Weniger Proben, weniger Auftritte, mehr Privatleben. Er sagt: „Ich war eine Kerze, die an zwei Enden brannte, immer hungrig nach Schulterklopfen und Erfolg.“ Während seiner Wartezeit ging er hart mit seiner „Hybris“ ins Gericht. Allerdings suchte die sich ein Hintertürchen, denn jetzt will er als Autor reüssieren: Das zweite Buch „Herr Sutter und diese Kinder“ ist bereits fertig. Weil „selbsttherapeutische Bücher“ ihm ein Graus sind, nahm er flugs Abstand vom zunächst gewählten Tatsachen- und Erlebnisbericht-Stil. Für „Herr Sutter und seine Schwestern“ begab sich Metzinger in die Fiktion, verknappte und verknetete Ereignisse, unterfütterte alles mit schwarzem Humor, die Personen blieben jedoch erkennbar. Alle Begleiter waren damit einverstanden. Denn Metzinger wollte und will mit seinem Buch endlich mal dem Pflegepersonal gerecht werden, das, wie er sagt, beim Überleben bis zur Transplantation genau so entscheidend sei wie die Ärzte. In allen journalistischen Beiträgen über Organspende würden diese Menschen ausgeblendet, zählten nur die Patienten.

Tatsächlich wurde Metzinger selbst im Saarland zum prominenten Gesicht für das Thema Organspende-Mangel, er klärte über Defizite im Verfahren auf, appellierte an die Spende-Bereitschaft seiner Mitbürger. Er ist nun mal ein politischer Kopf, ein Engagierter, wie er unter anderem als Organisator der „Bunt statt braun“-Demos bewies.

Wenn es um Gott-Erfahrungen in Zusammenhang mit seiner lebensbedrohlichen Erkrankung geht, wird der Pfarrer jedoch karg: „Glauben ist eine ganz persönliche Erfahrung und nicht vermittelbar.“ Aber warum lässt Metzinger sein Buch dann ausgerechnet mit der Weihnachtsgeschichte enden? Im Buch zieht sich Herr Sutter von einem ganz und gar irdischen Lecker-Essen-Fest mit brutzelndem Raclette-Käse zurück, von einer Party mitten auf dem Flur der Herzinsuffizienz-Wach-Station, wo nebenan Menschen wiederbelebt wurden. Trotzdem war da kein Platz für Gott. Metzinger hatte mit Ähnlichem gerechnet, aber sich selbst überschätzt: „Ich dachte, das reitest du ab, das steckst du nach allem jetzt auch noch weg.“ Doch dann waren da die Erinnerungen an 15 Jahre Heiligabend in seiner Gemeinde, an 15 Großkampftage mit Pflicht und Vergnügen: 15.30 Uhr Krippenspiel, 18 Uhr Christvesper, 23 Uhr „Holy Jesus Birthday Night“-Party mit seiner Band, 24 Uhr Auftritt in der Johanneskirche in einer Art Weihnachts-Kult-Show. „Weihnachten ist für uns Pfarrer das, was Muttertag für Floristen ist“, so Metzinger. Die Leute erwarteten eine programmatische, bewegende Rede, Charisma. Das bringt hohen Leistungsdruck mit sich. In diesem Jahr wieder. Metzinger hat sich entschieden, nach zwei Jahren heute Abend erstmals wieder zu predigen. Inspiration bot ihm eine Hipster-Krippe, auf die er im Internet stieß: Die Heiligen Drei Könige haben Amazon-Pakete unterm Arm, und Josef schießt mal schnell ein Selfie von der Heiligen Familie.

Wenn Metzinger über Weihnachten spricht, hört man nicht die üblichen Floskeln wie Fest der Liebe, der Dankbarkeit oder der Hoffnung. Metzinger definiert Weihnachten als „Fest der Nähe Gottes“. Das klingt theologisch-abgehoben, doch er hat es konkret erlebt, 2016, damals war er schon ein schwerstkranker Mann und nahm nur als Gast am Gottesdienst in Schafbrücke teil. Er erfuhr: Man muss nicht immer selbst was tun, man wird beschenkt, auch wenn man nicht funktioniert. Ein „göttlicher Moment“, Ergriffenheit – „Ich hab’s kaum ausgehalten.“ Metzinger verschluckt sich fast an all den großen Worten. Nur nicht kitschig werden! Kopf über Herz! Dann kommt er zurück auf den Heiligabend vor einem Jahr: „Ich hab mich sehr einsam gefühlt, nachdem ich vor dem anderen geflohen war. Die Weihnachtsgeschichte war da wehmütiger Trost. Und ich war nicht allein: ‚Euch – also auch mir – ist heute der Heiland geboren...’“ Mehr Weihnachten geht nicht.

„Herr Sutter und seine Schwestern“, 92 Seiten, Geistkirch-Verlag.