O du fröhliche Familienzeit

Saarbrücken. Weihnachtszeit ist Stauzeit. Nicht nur verkehrstechnisch, sondern auch psychisch. Denn dann läuft das größte Familienzusammenführungs-Programm des Jahres. Sagen wir es noch drastischer: Zwischen 24. und 26. Dezember herrscht Familienzwang. Wieso eigentlich? Das hängt mit der biblischen Weihnachtsgeschichte zusammen

Saarbrücken. Weihnachtszeit ist Stauzeit. Nicht nur verkehrstechnisch, sondern auch psychisch. Denn dann läuft das größte Familienzusammenführungs-Programm des Jahres. Sagen wir es noch drastischer: Zwischen 24. und 26. Dezember herrscht Familienzwang. Wieso eigentlich? Das hängt mit der biblischen Weihnachtsgeschichte zusammen. Am Anfang der christlichen Heilsgeschichte stehen nun mal eine Geburt und das Bild von Vater, Mutter, Kind. "Heil" und "heilig" hat die Überlieferung das Trio gezeichnet. Gleichwohl war eben jene Vorbild-Familie ein ganz klein wenig "unheilig". Ein Hauch von Skandal liegt über ihr. Heute nennen wir das "Patchworkfamilie": Josef heiratete ein sehr junges schwangeres Mädchen. Er tat dies alles andere als enthusiastisch, nur auf Druck eines Engels. Denn eigentlich wollt er sich "in aller Stille von ihr trennen", wie es bei Matthäus heißt. Doch dann wurde er der Nähr- und Stiefvater von Jesus. Später kamen weitere Kinder hinzu, angeblich aus Josefs erster Ehe. Schließlich musste Maria "jungfräulich" bleiben. Nicht nur die Kirche glättete auf diese Art die Beziehungen in der "Heiligen Familie", auch Star-Künstler wie Raffael oder Michelangelo "adelten" ihr Bild, transportierten das Ideal eines friedvollen Miteinanders. Doch Weihnachten war damals noch kein intimes Fest. Im Mittelalter feierte man es als öffentliches Ereignis mit Festumzügen und Krippenspielen. Die Aufklärung verbannte diesen "Aberglauben" von Straßen und Märkten. Doch richtig privat wurde es erst um 1850, mit Tannenbaum, Bescherung und Festmahl. Zeitgleich zur Aufwertung der "bürgerlichen Familie" als Gegenpol zum zunehmend rauer werdenden Erwerbsleben. Das Heim wandelte sich zum Nest.Dieser Kuschel-Gedanke trägt bis heute, meint der Tübinger Religionspädagoge Albert Biesinger. Weihnachten feiern mit Kindern und Großeltern liege im Trend, sagte er der Agentur dpa. "Stabil ist nur noch die Familie, nicht mehr die Arbeitswelt. Für viele ist die Familie geradezu heilig geworden." Insbesondere für junge Menschen. Laut Shell-Studie sind 75 Prozent der weiblichen und 65 Prozent der männlichen Jugendlichen überzeugt, dass eine Familie unabdingbar ist zum "glücklich sein". Über zwei Drittel wollen eigene Kinder haben. Wie passt das zur bundesweit schrumpfenden Zahl von traditionellen Familien? Im Saarland leben nur noch 37 Prozent der Bevölkerung in dieser Lebensform (1997: 44 Prozent). Parallel dazu nahmen alternative Familienverbände um 25 Prozent zu. Allein im Saarland leben 210 000 Alleinerziehende, nicht selten in Wohngemeinschaften mit ihren Eltern oder einem neuen Partner. Und immer mehr Jugendämter müssen Kinder vor ihren Eltern in Schutz nehmen: Die Zahl der Inobhutnahmen stieg im Saarland 2009 um mehr als 50 Prozent. Demnach straft die Realität das Ideal Lügen. Doch genau aus dieser Verunsicherung heraus entwickeln heutige Jugendliche weit mehr Erwartungen gegenüber einer familiären Gemeinschaft als noch vor 20 Jahren. Auch deshalb, weil die gesamte Politik - bis hin zur "Herdprämie" der Linken - eine "rückwärtsgewandte" Ideologie befördere und niemand neue Leitbilder für das Zusammenleben entwickele. Das ist die These des Familienpsychologen Professor Dr. Matthias Petzold (Köln). Der ökonomische Druck auf Familien sei immens hoch, die persönliche Zufriedenheit der Verdienenden nehme ab, da sorge ein vertrauter Kreis für Entlastung: "In der Familie hat man keinen Druck, findet Rückhalt durch Gleichgesinnte, fühlt sich aufgehoben. Das stabilisiert das Selbstwertgefühl." Würde man ähnlich nicht auch Weihnachten definieren? Diese "romantischen" Assoziationen zu Weihnachten und Familie sind also nahezu deckungsgleich. Und außerordentlich gefährlich, will man sie an drei Tagen im Jahr "perfekt" ausleben. Denn ob der Heilige Abend gelingt, hängt davon ab, wie es an allen anderen Abenden zu Hause abläuft."Weihnachten ist eine Zeit, in der Beziehungen bestätigt werden: so gut, wie sie sind, oder so schlecht", sagt Dorothee Lappesehn-Lengler, Autorin und Leiterin der Lebensberatungsstelle des Bistums Trier in Saarbrücken. Sie spricht aus 30 Jahren Berufserfahrung und rät: "Wenn es knirscht, knirscht es an Weihnachten weiter. Dann sollte man sich nicht zwingen, viel Zeit miteinander zu verbringen, sondern sie so kurz halten wie möglich." Es gelte, Rituale jedes Jahr neu zu überprüfen: "In welcher Phase sind wir? Passt dies alles noch zur aktuellen Situation?" Etwa mit jugendlichen "Partyschwärmern" oder mit einer demenzkranken Mutter. Sonst kippt die Lametta-Seligkeit schnell ins Lamento oder in die Lüge. Zumal wir an Weihnachten "gefühliger" sind als sonst, weil dieses Fest eine Auszeit von der üblichen Rationalität zu erlauben scheint. Aber was tun mit gespaltenen Gefühlen zu seinen Liebsten, mit Schuldgefühlen, Trauer oder Auseinandersetzungen zu einem Zeitpunkt, der nach feierlicher Vorfreude und Harmonie verlangt? Lappesehn-Lengler: "Man muss sich nicht lieben, um respektvoll miteinander umzugehen." Ein Rat nicht nur für Weihnachten, sondern für alle Tage.

HintergrundFamilienzwist an Weihnachten hat nach Auffassung von Heinz Krämer, Leiter von pro Familia in Saarbrücken, abgenommen. ."Es kracht weniger als erwartet", sagte er der SZ. Er beobachtet eine rückläufige Tendenz. Früher hätten sich Trennungssituationen gerade über Weihnachten zugespitzt: "Man nahm Rücksicht auf die Kinder, denen man das Fest nicht verderben wollte, oder sagte: Das kann ich meinen Eltern ausgerechnet jetzt nicht zumuten." Heute hätte die soziale Ächtung von Trennung abgenommen, man trenne sich leichter, es gebe das ganze Jahr über Gelegenheit dazu. ce