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Österreicher bellen, aber beißen nicht

Österreicher bellen, aber beißen nicht

Stolze 24 Mal hatte der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer seinen Kontrahenten Alexander Van der Bellen im letzten TV-Duell eine "Lüge" oder das Verbreiten einer Unwahrheit vorgeworfen. Das war für viele Zuschauer offensichtlich doch des Diplomatischen zu wenig. Ein Mann derart rüder Direktheit als Vertreter Österreichs auf dem nationalen und internationalem Parkett? "Es gab eine Mehrheit für ein traditionelles Amtsverständnis - ruhig, sachlich, diplomatisch", analysierte der Politologe Peter Filzmaier gestern Abend im ORF das dann doch erstaunlich klare Ergebnis: Van der Bellen kam Hochrechnungen zufolge auf 53,6 Prozent der Stimmen, Hofer schaffte 46,4 Prozent. Die FPÖ erkannte die Wahlniederlage nach wenigen Minuten an und versicherte, dass sie das Ergebnis nicht anfechten werde. Einen wesentlichen Ausschlag zugunsten des 72-jährigen Wirtschaftsprofessors gab offenbar auch sein klarer Pro-Europa-Kurs. Für 65 Prozent seiner Wähler war diese Einstellung das entscheidende Motiv für ihre Entscheidung.

"Das ist ja nicht das Ende der Geschichte", sagte etwas zerknirscht FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl . Vielleicht nicht das Ende, aber es ist ein gehöriger Dämpfer für die Rechtspopulisten - möglicherweise europaweit. Die AfD in Deutschland, der Front National in Frankreich und die niederländische Freiheitspartei von Geert Wilders standen schon in den Startlöchern, um den erhofften Sieg Hofers im kommenden Jahr in eigene gute Wahlchancen umzumünzen.

Hofer, der sich mit 45 Jahren für eine Kandidatur zunächst zu jung gefühlt hatte, schien der richtige Mann zur richtigen Zeit für die FPÖ. Er war im Januar bei einem Zuspruch von nur acht Prozent gestartet und hatte lange Zeit die besseren Karten. Dank der erfolgreichen Anfechtung der ersten Stichwahl am 22. Mai durch die FPÖ bekam er eine zweite Chance. Gemessen an den oft polternden Auftritten seiner europäischen Gesinnungsgenossen aus dem jeweils patriotischen Lager musste Hofer als auffallend geschmeidig und eloquent durchgehen. Zuletzt wurde er - von wenigen Ausnahmen wie dem TV-Duell abgesehen - immer zahmer. "Sein Auftreten erinnert an einen Pfarrer: lächelnd, gütig, verständnisvoll, verzeihend", sagt der Chef des Meinungsforschungsinstituts OGM, Wolfgang Bachmayer. Möglicherweise zu zahm für seine an Derbheiten gewöhnte Klientel.

Gegenüber dem rhetorisch geschulten Hofer hatte Wahlsieger Van der Bellen oft hölzern gewirkt. Doch der renommierte Ökonom hielt unbeirrt an seiner Gegenposition einer weltoffenen, multikulturellen Gesellschaft fest. Der selbst ernannte Kämpfer für die "Vereinigten Staaten von Europa" setzt sich auch für Minderheitenschutz und das Recht auf gleichgeschlechtliche Eheschließungen ein. Gerne verweist der 1944 in Wien geborene Van der Bellen darauf, dass er selbst ein "Flüchtlingskind" sei. Seine Eltern, ein russischer Aristokrat und eine Estin, waren vor dem Stalinismus geflohen.

Erfolgreich warnte Van der Bellen im Wahlkampf immer wieder vor einem Öxit, der laut Umfragen in der vom Tourismus und vom Export abhängigen Alpenrepublik eher unpopulär wäre. Gestern gelang es ihm nach einem ersten Überblick gerade auf dem Land, wo er vor sechs Monaten schwach abgeschnitten hatte, zu punkten. Aus Sicht von Politberater Thomas Hofer spielte auch der lange Wahlkampf eine Rolle: "Der FPÖ-Wähler ist auch ein scheues Reh." Er stimme gern gegen das Establishment, reagiere aber auch derart gereizt auf den Politik-Zirkus, dass er gar nicht mehr zur Wahl gehe.

Von einer Wahlanfechtung ist dieses Mal bei der FPÖ nicht die Rede. Im Gegenteil gratulierten alle Granden der Partei brav dem Sieger. "Wir werden in Demut das Wahlergebnis zur Kenntnis nehmen", hatte sich Hofer schon bei seiner Stimmabgabe in Pinkafeld im Burgenland festgelegt. Der FPÖ-Vorsitzende Heinz-Christian Strache erklärte nach der Niederlage: "Die Zeit war noch nicht reif dafür, aber vielleicht ist sie es bei der nächsten Bundespräsidentenwahl." Das Motto für Van der Bellen in den nächsten Monaten ist klar: Er muss das zerrissene Land wieder einen. Das hatte er schon bei seiner ersten Rede als gewählter Präsident am 22. Mai angekündigt. Diese Rede kann er jetzt noch mal halten.